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Core Scientific setzt Zahlungen an Gläubiger aus – droht eine Kapitulation der Mining-Industrie?

Am von Core Scientific

Das nordamerikanische Mining-Unternehmen Core Scientific gab heute in einem SEC Dokument bekannt, die fälligen Zahlungen seiner Schulden bis auf Weiteres auszusetzen. Mit einer Hashrate von 4,9% ist Core Scientific der größte öffentliche nordamerikanische Bitcoin-Miner. Eine Insolvenz des Unternehmens könnte zu einer Kapitulation des Mining-Marktes führen.

Gerüchte über eine mögliche Kapitulation nahmen bereits zu

Bereits in den letzten Tagen wurde auf Bitcoin-Twitter vermehrt über eine mögliche Kapitulation der Mining-Industrie spekuliert. Denn während sich der Bitcoin-Preis seit mehreren Monaten in einem Preisniveau zwischen 18.000 US-Dollar und 21.000 US-Dollar befand, nahm die Hashrate weiter zu. Blocktrainer.de berichtete über den Anstieg der Hashrate, welche im September einen neuen Höchststand von 282 Exahashes pro Sekunde (EH/s) verzeichnete. Im Juli lag diese noch bei 200 (EH/s). Eine Zunahme von knapp 40% innerhalb von drei Monaten.

Die Hashrate des Bitcoin-Netzwerks. Quelle: Glassnode

Der Bitcoin-Preis dagegen blieb auf seinem gewohnten Niveau. Dies führte dazu, dass die Gewinnmarge der Miner weiter abnahm. Die Miner decken primär ihre Kosten aus dem Verkauf ihrer geschürften Bitcoin. Fällt der Bitcoin-Preis, während die Hashrate steigt, geraten die Miner unter Druck, denn für ihre eingesetzte Rechenleistung erhalten sie im Verhältnis eine geringere Anzahl von Bitcoin. Dieser Rückgang lässt sich anhand der Bruttomarge der Mining-Geräte ablesen. Im Oktober letzten Jahres betrug die Bruttomarge eines Antminer S19j Pro 88%. Derzeit liegt dieser Wert bei nur noch 38%.

Die Gewinnmarge der verschiedenen Mininggeräte. Quelle: Twitter Jaran Mellerud

Für einige aus der Bitcoin-Community war es daher nur eine Frage der Zeit, bis der Druck auf die Mining-Unternehmen zu groß wird und einige Mining-Unternehmen ihren Betrieb einstellen müssen. Der Markt-Analyst von Bitcoin Magazine Dylan LeClair twitterte am Sonntag bereits, dass es Gerüchte gibt, dass einige größere Mining-Unternehmen in Schwierigkeiten sind. Fünf Tage später setzte daraufhin das Unternehmen Core Scientific nun seine Zahlungen aus.

Einige saftige Gerüchte gehen herum, dass einige bekannte Bitcoin-Miner in Schwierigkeiten sind.

Sie können es an der explodierenden Hashrate sehen, der Druck für einige Mining-Unternehmen baut sich immer weiter auf.

Ich werde keine Namen preisgeben.

Dylan LeClair, Markt-Analyst Bitcoin Magazine

Core Scientific in Zahlungsschwierigkeiten

Das eingereichte Dokument von Core Scientific ist besorgniserregend. Zunächst geht Core Scientific auf die Gründe für den Zahlungsstopp ein. Hier werden die steigenden Stromkosten, Liquiditätsschwierigkeiten aufgrund der Celsius Insolvenz, der niedrige Bitcoin-Preis und die Zunahme der Bitcoin-Hashrate genannt.

Anschließend ging das Unternehmen auf die rechtlichen Möglichkeiten der Gläubiger ein, erklärte aber zugleich, dass Klagen gegen das Unternehmen zu weiteren Zahlungsausfällen führen könnten. Es wirkt, als würde Core Scientific seine Gläubiger darauf aufmerksam machen, dass im Falle einer Insolvenz das wirtschaftliche Risiko der Kredite auf die Gläubiger übergehen würde:

„Darüber hinaus hat der Vorstand entschieden, dass das Unternehmen die Ende Oktober und Anfang November fälligen Zahlungen[…]nicht leisten wird. Gläubiger können im Rahmen der Kreditbedingungen Abhilfemaßnahmen ergreifen […] oder auch das Unternehmen wegen Nichtzahlung verklagen. Solche Gläubigermaßnahmen können zu Zahlungsausfällen anderer Verschuldungsvereinbarungen des Unternehmens führen, einschließlich der Wandelschuldverschreibungen, die im Jahr 2025 fällig werden.“

Core Scientific, SEC-Dokument

Im nächsten Abschnitt ging Core Scientific näher auf die finanzielle Lage des Unternehmens ein und erklärte, dass die derzeitige wirtschaftliche Situation „schwer einschätzbar“ sei. Das Unternehmen erklärte, dass voraussichtlich die verfügbaren liquiden Mittel bis Ende des Jahres aufgebraucht seien. Core Scientific spricht zwar nicht direkt von einer Insolvenz, allerdings lässt ein weiterer Abschnitt des Dokuments darauf deuten, dass das Unternehmen kurz vor einer Insolvenz steht:

„Angesichts der Ungewissheit hinsichtlich der Finanzlage bestehen erhebliche Zweifel an der Fähigkeit des Unternehmens, seine Geschäftstätigkeit über einen angemessenen Zeitraum fortzuführen.“

Core Scientific, SEC-Dokument

Auch die Investoren verlieren das Vertrauen in das Unternehmen. Heute verlor die Aktie von Core Scientific 70% seines Wertes und wird derzeit bei 0,28 US-Dollar gehandelt. Seit November letzten Jahres verlor das Unternehmen 98% seines Börsenwertes.

Core Scientific Aktie in den letzten 12 Monaten – Quelle: Investing.com

Folgen für den Bitcoin-Markt

Der direkte Einfluss von Core Scientific auf den Bitcoin-Preis dürfte verschwindend gering sein. Das Unternehmen verkaufte über die letzten Monate hinweg bereits einen Großteil seiner Bitcoin-Bestände zur Deckung seiner Geschäftskosten. Derzeit verwaltet das Unternehmen lediglich noch 24 Bitcoin.

Auf die Hashrate könnte sich die Insolvenz hingegen auswirken. An der Hashrate gemessen ist Core Scientific mit 4,9% mit großem Abstand der größte öffentliche nordamerikanische Bitcoin-Miner. Mit 2,2% und 2,1% besitzen Marathon Digital Holding und Riot Blockchain zusammen eine geringere Hashrate als Core Scientific.

Der Anteil der öffentlichen nordamerikanischen Miner an der globalen Hashrate. Quelle: Twitter Dylan LeClair

Eine Insolvenz von Core Scientific könnte damit zu einem signifikanten Rückgang der Hashrate führen. Wenn weitere Mining-Unternehmen in Zahlungsschwierigkeiten geraten, könnte dies zu einer breiten Kapitulation der Mining-Industrie führen, ähnlich wie es in den letzten Bärenmärkten zu beobachten war.

Ein Unterschied zu den letzten Bärenmärkten liegt in der Kapitalstruktur der Mining-Unternehmen. Die größten nordamerikanischen Mining-Unternehmen sind keine privaten Unternehmen mehr, sondern sind an der Börse gelistet. Der Hauptgrund dafür ist der bessere Zugang zu neuem Kapital. Dies bedeutet aber auch zugleich, dass das wirtschaftliche Risiko auf eine größere Anzahl von Kapitalgebern verteilt wird. Mining-Unternehmen, welche Geschäftsbeziehungen zu Core Scientific hatten, wären damit direkt von der Insolvenz des Unternehmens betroffen. Damit wäre innerhalb der Mining-Industrie ein Contagion-Effekt möglich, ähnlich, wie es bei der Insolvenz von Celsius und dem DeFi-Sektor der Fall war.

Fazit

Die Kapitulation würde diejenigen Mining-Unternehmen unter Druck setzen, die die niedrigste Gewinnmarge aufweisen. Auch Unternehmen, welche nur mit billigen Krediten ihren Geschäftsbetrieb aufrechterhalten konnten, wären von der Kapitulation am stärksten betroffen. Mining-Unternehmen dagegen, welcher in der Vergangenheit bereits mit niedrigen Kapitalkosten operierten, dürften von der Kapitulation weniger betroffen sein.

Es bleibt abzuwarten, welche Folgen eine mögliche Insolvenz von Core Scientific für den gesamten Mining-Markt haben wird. Aus den letzten Bärenmärkten kann abgeleitet werden, dass eine Kapitulation der Mining-Industrie kurzfristig ein negatives Signal für den Bitcoin-Preis ist. Langfristig garantiert die Kapitulation allerdings, dass nur die effizientesten Miner weiterhin das Bitcoin-Netzwerk mit ihrer Rechenleistung absichern. Die vergangenen Bärenmärkte deuten also darauf hin, dass die Kapitulation kurzfristig ein bärisches, langfristig aber ein bullisches Zeichen für die Entwicklung des Bitcoin-Netzwerks ist.