Der Umweltaktivist und Unternehmer Daniel Batten hat sich die letzten Monate damit beschäftigt, das neue ESG-Narrativ von Bitcoin zu untersuchen und es mit Fakten zu untermauern. Dazu hat er über die Plattform 𝕏 bereits einige Aspekte veröffentlicht – Blocktrainer.de berichtete. Nun hat er seinen umfangreichen Bericht fertiggestellt. Wenn Bitcoin aufgrund einer soliden Faktenlage nicht mehr als Problem, sondern als Lösung angesehen würde, könnten enorme Summen, die derzeit in ESG-Fonds hinterlegt sind, in die Bitcoin-Mining-Industrie fließen und so weitere Investoren anziehen, so die Überlegung von Batten.

Bitcoin und die ESG-Fonds

Batten beziffert die derzeit in ESG-Fonds hinterlegten Gelder auf 23 Billionen US-Dollar, die aufgrund von fehlerhaften Informationen nicht in Bitcoin investiert werden können. Er geht davon aus, dass nur ein kleiner Teil dieser finanziellen Mittel Bitcoins Marktkapitalisierung über der Eine-Billionen-Dollar-Marke festigen und ihn so wahrnehmbarer für institutionelle Investoren bei der Wahl zwischen den großen Vermögenswerten machen könnte. Momentan ist der Markt für Immobilien mit 328 Billionen US-Dollar das wertvollste Anlageprodukt, gefolgt von Fiat-Währungen (156 Billionen US-Dollar) und Aktien (109 Billionen US-Dollar). Selbst der Goldmarkt mit 12,7 Billionen US-Dollar ist derzeit mehr als das 18-fache wertvoller als Bitcoin mit 0,7 Billionen US-Dollar. Je höher die Marktkapitalisierung liegt, desto wohler fühlen sich große Investoren, ihr Geld dort zu investieren.

Mithilfe der Analysen von Willy Woo stellt Batten fest, dass nur ein Prozent der in den ESG-Fonds hinterlegten Finanzmittel Bitcoins Marktkapitalisierung bereits auf 1,68 Billionen US-Dollar ansteigen lassen würde. Bei 2,5% wären es sogar 3,3 Billionen US-Dollar. Dies würde die institutionellen Anleger auf Bitcoin aufmerksam machen. Durch ihre zusätzlichen Investitionen würde eine positive Rückkopplungsschleife entstehen und Bitcoins Wert weiter ansteigen – katalysiert durch die ESG-Fonds.  

Weiterhin wird in dem Bericht betont, dass knapp ein Drittel der ESG-Anleger momentan Probleme hat, attraktive ESG-Investitionsmöglichkeiten zu finden. Die Nachfrage übersteigt das Angebot. Batten sieht Bitcoin „als die am schnellsten wirkende und weitreichendste messbare Cleantech-Technologie“, die diese Nachfrage bedienen könnte. Dazu müssten jedoch aussagekräftige Daten und Fakten vorliegen sowie Maßnahmen durchgeführt werden.

Die fehlerhafte Cambridge-Studie

Batten stellt fest, dass viele ESG-Argumente, die gegen Bitcoin vorgebracht wurden und die institutionelle Akzeptanz beeinträchtigen könnten, auf einer Studie des Cambridge Centre for Alternative Finance beruhen. 

Bitcoin würde vorrangig fossile Brennstoffe verwenden und deren Nutzung fördern, mit Kohle als größter Energiequelle. Die Emissionen und die Emissionsintensität würden demnach sehr hoch sein und weiter ansteigen. Auch Kritiker in Deutschland stützen sich auf diese Studie – Blocktrainer.de berichtete.

Bei einer näheren Auseinandersetzung mit der Studie stellt Batten schnell fest, dass sich die Ergebnisse stark von den Resultaten des Bitcoin Mining Councils unterscheiden und die Mining-Daten, die Cambridge anführt, veraltet bzw. nicht aktuell sind. Bei der Dynamik des Bitcoin-Minings seien aktualisierte Daten jedoch notwendig. Dies trifft auch auf bestimmte Grafiken zum Bitcoin-Mining zu. Die Grafik der Emissionsintensität wurde seit Januar 2022 nicht mehr weitergeführt, sodass keine aktuellen Daten vorliegen. 

Dadurch würden viele Aussagen verzerrt werden, wie zum Beispiel bei Kasachstan, das vorwiegend auf fossile Energiequellen setzt. Während Kasachstans Anteil an der weltweiten Hashrate Anfang 2022 noch 13,2% betrug, steuert das Land heute mit einer Leistung von 100 Megawatt (MW) weniger als ein Prozent zur globalen Hashleistung (15.000 MW) bei.

Ein weiterer Kritikpunkt an den Daten der Cambridge-Studie ist das Ignorieren einiger Aspekte, wie zum Beispiel der netzunabhängigen Mining-Anlagen (Off-Grid).

BEEST-Modell von Batten

Daniel Batten hat für die Off-Grid-Anlagen selbst ein eigenes Modell mit dem Namen BEEST (Bitcoin Energy & Emissions Sustainability Tracker) entwickelt. Es handelt sich dabei um die Daten von 52 Off-Grid-Mining-Unternehmen, die nicht von Cambridge berücksichtigt wurden. Fünf nutzen fossile, sechs gemischte und 41 nachhaltige Energiequellen.

Die erneuerbaren Stromquellen wurden mit der Zeit immer günstiger und Bitcoin-Miner suchen nach günstigem Strom, sodass dieses Ergebnis nicht verwundern sollte.

Somit werden 79,2 % der Off-Grid-Anlagen mit komplett nachhaltigen Energiequellen betrieben. Durch die Vernachlässigung dieser Anlagen sei die Cambridge-Studie nicht aussagekräftig, heißt es in dem Bericht.

Ende August dieses Jahres räumte Cambridge bereits selbst ein, dass der Energieverbrauch und die Emissionen in ihrem Modell zu hoch eingeschätzt wurden, woraufhin Bloomberg dieses Modell fallen ließ und schließlich BEEST verwendete, da es „präziser“ sein soll. Diese Neubewertung könnte auch einige ESG-Investoren beeinflussen.

Batten hat die beiden Modelle zusammengeführt und somit die Gesamtdaten aktualisiert und aussagekräftiger gemacht. Anhand der Ergebnisse kann man sagen, dass das Bitcoin-Netzwerk momentan 53,8 % (im Juli 52,6 %) nachhaltige Energiequellen und damit mehr als alle anderen globalen Industrien nutzt. Keine andere Industrie nutzt eine nicht fossile Energiequelle als Hauptquelle, während es bei Bitcoin mit 23,5 % die Wasserkraft ist. Beim fehlerhaften Cambridge-Modell war die Kohle auf Platz 1, die mit 22,8 % tatsächlich jedoch auf dem zweiten Platz liegt.

Außerdem haben weder die Emissionen noch die Emissionsintensität zugenommen. Letztere hat sich in den letzten vier Jahren sogar von 600 g/kWh auf 299 g/kWh (die niedrigste aller großen globalen Branchen) halbiert, während die Hashrate um 475 % und der Preis um 163 % angestiegen sind. 

Damit ist Bitcoin die einzige Branche weltweit, in der das Wachstum der Branche nicht zu einem Anstieg der Emissionen geführt hat.
Daniel Batten, Auszug aus dem Bericht

Die ESG-Kritikpunkte, die gegen Bitcoin angeführt wurden, sind somit falsch und sogar irreführend. Bitcoin ist in Bezug auf verschiedene ESG-Kriterien besser als jede andere globale Industrie! Sofern die Voreingenommenheit gegenüber Bitcoin abgelegt wird, dürfte die hiermit bewiesene Nachhaltigkeit somit nicht nur positive Auswirkungen auf die mediale Berichterstattung, die institutionellen Anleger oder Unternehmen wie Tesla haben, sondern könnte auch die Politik beeinflussen, die derartige Fakten für ihren Umgang mit der Mining-Industrie benötigen. Laut Batten lege es nur noch daran, die Voreingenommenheit zu überwinden und Maßnahmen folgen zu lassen.

Methanreduzierung

Gute Daten und Modelle können Bitcoin gegen Unwahrheiten verteidigen und zeigen, dass Bitcoin eine gute ESG-Investition ist. Aber die Methanreduzierung kann Bitcoin für immer zum besten ESG-Asset der Welt machen.
Daniel Batten, Auszug aus dem Bericht

Die ESG-Fonds, die US-Regierung und der Internationale Währungsfonds (IWF) sind sich einig, dass Bitcoin eine gute Option wäre, wenn man messbar beweisen könnte, dass man mit Bitcoin-Mining Methanemissionen reduzieren kann. Diese belasten die Umwelt 84 Mal stärker als Kohlendioxidemissionen und steigen immer schneller an. Obwohl die Bekämpfung der Methanemissionen laut UN die stärkste Waffe gegen den Klimawandel darstellt, wurde bis jetzt wenig unternommen. Dies liegt laut Batten primär an der nicht vorhandenen Rentabilität.

Um das Jahr 2032 werden laut World Bank und Nasa Mülldeponien die Landwirtschaft als die größte Methan produzierende Branche ablösen. Bitcoin-Mining bietet die Möglichkeit, diese Methanemissionen gewinnbringend um fast 100 % zu reduzieren. Das Deponiegas muss dazu zunächst gereinigt und komprimiert werden, um in einen Generator geleitet zu werden, in dem Strom erzeugt wird. Es wird geschätzt, dass der Verkauf an einen Stromnetzbetreiber aufgrund der fehlenden und zu teuren Infrastruktur in 50 % der Fälle keine Option für die Deponiebetreiber darstellt. Doch Bitcoin-Miner sind die Lösung für diese Mülldeponien. Die energiehungrigen Bitcoin-Mining-Unternehmen können ihre mobilen Rechenzentren nahezu überall errichten und wollen dies auch tun, um kostengünstige Energie zu erhalten. Es würde sich für sie wirtschaftlich lohnen, ihren Betrieb direkt auf Mülldeponien durchzuführen und sogar zusätzliche Investitionen in Millionenhöhe in GCCS-Anlagen (Gassammel- und Kontrollsysteme) und Generatoren zu tätigen. Batten erklärt, dass es sonst keine anderen Abnehmer dafür gebe, vergisst dabei aber das High-Performance-Computing (HPC) oder die Künstliche Intelligenz, die ebenfalls auf temporären Berechnungen beruhen, die in mobilen und modularen Rechenzentren durchgeführt werden können.

Durch derartige Rechenzentren könnten also 50 % der Mülldeponien auf der ganzen Welt gewinnbringend bewirtschaftet werden. Einige Firmen haben sich dementsprechend aufgestellt (Nodal Power, Vespene Energy, DC Two, Crusoe Energy) und kooperieren mit Bitcoin-Mining- oder Energieunternehmen, wie Marathon oder Exxon. Crusoe Energy verfolgt einen etwas anderen Ansatz, indem das Unternehmen auf Ölfeldern mit abgefackelten Methan entsprechende Rechenzentren betreibt. Allein dadurch werden bereits jetzt jährlich ca. vier Prozent der Emissionen des gesamten Bitcoin-Netzwerks reduziert. Würde man dieses Konzept auf vier mittelgroße Mülldeponien übertragen, könnte sich die Emissionsreduzierung nahezu verdreifachen, schätzt Batten. Mit der entsprechenden Technologie würde das innerhalb eines Jahres realisierbar sein.

Doch es geht noch besser:

Wenn Bitcoin-Mining-Projekte auf 35 mittelgroßen Venting-Deponien [ohne Abfackeln] finanziert würden, wäre Bitcoin die erste Industrie der Welt, die treibhausnegativ wird, ohne Kompensationen.
Daniel Batten, Auszug aus dem Bericht

Den Unternehmen und Deponiebetreibern fehlt es jedoch an finanziellen Mitteln, sodass Batten mit seinem Unternehmen CH4-Kapital behilflich sein will, indem er mit Climatech-Fonds die Infrastruktur finanziert. Dazu stellt Batten einige Berechnungen auf: Um negative Emissionen mit der Vorgehensweise von Crusoe Energy (das 505 Millionen US-Dollar investierte, um vier Prozent zu reduzieren) zu erreichen, müsste man 12,1 Milliarden US-Dollar auftreiben. Wenn man jedoch auf das Abfackeln verzichten würde, wären nur 421 Millionen US-Dollar Investitionskapital erforderlich, da ohne Abfackeln zehnmal mehr Emissionen reduziert werden.

Eine konkrete Berechnung für Mining-Unternehmen hat Batten mit einem Thread auf 𝕏 nachgereicht. Diese müssten die gesamten Investitionskosten übernehmen und zusätzlich circa einen Cent pro kWh Strom an den Deponiebetreiber bezahlen (wenn er keine anderen Abnehmer hätte). Wenn einige Grundvoraussetzungen erfüllt sind – wie gut gewartete vertikale Bohrlöcher mit guten Abdeckmechanismen zum Zurückhalten des Methans, kein passives Abfackeln auf der Deponie sowie gute Bedingungen für die Stromaggregate –, wäre für eine optimale Umsetzung eine Leistung von vier Megawatt erforderlich. Das Unternehmen müsste für die vier MW circa zehn Millionen US-Dollar für GSSC-Anlagen (1,1 Mio. $), Stromaggregate (4 Mio. $) und ASICs (inkl. Unterbringung und Netzwerk, 4,9 Mio. $) aufbringen. Dabei sind die Generatoren mit niedrigen Finanzierungssätzen leichter durch Kredite zu finanzieren als die ASICs und GCCS, da dies risikoreiche Anlagen sind, die schnell an Wert verlieren. Deshalb wird das finanzierende Unternehmen während der Kreditlaufzeit größtenteils die Einnahmen aus Emissionsgutschriften einnehmen. Zusätzlich müssten circa 25 % Eigenkapital aufgebracht werden, da nicht alles mit Krediten abgedeckt werden kann. Nachdem der Kredit abgezahlt ist, erhält das Mining-Unternehmen günstigen Strom und zusätzliche Einnahmen durch Emissionsgutschriften. Der Deponiebetreiber erhält 0,01 $/kWh bzw. circa 30.000 US-Dollar pro Monat, die er sonst nicht eingenommen hätte. Zudem kann entsprechend dem Kursverlauf von Bitcoin eine Gewinnbeteiligung bzw. Risikoteilung vereinbart werden.

Batten liefert somit nicht nur Modelle, die die Umweltauswirkungen von Bitcoin aussagekräftiger machen, er legt auch konkrete Finanzierungsmodelle vor, wobei er mit seiner Kapitalgesellschaft selbst GCCS und ASICS (alles außer Stromgeneratoren) finanzieren will.

Das große Ganze

Zum Schluss des Berichts verdeutlicht Batten, dass man sich lediglich auf einen Aspekt aller Umweltvorteile von Bitcoin konzentriert hat. Es gibt noch zahlreiche andere Umweltaspekte, bei denen Bitcoin eher nützlich sein kann, anstatt zu schaden. Zudem wurden die ESG-Komponenten „Soziales“, wie den Zugang zu Strom oder die Möglichkeit zum Sparen, oder „Governance“, womit sich zum Beispiel Anita Posch ausführlich beschäftigt, nicht behandelt. In Verbindung mit der Methanreduzierung auf Mülldeponien wird jedoch noch kurz auf einen sozialen Aspekt aufmerksam gemacht. 

Nach Angaben der UN ist Methan für mehr als eine Million vorzeitiger Todesfälle pro Jahr verantwortlich. Dies betrifft insbesondere die Müllsammler, die ihr ganzes Leben auf Mülldeponien verbringen, wie zum Beispiel in Haiti.

Die Projekte zur Methanreduzierung können den Müllsammlern einen existenzsichernden Lohn für die Mülltrennung mit geeigneten Werkzeugen und Schutzkleidung verschaffen. Da sich diese Projekte auf die Gesundheit und das finanzielle Wohlergehen ganzer Gemeinden auswirken, können die durch das Projekt erzeugten Emissionsgutschriften gegen eine höhere Prämie gehandelt werden, die ausreicht, um die zusätzlichen Kosten für diese Arbeit auszugleichen.
Daniel Batten, Auszug aus dem Bericht

Schließlich wird nochmals zusammengefasst, dass das neue Narrativ von Bitcoin mit dem neuesten und repräsentativsten Datensatz untermauert und dabei seine Führungsposition in zahlreichen Umweltaspekten bestätigt wurde. Somit dürften den Investitionen von ESG-Anlegern eigentlich nichts mehr im Wege stehen.

Stefan

Über den Autor: Stefan

Stefan ist studierter Medienwissenschaftler und Sinologe sowie selbstständig im künstlerisch-publizistischen Bereich. Neben den monetären Eigenschaften interessiert er sich vor allem für die sozialen und ökologischen Aspekte von Bitcoin und dem Bitcoin-Mining.

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