Haben die USA es auf Venezuelas „geheime Bitcoin-Reserve“ abgesehen?
Venezuelas „geheime BTC-Reserve“
Die US-Regierung hat am Morgen des 3. Januar in Caracas den Präsidenten von Venezuela, Nicolás Maduro, aufgrund von vermeintlichem „Drogenschmuggel zur Destabilisierung des US-amerikanischen Volkes“ verhaftet und außer Landes gebracht. Donald Trump hat dabei offen die wirtschaftlichen Interessen der USA kommuniziert, insbesondere in Bezug auf die Ölvorkommen. Das Land mit den weltweit größten Ölreserven habe nämlich, so der Vorwurf, US-Unternehmen enteignet.
Analysten zufolge könnte neben der Übernahme des venezolanischen Öls und der einhergehenden Stärkung der US-Ölindustrie auch der Krypto-Bestand des Maduro-Regimes zu den Interessen der USA zählen.
Aufgrund des extremen Wertverfalls des venezolanischen Bolívars und der möglichen Beschlagnahmung durch die Regierung setzt die venezolanische Bevölkerung für alltägliche Zahlungen und zur Vermögensspeicherung schon seit einigen Jahren auf Kryptowährungen wie Bitcoin und Stablecoins wie USDT. Dabei bezogen die Menschen die Assets vorrangig über die Krypto-Börse Binance.
Im Jahr 2020 war das durch Inflation geplagte Land auf Platz 3 der Länder mit der größten Nutzung von Kryptowährungen. Über 30 % der Unternehmen des Landes nutzen inzwischen digitale Assets.
Auch die Regierung greift seit der Verhängung der Sanktionen der USA und der EU gegen Venezuela im Jahr 2015 zunehmend auf USDT und Bitcoin zurück, um die Sanktionen zu umgehen, zum Beispiel für Ölexporte. Derzeit werden angeblich 80 % der Einnahmen aus dem Verkauf von Rohöl über USDT abgerechnet.
Zusätzlich soll sich die Maduro-Regierung maßlos an den Ressourcen des Landes bereichert haben. Dabei sollen erhebliche Werte in Bitcoin umgetauscht worden sein, um eine Sperrung durch das US-Finanzministerium zu umgehen, berichten Analysten. Dabei berufen sie sich auf sogenannte HUMINT-Quellen, also Informanten mit mutmaßlichem Geheimdienst- oder Insiderhintergrund, die bislang nicht unabhängig verifiziert sind.
- Gold: Zwischen 2018 und 2020 exportierte Venezuela mehr als 73 Tonnen Gold in die Türkei und die Vereinigten Arabischen Emirate. Laut Aussagen eines Informanten wurde dieser Goldbestand in rund 400.000 Bitcoin umgewandelt. Diese BTC, mit einem heutigen Wert von etwa 50 Milliarden US-Dollar, sollen dann über Mixing-Dienste und Cold Wallets bewegt worden sein, um den Strafverfolgungsbehörden zu entgehen.
- Rohöl: Als das Maduro-Regime realisierte, dass USDT-Adressen eingefroren werden können, soll es angeblich die USDT aus den Einnahmen des Ölverkaufs in Bitcoin umgetauscht haben, die heute einen Wert von bis zu 15 Milliarden US-Dollar haben sollen.
- Beschlagnahmte BTC: Zudem konfiszierte die Regierung Venezuelas zwischen 2023 und 2024 Bitcoin im Wert von etwa 500 Millionen US-Dollar sowie Zehntausende ASIC-Miner. Mining war aufgrund der günstigen Strompreise sehr verbreitet – sowohl in der Bevölkerung als auch beim Militär. 2022 probierte die Regierung, das Mining durch Lizenzvergabe zu regulieren, verbot die Aktivitäten jedoch nach einem Korruptionsskandal und angeblichen Problemen im Stromnetz im Jahr 2024 wieder. Es ist nicht bekannt, ob die Regierung selbst Bitcoin-Mining betrieben hat.
Selbst ohne die Berücksichtigung des Minings wird geschätzt, dass sich die venezolanische Regierung seit 2018 eine „geheime Krypto-Reserve“ mit einem heutigen Wert von 56 bis 67 Milliarden US-Dollar aufgebaut haben könnte – größtenteils in Bitcoin, was mehr als 600.000 beziehungsweise 660.000 BTC entspräche.
Damit wäre Venezuela mit etwa 3 % der gesamten BTC-Menge der viertgrößte Bitcoin-Halter der Welt. Die Behauptungen der Informanten konnten bisher jedoch nicht durch On-Chain-Analysen gestützt werden. Anderen Daten zufolge besitzt Venezuela seit Ende 2022 nur 240 BTC im Wert von circa 22,6 Millionen US-Dollar.
Wer hat Zugriff auf die Assets?
Hinter der systematischen Umwandlung des venezolanischen Öls und Goldes in Bitcoin soll ein kleiner Kreis von Mitarbeitern des Regimes stecken. Im Zentrum steht dabei Alex Saab, der Minister für Industrie und nationale Produktion. Laut den Quellen soll er die Wallets verwalten und somit Zugriff zu den Bitcoin haben.
Berichten zufolge baute Saab nicht nur das Schattenfinanzimperium von Maduro auf und verschleierte durch verschiedene Methoden den Fluss der Vermögenswerte, sondern war gleichzeitig bereits seit 2016 auch als Informant für die amerikanische Drogenbekämpfungsbehörde DEA tätig.
Sollte Saab nicht verschwinden, sondern mit den US-Behörden kooperieren, könnte er im wahrsten Sinne des Wortes der Schlüssel zur Beschlagnahmung der digitalen Assets durch die Trump-Regierung werden – sofern diese die Vermögenswerte auch konfiszieren will.
Was passiert mit den Bitcoin?
Die Spekulationen rund um die angebliche BTC-Reserve von Venezuela nehmen zu und werden sogar von Mainstream-Medien aufgegriffen.
JUST IN: CNBC says the U.S. government could seize Venezuela's Bitcoin reserves pic.twitter.com/6b0h4kKkhP
— Bitcoin Archive (@BitcoinArchive) January 5, 2026
Es gibt mehrere Berichte, dass die [venezolanische] Regierung selbst versucht hat, Sanktionen zu umgehen, indem sie Ölverkäufe in USDT getätigt hat, die sie dann in Bitcoin umgewandelt hat. [...] Selbst das Versprechen, dass die US-Regierung bei ihrem Eintritt diese Vermögenswerte möglicherweise beschlagnahmen und halten könnte, ist ein bullischer Fall für Bitcoin, wenn man über solche Bestände verfügt, die nicht liquidiert werden.
Reporterin bei CNBC
Es bleibt jedoch unklar, ob diese Reserve überhaupt existiert und falls ja, ob die USA vorhaben, diese zu beschlagnahmen. Dabei könnten strafmildernde Deals für die Herausgabe der Schlüssel ausgehandelt werden.
Was dann mit den Bitcoin passieren würde, ist ebenso unklar.
- Denkbar wäre, dass die Assets im Rahmen eines komplexen Rechtsstreits über längere Zeit vom US-Justizministerium verwahrt und damit eingefroren werden.
- Die rund 600.000 BTC könnten auch in die strategische Reserve der USA überführt und als dauerhaftes US-Vermögen gehalten werden. Dies würde den Bitcoin-Bestand der USA verdreifachen und zu einem verknappten Angebot führen, was möglicherweise zu einem Anstieg des BTC-Preises beitragen könnte.
- Unwahrscheinlicher ist die sofortige Liquidation der Bitcoin durch das US-Justizministerium – so wie es das deutsche Bundesland Sachsen im Sommer 2024 mit knapp 50.000 BTC getan hat.
- Schließlich wäre es auch vorstellbar, dass die Bitcoin in der venezolanischen Reserve verbleiben und der Bevölkerung zugutekommen. Die Opposition in Venezuela unter der Führung der Friedensnobelpreisträgerin María Corina Machado hat bereits erkannt, dass Bitcoin viele Probleme im Land abmildern könnte. Ohne die Zustimmung der Trump-Regierung dürfte dies jedoch ungewiss bleiben.
Wie groß Venezuelas geheime Bitcoin-Reserve tatsächlich ist, ob sie tatsächlich existiert und falls ja, wer sie letztlich kontrollieren wird, bleibt eine spannende offene Frage. Fest steht, dass Bitcoin nicht nur als Zahlungsmittel und Wertspeicher für die Bürger dienen kann, sondern auch als Werkzeug für Nationen, um Sanktionen zu umgehen und ihr Überleben zu sichern. Sollten die Zahlen stimmen, könnte der Zugriff auf diese Bitcoin geopolitische und wirtschaftliche Machtverhältnisse spürbar verschieben.