In China sind die größten Hersteller von ASIC-Minern angesiedelt, die die ganze Welt mit ihren Geräten beliefern. Demnach ist Bitcoin-Mining ohne China kaum vorstellbar.

Meldungen und Gerüchte über ein vermeintliches „Verbot“ von Bitcoin und Bitcoin-Mining in China gab es seit 2013 mehrfach und sie waren seitdem immer wieder Bestandteil der Berichterstattung zahlreicher Medien. Die entsprechenden Meldungen lösten oft Kursverluste im Krypto-Markt aus, wurden meist aber auch als Panikmache (FUD – Fear, Uncertainty and Doubt) betitelt.

Das „Verbotsjahr“ 2021

Die ambivalente Haltung der chinesischen Regierung zu diesem Thema spiegelt sich auch im Jahr 2021 wider. Am 21. Mai 2021 hat der Ausschuss für die Entwicklung der Finanzstabilität auf der 51. Sitzung vorgeschlagen, das Mining und den Handel mit Bitcoin und anderen Kryptowährungen zu bekämpfen, um finanziellen Risiken für das Land und die Menschen vorzubeugen.  

Am 2. Juni 2021 berichtete die staatliche chinesische Nachrichtenagentur Xinhua, dass Dienstleistungen mit Kryptowährungen für Zahlungsanbieter und Finanzinstitute in Festlandchina verboten sind. So können Bitcoin und andere Kryptowährungen nicht in die chinesische Währung Renminbi umgetauscht und für Zahlungen und Abrechnungen verwendet werden. Die offizielle Begründung war der Schutz der Interessen der Menschen vor dem Betrug durch Anbieter nutzloser Kryptowährungen, die als Spekulationsobjekte mit großen Gewinnversprechen vermarktet werden. Laut Xinhua gibt es jedoch kein Verbot, dass den Bürgerinnen und Bürgern den Kauf von oder den Handel mit Kryptowährungen als virtuelle Ware auf eigenes Risiko untersagt – Blocktrainer.de berichtete

Bezogen auf das Mining seien zum einen der hohe Energieverbrauch und die damit verbundenen Emissionen problematisch für die Energieversorgung und Klimaziele Chinas, zum anderen aber auch die Tatsache, dass durch große Mining-Unternehmen sehr viel Kapital aus dem Land fließt. Deshalb haben chinesische Beamte zum Beispiel in der inneren Mongolei verschiedene Maßnahmen ergriffen und 35 Mining-Unternehmen bis Ende April 2021 geschlossen.

Zusätzlich hat die Nationale Entwicklungs- und Reformkommission (NDRC) am 24. September 2021 das Krypto-Mining auf die Liste der „veralteten Industrien“ gesetzt, nachdem die Behörden in Peking hart gegen Krypto-Miner vorgegangen waren. Obwohl es so scheint, dass die Kommission damit nach mehreren Jahren Unentschlossenheit einen endgültigen Standpunkt eingenommen hat, folgte eine durch sie initiierte Volksbefragung zu dem Thema, um die Meinung der Bevölkerung einzuholen. In diesem Zusammenhang veröffentlichte die Kommission auch einen Beitrag auf ihrer Website, in dem sie feststellte, dass die Vereinigten Staaten die Volksrepublik China als dominierende Bitcoin-Mining-Nation der Welt abgelöst haben.

Daniel Battens Kritik an westlichen Medien

Während im Jahr 2021 zahlreiche Mining-Unternehmen China verließen und ihr Equipment in unterschiedliche Länder – vor allem in die USA und Kasachstan – exportierten, um dort erneut mit ihrem Geschäftsmodell zu starten, berichteten zahlreiche westliche Medien über das „Mining-Verbot“ in China.

Der Umweltaktivist und Unternehmer Daniel Batten hat diese Berichterstattung in seinem zwölften Bitcoin Forecast kritisiert und verdeutlicht, dass Bitcoin-Mining „niemals in China verboten wurde“. Batten weist auf den Hashrate-Anteil von China vor und nach dem angeblichen Verbot hin. Anhand der Daten der Cambridge-Universität ist erkennbar, dass China im April 2021 noch circa 46 Prozent der Bitcoin-Hashrate lieferte, während der chinesische Anteil im Juli und August 2021 auf null gefallen ist. Die gesamte Bitcoin-Hashrate ist dadurch global um mehr als 51 Prozent gesunken – von 179,2 EH/s auf 87.7 EH/s. Doch schon im September 2021 betrug der Hashrate-Anteil Chinas wieder mehr als 22 Prozent, während dieser aktuell auf circa 15 Prozent geschätzt wird. 

Zusätzlich verweist Batten (hinter einer Paywall) auf die fehlende Verankerung in einem chinesischen Gesetzestext und die Aussagen von vier Bitcoin-Mining-Unternehmen, jedoch nennt er dabei keine konkreten Namen. Es handle sich demnach vielmehr um eine temporäre Aussetzung des Minings anstatt um ein komplettes Verbot, erklärt Batten.

Seine Recherche hat ergeben, dass lokale Regierungsbeamte in China – vor allem in der inneren Mongolei – kleine, kooperierende Mining-Unternehmen mit einer Kapazität von höchstens 100 Megawatt (das heißt 200 – 500 ASIC-Miner) unterstützen, da sie bei der Stabilisierung der Stromnetze helfen und einen Großteil der ungenutzten Überschussenergie aus Wasser-, Wind- und Solarkraft, die durch die Abwanderung großer Industriezweige verfügbar wurde, monetarisieren können. Der Experte Jaran Mellerud von Hashlabs Mining schätzt, dass aktuell sogar noch größere Mining-Unternehmen mit 200-Megawatt-Anlagen in China aktiv sind, da in manchen Regionen sonst keine wirtschaftliche Aktivität vorhanden wäre. Zusätzlich soll in China auch die Abwärme der ASIC-Miner für verschiedene Heizsysteme verwendet werden, wodurch das Land sogar eine Vorreiterrolle bei der innovativen Nutzung der Mining-Geräte einnehmen würde, führt Batten weiter aus.

Aus diesen Gründen kritisiert Batten die westlichen Medien für die fehlerhafte Berichterstattung sowie Recherche und vermutet eine bewusste Dramatisierung durch die Verwendung des Begriffs „Verbot“. Dadurch würden die entsprechenden Beiträge mehr Aufmerksamkeit bekommen. Batten spricht sogar von einer „Desinformationskampagne“, mit der Bitcoin verunglimpft werden sollte, die auch auf andere Beispiele wie Paraguay, New York oder Venezuela zutreffen würde.

Es wäre nicht das erste Mal, dass es bei einem Bitcoin-Mining-Verbot einen Unterschied zwischen den Berichten und den tatsächlichen Ereignissen gibt. Nachrichtenberichte über „Verbote“ in Paraguay (es handelte sich nicht um ein Verbot, sondern um eine Maßnahme gegen Stromdiebstahl) und New York (es handelte sich nicht um ein zweijähriges Moratorium für neues Mining auf Basis fossiler Brennstoffe) wurden ebenfalls übertrieben dargestellt.
Auszug aus Battens Bericht

Liegt Batten richtig?

Die Ausführungen der chinesischen Mining-Unternehmen, die zurzeit noch in China aktiv sind, sind sehr interessant, da sie zeigen, dass sich die chinesische Regierung über den Nutzen von Bitcoin durchaus bewusst ist.

Man kann sich jedoch streiten, ob es sich tatsächlich um eine Desinformationskampagne der westlichen Medien handelt. Aufgrund der ambivalenten Haltung der chinesischen Regierung und den zahlreichen früheren „Verboten“ von Bitcoin und Bitcoin-Mining in China kann man den westlichen Medien die Wortwahl nicht wirklich ankreiden. Die Ankündigungen der chinesischen Regierung bezüglich des Umgangs mit Kryptowährungen und dem Mining sowie Berichte über geschlossene Mining-Unternehmen und beschlagnahmte ASIC-Miner häuften sich, was man durchaus als Mining-Verbot interpretieren konnte.

Es war jedoch auch für jeden ersichtlich und demnach kein Geheimnis, dass China trotz des „Mining-Verbots“ weiterhin einen bedeutenden Hashrate-Anteil lieferte. Zudem weist Batten selbst auf die Berichterstattung einiger Medien hin, die über die noch vorhandenen Bitcoin-Mining-Aktivitäten in China nach dem „Verbot“ berichteten. Dabei wurden die Aktivitäten zwar als illegale Untergrundoperationen bezeichnet und vermutlich einige falsche Schlüsse gezogen, doch es gab auch Berichte, die das Verbot infrage stellten, was Batten jedoch nicht ausführlich behandelt. Demnach liegen Zweifel nahe, dass es sich um eine gezielte Kampagne gegen Bitcoin oder China gehandelt hat.

Bis auf die temporären Verluste bei der Hashrate und beim Bitcoin-Preis hat das Bitcoin-Netzwerk auch keinen Schaden davon getragen – im Gegenteil: Das „Verbot“ hat zu einer Dezentralisierung der Hashrate beigetragen und führte zu einer Verringerung der fossilen Energiequellen in der Branche. Letztlich könnte man sich darauf einigen, dass die chinesische Regierung das Bitcoin-Mining im großen industriellen Maßstab in China nicht mehr gestattet (respektive verbietet). Das scheint jedoch nicht für die exportierten Anlagen chinesischer Mining-Unternehmen zu gelten, die nun im Ausland betrieben werden.

Bezüglich des fehlenden Gesetzestextes kann man sagen, dass das Rechtssystem in China anders strukturiert ist als in westlichen Ländern. Das chinesische System erlaubt der Regierung eine gewisse Flexibilität und Handlungsfreiheit, die es ermöglicht, Regelungen schnell und effizient anzuwenden, auch wenn diese noch nicht vollständig gesetzlich verankert sind. Dies spiegelt die zentralisierte Machtstruktur und die Priorität der Stabilität und Kontrolle wider, die in der chinesischen Politik und Verwaltung vorherrschen. Schließlich bleibt es abzuwarten, ob die chinesische Regierung ein Verbot des Bitcoin-Minings tatsächlich in einen Gesetzestext gießen oder das Bitcoin-Mining im großen industriellen Maßstab wieder erlauben oder selbst staatliche Mining-Anlagen errichten wird.

Über den Autor: Stefan

Stefan ist studierter Medienwissenschaftler und Sinologe sowie selbstständig im künstlerisch-publizistischen Bereich. Neben den monetären Eigenschaften interessiert er sich vor allem für die sozialen und ökologischen Aspekte von Bitcoin und dem Bitcoin-Mining.

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