Strive übernimmt Semler Scientific
Strive startet aggressiv mit Bitcoin-Käufen
Erst vor wenigen Tagen ist Strive durch die Fusion mit der Aktiengesellschaft Asset Entities an die Börse gegangen – damals noch mit einem vergleichsweise kleinen Bestand von 69 Bitcoin. Doch anstatt abzuwarten, nutzte das Unternehmen die sofortige Kapitalausstattung, um 5.816 BTC im Wert von rund 675 Millionen US-Dollar nachzukaufen. Zusammen mit den Beständen von Semler Scientific wird die kombinierte Firma künftig über 10.900 Bitcoin halten und sich somit schon jetzt als einer der größten börsennotierten Bitcoin-Treasury-Player weltweit positionieren.
Neben Bitcoin und Unternehmensübernahmen investiert Strive übrigens auch in Reichweite: Kürzlich kaufte das Unternehmen den bekannten Podcast „MSTR True North“, der sich speziell auf die Nische rund um Strategy und andere Bitcoin-Treasury-Firmen konzentriert. Damit positioniert sich Strive nicht nur als Marktteilnehmer, sondern tatsächlich auch ein wenig als Meinungsmacher im Bitcoin-Sektor.
Das Unternehmen ist zudem bereits eine Partnerschaft mit der 117 Castell Advisory Group eingegangen, um sich Bitcoin-Forderungen von der kollabierten Bitcoin-Börse Mt.Gox zu einem Abschlag zu sichern. Dabei geht es um circa 75.000 BTC.
Ein Deal mit 210 % Aufschlag
Die Übernahme soll vollständig in Aktien erfolgen: Jede Semler-Aktie (Ticker: SMLR) wird in 21,05 Strive-Aktien (Ticker: ASST) umgewandelt. Das entspricht einem Preis von rund 90,52 US-Dollar je SMLR-Aktie – ein Premium von etwa 210 % gegenüber dem Schlusskurs der vergangenen Woche.
Die Marktkapitalisierung von Semler Scientific lag vor der Ankündigung deutlich unter dem Wert der 5.021 Bitcoin, die das Unternehmen hält. Die SMLR-Aktie reagierte am gestrigen Handelstag mit einem deutlichen Kursplus auf die Übernahme, die voraussichtlich erst in einigen Wochen abgeschlossen sein wird.
Der ungewöhnlich hohe Aufschlag verdeutlicht, wie stark der Markt Semler bereits unter seinem Net Asset Value (NAV) – also dem Wert der gehaltenen Bitcoin und Vermögenswerte – bewertet hat. Mit dem Zusammenschluss fließen die Bestände beider Unternehmen zusammen und ergeben eine kombinierte Bitcoin-Treasury von mehr als 10.900 BTC.
Doch die Rechnung ist komplizierter, wie Analyst Matthew Sigel auf 𝕏 erklärte: Sollte Strive selbst auf ein Bewertungsniveau von 1x mNAV fallen, läge der faire Wert je ASST-Aktie zwischen 1,13 und 1,81 US-Dollar, je nach zugrunde gelegter Aktienanzahl. Für Semler-Aktionäre würde das bedeuten, dass ihr effektiver Takeout-Preis bei nur 24 bis 38 US-Dollar pro Aktie liegt und somit weit entfernt von den theoretischen 90,52 US-Dollar.
Diese Diskrepanz erklärt auch, warum SMLR derzeit nur bei etwa 31 US-Dollar gehandelt wird, anstatt sofort auf das Übernahme-Niveau zu springen. Anleger trauen dem rechnerischen Premium also nicht, sondern preisen wohl einen möglichen, weiteren Kursrutsch der Strive-Aktie ein.
Für die bisherigen Strive-Aktionäre hat der Deal einen Haken: Da neue Aktien ausgegeben werden, verteilt sich ihr Anteil am Unternehmen auf mehr Köpfe und wird dadurch kleiner. Gleichzeitig zahlt Strive aber einen sehr hohen Aufpreis von mehr als 200 Prozent auf den Marktwert von Semler Scientific. So wächst zwar der Bitcoin-Bestand des Unternehmens, der Nutzen für die Aktionäre bleibt aber fraglich.
ASST/SMLR
— matthew sigel, recovering CFA (@matthew_sigel) September 22, 2025
We estimate ASST @ 1x mNAV is between $1.13 and $1.81 depending on shares outstanding used.
So, if ASST were to fall to that value, the SMLR takeout price is $24 - $38
Versus at Friday's close, $90.52 https://t.co/jzmSwUkABg
Strive CEO erklärt langfristige Ausrichtung
Der Strive-CEO Matt Cole betonte in einem Statement, dass es vor allem um die richtigen Anreizstrukturen gehe. Kurzfristig (innerhalb eines Jahres) wolle man den Bitcoin-Bestand pro Aktie steigern und bestehende Verbindlichkeiten tilgen. Langfristig (über drei Jahre) sei das Ziel, Bitcoin selbst als Benchmark zu übertreffen und gleichzeitig besser abzuschneiden als andere börsennotierte Unternehmen.
Cole argumentiert, dass die Fusion die „BTC Yield“ steigere. Damit ist gemeint, dass jede ausgegebene Strive-Aktie nach der Übernahme durch die zusätzlichen Bitcoin-Bestände von Semler Scientific einen höheren Anteil an BTC verkörpert als zuvor. Für viele Investoren ist das ein zentrales Kriterium, da sie den Wert ihrer Beteiligung direkt in Bitcoin messen. Zudem könne die kombinierte Firma den Kapitalmarkt besser anzapfen als die beiden Unternehmen einzeln – was langfristig für mehr Stabilität sorgen soll.
Ob es Cole und seiner Firma allerdings wirklich gelingt, den Bitcoin-Wert pro Aktie langfristig zu steigern, sodass die Aktionäre ‒ für die es nun erst einmal einen starken Rücksetzer gab ‒ profitieren können, bleibt aktuell noch offen. In der Zukunft möchte das Unternehmen es dem „First Mover“ Strategy nachtun und ebenfalls Vorzugsaktien emittieren. Dafür sei es wichtig, so Cole in einem Podcast, eine große Aktiengesellschaft zu sein. Die Fusion mit Semler Scientific erfolge insbesondere auch aus diesem Grund.
Das profitable Gesundheitsbusiness von Semler Scientific wird von Strive weitergeführt. Strive-Gründer Vivek Ramaswamy soll es mit seinen Erfahrungen im Biotech-Sektor weiter ausbauen, wodurch zusätzliche Cashflows für Bitcoin-Käufe entstehen könnten.
Gefahr einer mNAV-Todesspirale?
Im Markt für Bitcoin Treasury Companies ist seit Monaten von der sogenannten mNAV-Todesspirale die Rede. Dabei geht es um die Bewertung solcher Firmen im Verhältnis zu ihrem Nettovermögen:
- NAV entspricht dem Wert der Bitcoin-Bestände und anderer Assets.
- mNAV (Multiple of NAV) gibt das Verhältnis des Firmenwerts ‒ zuzüglich des ausstehenden Fremdkapitals ‒ zum NAV an.
Liegt der Firmenwert dauerhaft unter dem NAV, entsteht (so die Befürchtung) ein Teufelskreis: Um weiteres Kapital für Bitcoin-Käufe aufzunehmen, müssen neue Aktien ausgegeben werden. Diese Ausgabe erfolgt jedoch zu einem niedrigeren Kurs, als das Unternehmen eigentlich an Vermögenswerten besitzt. Dadurch werden die bestehenden Aktionäre überproportional verwässert. Gleichzeitig sinkt der Wert pro Aktie im Verhältnis zum NAV weiter – was den Kurs erneut unter Druck setzt.
Kommt zusätzlich ein fallender Bitcoin-Preis ins Spiel, verschärft sich die Lage noch einmal: Der NAV selbst sinkt mit, wodurch die Diskrepanz zwischen Börsenkurs und Vermögenswert weiter zunimmt. In dieser Situation sehen sich Unternehmen gezwungen, Bitcoin-Bestände zu verkaufen, um Liquidität zu sichern oder Schulden zu bedienen. Diese Verkäufe erzeugen zusätzlichen Verkaufsdruck am Markt, was wiederum den Bitcoin-Preis weiter nach unten treiben kann – die Spirale beschleunigt sich. Im Extremfall führt dieser Mechanismus zu einer Kettenreaktion, die sowohl die betroffenen Firmen als auch den Bitcoin-Markt insgesamt belasten kann.
Der Deal zwischen Strive und Semler könnte jedoch, so einige Stimmen, genau das Gegenteil bewirken. Durch den hohen Aufschlag wird signalisiert, dass unterbewertete Treasury Companies durchaus attraktives Übernahmepotenzial besitzen. Gleichzeitig will Strive auf ein Modell setzen, das „preferred equity only“ vorsieht, also keine riskanten Schuldverschreibungen mit festen Laufzeiten. Damit sinkt das Risiko einer klassischen Verschuldungskrise, die andere Unternehmen in ernsthafte Schwierigkeiten bringen könnte.
Hat die Konsolidierung der Branche begonnen?
Mit dieser Übernahme stellt sich die Frage, ob damit die Phase der „Konsolidierung unter Bitcoin Treasury Companies“ eingeläutet wird. Strive-CEO Matt Cole und Eric Semler, Chairman von Semler Scientific, rechnen mit weiteren Übernahmen in dem Sektor. Kleinere oder unterbewertete Firmen könnten künftig also zunehmend ins Visier größerer Akteure geraten, die ihre Marktposition durch Fusionen stärken wollen.
Für Anleger bedeutet das, dass Investments in einzelne Gesellschaften künftig wohl noch genauer bewertet werden müssen. Entscheidend wird sein, ob ein Unternehmen selbstständig nachhaltig Kapital beschaffen kann oder ob es letztlich nur ein Übernahmekandidat ist. Besonders jene Firmen, deren Aktien deutlich unter ihrem NAV notieren, könnten kurzfristig profitieren, wenn sie in den Fokus von Konsolidierern rücken. Gleichzeitig erhöht sich der Druck auf Unternehmen mit hoher Verschuldung oder fehlenden Einnahmequellen außerhalb von Bitcoin, da sie in einem volatilen Marktumfeld besonders anfällig sind.
Der Ausblick bleibt wie zumeist offen. Ob es nun tatsächlich den Beginn einer größeren Konsolidierungswelle markiert oder ob die befürchtete mNAV-Todesspirale die Branche doch noch einholt, kann derzeit niemand mit Sicherheit sagen. Letztlich wird die Zukunft zeigen, ob solche Übernahmen Stabilität schaffen oder ob sie nur ein Zwischenschritt in einem weiterhin hochriskanten Marktumfeld sind.