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Greenpeace startet Kampagne, um Bitcoin-Code ändern zu lassen

Am von Greenpeace Bitcoin

Dass die Debatte um den Energieverbrauch des Bitcoin-Netzwerks in naher Zukunft sehr wahrscheinlich nicht stillstehen wird, ist vielen Bitcoin-Befürwortern ebenso bewusst, wie die Tatsache, dass von vielen Bitcoin-Kritikern auch oft mit gefährlichem Halbwissen oder gar gezielten Falschinformationen gegen die größte aller Kryptowährungen gewettert wird.

In welche der beiden Kategorien eine neue, von Greenpeace und einigen anderen Klimaschutzgruppen koordinierte Kampagne mit dem Namen „Change the Code Not the Climate“ zählt, ist schwer zuzuordnen. Die Hauptforderung der Aktion besteht darin, das Bitcoin-Netzwerk zu einem Wechsel von Proof-of-Work hin zu Proof-of-Stake zu bewegen, ähnlich, wie es bei Ethereum gerade geschieht. Da die Webseite der Kampagne all die üblichen populistischen, teilweise widerlegten oder völlig unsinnigen Behauptungen á la „Bitcoin verbraucht mehr Energie als ganz Schweden“, „Bitcoin ist für zwei Grad Klimaerwärmung verantwortlich“ und dergleichen auflistet, ist es allerdings nur schwer vorstellbar, dass es sich hierbei nicht um absichtliche Verbreitung von Falschinformationen handelt, zumal diese Aussagen wortwörtlich als „Fakten“ bezeichnet werden.

Fakt oder Fake?

Wir wollen uns kurz die vier postulierten „Fakten“ ansehen und auf ihren Wahrheitsgehalt oder die Sinnhaftigkeit überprüfen.

„Bitcoin verbraucht mehr Energie als Schweden.“

Falsch. Als Quelle für diese Behauptung wird der Cambridge Bitcoin Electricity Consumption Index (CBECI) genannt, bei dem die Verantwortlichen offensichtlich weder den Inhalt noch die Titelzeile richtig gelesen haben. Denn schon beim Namen des Index fällt auf: Es ist von Elektrizität die Rede, nicht von Energie. Hier wird also zum einen der beliebte Fehler gemacht und Stromverbrauch mit Energieverbrauch verwechselt. Während das Bitcoin-Netzwerk in der Tat jährlich mehr Elektrizität verbraucht als das Land in Skandinavien, so ist dessen gesamter Energieverbrauch deutlich niedriger als der von Schweden. Energie wird beispielsweise auch für das Heizen mit Öl, Gas, Holz etc. aufgewendet.

Zum Anderen schreiben die Cambridge-Wissenschaftler selbst im weiteren Verlauf, dass ein Vergleich des Stromverbrauchs des Bitcoin-Netzwerks mit dem von Ländern sinnlos und wie der Vergleich von „Äpfeln mit Orangen“ ist.

„Das Ziel dieser Seite ist es, den Stromverbrauch von Bitcoin für ein breites Publikum greifbarer und aussagekräftiger zu machen, indem er mit anderen Stromverbrauchsarten verglichen wird. Die Besucher sollten jedoch beachten, dass alle Vergleiche mit drei großen Einschränkungen verbunden sind:

Es gibt nichts, was mit Bitcoin vergleichbar wäre und für einen direkten Vergleich verwendet werden könnte. Bitcoin ist für viele Menschen vieles: Einige betrachten ihn als neues Wertaufbewahrungsmittel in Form einer synthetischen, kontrahentenfreien Ware; andere schätzen das zugrundeliegende Wertübertragungssystem, das sowohl Zahlungs- als auch Abrechnungsfunktionen auf erlaubnisfreie und zensurresistente Weise ermöglicht; und wieder andere fühlen sich in erster Linie von der unbestechlichen Notarfunktion angezogen, die durch das manipulationssichere öffentliche Hauptbuch ermöglicht wird. Daher können direkte Vergleiche mit anderen Aktivitäten, die auf den ersten Blick ähnlich erscheinen, nur ein partielles – und damit notwendigerweise unvollständiges – Bild vermitteln.“

– Universität Cambridge

Und weiter heißt es seitens der Forscher:

Vergleiche sind in der Regel subjektiv – man kann eine Zahl klein oder groß erscheinen lassen, je nachdem, womit sie verglichen wird. Ohne zusätzlichen Kontext können ahnungslose Leser zu einer bestimmten Schlussfolgerung verleitet werden, die das tatsächliche Ausmaß und die Größenordnung entweder unter- oder überbewertet. Wenn man beispielsweise den Stromverbrauch von Bitcoin mit dem jährlichen Fußabdruck ganzer Länder mit Millionen von Einwohnern vergleicht, kann man sich Sorgen machen, dass der Energiehunger von Bitcoin außer Kontrolle gerät. Andererseits können diese Bedenken zumindest bis zu einem gewissen Grad verringert werden, wenn man erfährt, dass bestimmte Städte oder Ballungsgebiete in Industrieländern ähnliche Werte aufweisen. In der Praxis ist ein solcher ausgewogener Ansatz jedoch oft nicht praktikabel, da es schwierig ist, zuverlässige Vergleichsdaten zu finden.

– Universität Cambridge

Anstelle, die Zahlen entsprechend den Aussagen in den eigenen zitierten Quellen korrekt einzuordnen, spricht Greenpeace aber von „verheerenden Auswirkungen auf das Klima“, die durch die „Energienutzung“ verursacht würden. Hier wurden also entweder Tatsachen bewusst zurückgehalten oder unsauber recherchiert. Beides ist für eine derartige Kampagne ein No-Go.

„Bitcoin allein könnte zur Erwärmung des Planeten um mehr als 2 Grad beitragen.“

Ebenfalls falsch.

„Ein Bericht in der Fachzeitschrift Nature Climate Change hat ergeben, dass Bitcoin, wenn es sich durchsetzt, genug Kohlendioxidemissionen erzeugen könnte, um den Planeten um mehr als 2 Grad Celsius zu erwärmen“, schreiben die Klimaschützer. Dass der besagte Bericht von Mora et al. jedoch in derselben Fachzeitschrift bereits mehrfach (!) hinsichtlich der Plausibilität und Belastbarkeit widerlegt wurde, wird an dieser Stelle ebenfalls verschwiegen.

Da eine Widerlegung der genannten Studie natürlich diesen Beitrag sprengen würde, haben wir hier für Interessierte jedoch drei Berichte verlinkt, die ebenfalls in Nature Climate Change erschienen sind und auf die Thematik eingehen sowie Camilo Mora und seine Kollegen widerlegen.

„Implausible projections overestimate near-term Bitcoin CO2 emissions“

https://www.nature.com/articles/s41558-019-0535-4

Could Bitcoin emissions push global warming above 2 °C?

https://www.nature.com/articles/s41558-019-0534-5

Rational mining limits Bitcoin emissions“

https://www.nature.com/articles/s41558-019-0533-6

„Bitcoin lässt fossile Brennstoffe wieder aufleben“

An dieser Stelle monieren die Verantwortlichen der Kampagne, dass Bitcoin-Miner damit begonnen haben, Kohlekraftwerke zu kaufen, um den Stromhunger des Netzwerks zu stillen. Und in der Tat gab es in der Vergangenheit sehr wenige Einzelfälle, in denen dies der Fall war. Dies kann und darf auch definitiv moniert und sollte keinesfalls ignoriert werden. Dass allerdings auch dieser Gesichtspunkt wenig ausgewogen dargestellt wird, ist nicht überraschend. Denn auf der anderen Seite gab es ebenso einzelne Fälle, in denen Wasserkraftwerke dank Bitcoin vor der Pleite gerettet werden konnten und nun weiterhin CO₂-neutralen Strom produzieren können. Wie üblich wurden bzw. werden die positiven Aspekte gekonnt ignoriert, um das Bild vom Umwelt verschmutzenden Klimakiller perfekt zu machen.

Kraftwerk costa rica
Ein Wasserkraftwerk in Costa Rica, das dank Bitcoin gerettet werden konnte.
Quelle: REUTERS/Mayela Lopez

Auch die Tatsache, dass Öl-Konzerne wie beispielsweise ExxonMobil mittlerweile Bitcoin-Mining nutzen (Blocktrainer.de berichtete), um das Gas in Ölfeldern zu monetarisieren, welches anderweitig verbrannt worden wäre, griffen die Klimaschützer negativ auf. Und auch hierbei ist festzuhalten, dass man diese Tatsache durchaus zwiegespalten sehen kann, während wieder nur eine Seite der Thematik beleuchtet wurde.

Es ist klar, dass es vielen Klimaaktivisten ein Dorn im Auge ist, dass ein Öl-Konzern Bitcoin als Werkzeug benutzen kann, um noch mehr Geld zu verdienen. In gewisser Weise ist dieser Punkt auch nachvollziehbar. Allerdings ist es aber auch so (und dies wurde wiederum verschwiegen), dass durch die Verwendung des Gases, das ohnehin bei der Ölförderung anfällt, für das Mining, deutlich weniger CO₂-Äquivalent-Emissionen in die Atmosphäre abgegeben werden, als beim Abfackeln.

Auf diese Weise können jährlich etliche Tonnen Methan (ein sehr gefährliches Treibhausgas) eingespart werden, was somit positive Effekte auf das Klima mit sich bringt. Die einseitige Betrachtung der Thematik, um Bitcoin abermals in ein schlechtes Bild zu rücken, ist leider auch hier nicht von der Hand zu weisen.

„Eine Änderung des Software-Codes würde den Energieverbrauch von Bitcoin um 99.9% reduzieren“

„Die Umstellung auf ein energiesparendes Protokoll hat sich als effektiv erwiesen und verbraucht nur einen Bruchteil der Energie. Ethereum ändert seinen Code. Viele andere verbrauchen weniger Energie. Warum ist das bei Bitcoin nicht der Fall?“

– Change The Code Not The Climate

In diesem Zitat von der Webseite der Kampagne stoßen einem direkt mehrere fragwürdige Punkte ins Auge. Zum einen ist die Behauptung, die Umstellung auf ein energiesparendes Protokoll habe sich als effektiv erwiesen, eine einwandfreie Lüge. Bisher gab es in der Geschichte der Kryptowährungen nämlich einen derartigen Transfer noch gar nicht. Das Ethereum-Netzwerk ist zwar derzeit dabei, die letzten Weichen für eine solche Umstellung zu stellen, inwiefern alles glattläuft und man von mehr „Effektivität“ sprechen kann, ist noch aber immer offen. Zumal man auch immer betrachten muss, in welchen Bezug diese Effektivität gesetzt wird. Womit wir auch schon zum nächsten Punkt kommen, nämlich der Frage, welche die Klimaschützer am Ende des Zitats stellen. Warum stellt Bitcoin nicht einfach auf einen anderen Konsensmechanismus um?

Auch diesen Punkt in aller Ausführlichkeit hier niederzuschreiben und die Kernaspekte darzulegen, würde den Beitrag leider deutlich sprengen, jedoch ist es so, dass das Bitcoin-Netzwerk, mit seiner Marktkapitalisierung von mittlerweile wieder fast einer Billion US-Dollar, die Dezentralität und Sicherheit des Netzwerks als oberstes Gebot hat. Während Greenpeace und die anderen Klimagruppen fälschlicherweise behaupten, andere Konsensverfahren hätten sich als effektiv erwiesen, so ist dies zumeist lediglich in Bezug auf „schnellere Transaktionsabwicklung“ der Fall, nicht aber im Hinblick auf Sicherheit und Dezentralität.

Dass das Bitcoin-Netzwerk, sein Alleinstellungsmerkmal und das wichtigste Argument im „Kampf“ darum, eine zensurresistente, freie und digitale Weltreservewährung zu werden, einfach so abschaffen wird, ist nahezu ausgeschlossen.

Tatsächlich ist (wie in zahlreichen Debatten vorher schon vielfach erläutert) auch gar nicht der Stromverbrauch beim Proof-of-Work das Hauptproblem. Vielmehr muss sich dafür eingesetzt werden, dass der Storm aus CO₂-neutralen regenerativen Energiequellen kommt. Dafür wäre eine Kampagne sicherlich deutlich angebrachter, als das, was Greenpeace und Co. hier betreiben. Denn jeder, der sich nur annähernd mit der Materie beschäftigt hat, weiß ganz genau, dass eine derartige Kampagne das Netzwerk nicht ändern wird. Sie ist nichts weiter als nutzlose Geld- und Energieverschwendung – ganz im Gegensatz zum Bitcoin.

Fazit

Bitcoin ist ein freies und offenes Protokoll und jeder der möchte, kann es nach eigenem Belieben abändern. Den Greenpeace-Aktivisten steht es frei, den Bitcoin Code so zu verändern, dass er Proof-of-Stake als Konsensmechanismus verwendet. Allerdings hat auch jeder Teilnehmer in einem freien Netzwerk die freie Wahl, ob er lieber das eine oder das andere nutzen möchte. Letzten Endes wird der freie Markt entscheiden, ob das Bitcoin-Netzwerk durch Arbeit und mit physischen Ressourcen oder durch, aus dem Nichts erschaffenen, Stake die Sicherheit garantieren soll.