Panik vor potenziellen BTC-Verkäufen
In der vergangenen Woche sorgten Aussagen von Phong Le, CEO von Strategy, für Aufsehen. Le betonte nämlich, dass es bei einer niedrigen Unternehmensbewertung besser wäre, Bitcoin zu verkaufen, um die Dividenden der Vorzugsaktien zu bezahlen, anstatt dafür auf die Ausgabe neuer Stammaktien zu setzen.
Konkret erklärte Le, der im Jahr 2022 Michael Saylor als CEO ablöste, dass das Unternehmen durchaus in Betracht zieht, bei einem mNAV von unter 1 x Teile der Bitcoin-Bilanz abzubauen, um Cash für die Zahlungsverpflichtungen aufzutreiben. Dies wäre in einem solchen Szenario besser für „BTC Yield“, also die Änderungsrate der Ratio „Bitcoin je Aktie“, als die Emission neuer Stammaktien, so der Strategy-CEO.
Wir können Bitcoin verkaufen und würden Bitcoin verkaufen, wenn wir dies tun müssten, um unsere Dividendenzahlungen unterhalb eines mNAV von 1 x zu finanzieren. [...] Das wäre der letzte Ausweg. Mein mathematischer Verstand sagt mir, dass dies absolut das Richtige wäre. Aber mein emotionaler Teil, mein Marktverstand, sagt mir, dass wir nicht wirklich das Unternehmen sein wollen, das Bitcoin verkauft. Generell gesprochen gewinnt für mich der mathematische Verstand.
Phong Le, Strategy-CEO
Phong Le, CEO of @Strategy, explains that they would eventually sell Bitcoin instead of $MSTR to fund the dividends on the preferred shares if the mNAV trades below 1x and raising additional capital is difficult because it would be better for the BTC yield. pic.twitter.com/TRn2OedeL1
— Tristan – Blocktrainer.de 🧡⚡️ (@tristanblcktrnr) November 29, 2025
Da sich das mNAV von Strategy – also Marktkapitalisierung geteilt durch den Nettowert der Bitcoin-Bilanz – in den vergangenen Wochen mit großen Schritten dieser kritischen Marke annäherte, kam entsprechend die Sorge auf, der größte BTC-Firmenhalter könnte schon bald als Verkäufer im Markt aktiv werden.
Le wurde zudem scharf kritisiert, da Michael Saylor, „Executive Chairman“ und Gründer von Strategy, eigentlich immer versprach, niemals Bitcoin zu verkaufen. Doch tatsächlich sprach auch Saylor zuvor bereits mehrfach die Option von Bitcoin-Verkäufen für Dividendenzahlungen an – wenn auch in etwas anderen Tönen.
Grüne Punkte und die Cash-Reserve
Am Sonntag postete Michael Saylor schließlich wie üblich ein Bild des Strategy-Trackers, auf dem die Bitcoin-Käufe des Unternehmens mit orangefarbenen Punkten markiert sind.
Damit kündigt Saylor normalerweise an, dass am darauffolgenden Tag eine Bitcoin-Kaufsmitteilung folgen wird.
Dieses Mal schrieb er jedoch dazu: „Was wäre, wenn wir anfangen würden, grüne Punkte hinzuzufügen?“
Daraufhin gab es Spekulationen, was mit grünen Punkten gemeint sein könnte. Vielleicht Aktienrückkäufe?
What if we start adding green dots? pic.twitter.com/a19bD33KzD
— Michael Saylor (@saylor) November 30, 2025
Das Geheimnis wurde schließlich direkt am Montag gelüftet und Strategy verkündete, eine Cash-Reserve in Höhe von 1,44 Milliarden US-Dollar aufgebaut zu haben, um sicherzustellen, dass die Dividenden der Vorzugsaktien sowie die Zinsen der Wandelanleihen in den nächsten 21 Monaten gezahlt werden können.
Überdies gab das Unternehmen bekannt, weitere 130 BTC für 11,7 Millionen US-Dollar gekauft zu haben, womit sich der Bitcoin-Bestand jetzt auf 650.000 BTC im Gegenwert von circa 55 Milliarden US-Dollar beläuft.
Die Mittel für die US-Dollar-Reserve und den Bitcoin-Kauf beschaffte sich Strategy durch die Ausgabe von Stammaktien bei einem mNAV von 1,17 x. Insgesamt emittierte das Unternehmen zwischen dem 17. und dem 30. November 8.214.000 Stammaktien für 1,478 Milliarden US-Dollar.
Das restliche Kapital dürfte verwendet worden sein, um die monatlich anfallende Dividende der Vorzugsaktie STRC zu bezahlen.
Reaktion auf die Sorgen vor einer Pleite
Mit dem Aufbau der US-Dollar-Reserve soll demonstriert werden, dass sich das Unternehmen auch zu eher schlechten Marktbedingungen Kapital beschaffen kann, um den Zahlungsverpflichtungen nachzukommen.
Stand jetzt muss Strategy jährlich circa 800 Millionen US-Dollar für die Dividenden der Vorzugsaktien und die Zinsen der Wandelanleihen bezahlen.
Die Cash-Reserve, die dem 1,8-Fachen der jährlichen Zahlungsverpflichtungen entspricht, stellt dies für die nächsten 21 Monate sicher.
Die neue Reserve soll überdies mindestens zwölf Monate der Dividenden und Zinsen abdecken und sogar im Laufe der Zeit erhöht werden, sodass die Zahlungen der nächsten 24 Monate garantiert sind.
Strategy beabsichtigt derzeit, eine US-Dollar-Reserve in einer Höhe zu unterhalten, die ausreicht, um mindestens zwölf Monate seiner Dividenden zu finanzieren, und Strategy beabsichtigt, die US-Dollar-Reserve im Laufe der Zeit zu stärken, mit dem Ziel, letztendlich 24 Monate oder mehr seiner Dividenden abzudecken.
Aus der Pressemitteilung
In der dazugehörigen Präsentation erklärte Michael Saylor schließlich auch noch einmal, dass Strategy nicht nur über die Ausgabe neuer Stammaktien, sondern bei einem mNAV von unter 1 x auch durch den Verkauf von Bitcoin oder durch den Handel mit Bitcoin-Derivaten Geld eintreiben könnte, um den Zahlungsverpflichtungen nachzukommen beziehungsweise die Cash-Reserve auszubauen.
Dies untermauerte Saylor auch mit einer Darstellung der „digitalen Kreditmaschinerie“, die Strategy aufgebaut habe.
Auch wenn Strategy insgesamt auf Bitcoin im Gegenwert von 55 Milliarden US-Dollar sitzt, mit denen die Dividenden für mehrere Jahrzehnte gezahlt werden könnten, zweifeln viele an der Zahlungsfähigkeit des Unternehmens – nicht zuletzt aufgrund der starken Schwankungen des Bitcoin-Kurses.
Die Rating-Agentur Standard & Poor's (S&P) verlieh Strategy sogar ein schlechtes Kredit-Rating von „B–“. S&P bemängelte unter anderem, dass die „Bitcoin Treasury Company“ keine Bitcoin verkaufen wolle, gegebenenfalls aber dazu gezwungen werden könnte, wenn die Marktbedingungen schlecht sind.
Mit dem Aufbau der Cash-Reserve dürften Strategys Kreditinstrumente jetzt also erst einmal weit weniger riskant in den Augen der traditionellen Finanzwelt sein. Die Kurse der Vorzugsaktien reagierten aber nur verhalten auf die neue Meldung.
Strategy steht weiterhin unter Druck
Während die neue Cash-Reserve eher im Interesse der Halter der Vorzugsaktien sein dürfte, wurde diese auf Kosten der Aktionäre aufgebaut. Da Strategy in den vergangenen Tagen für 1,478 Milliarden US-Dollar Stammaktien emittierte, aber nur für 11,7 Millionen US-Dollar Bitcoin kaufte, ist die „BTC Yield“ deutlich zurückgelaufen. Dieser „Key Performance Indicator (KPI)“ beträgt für das laufende Jahr nach dieser Kapitalmarktaktivität nur noch 24,6 % – zuvor waren es 27,8 %.
Die Stammaktionäre, die mehr Bitcoin pro Aktie haben wollen, scheinen sich über die durch die Verwässerung der Aktionäre aufgebaute US-Dollar-Reserve nicht zu freuen. Der Aktienkurs (MSTR) fiel heute um mehr als 12 % und damit auf das tiefste Niveau seit September 2024. Dieser Kursrutsch ist nur in Teilen auf den heute ebenfalls fallenden Bitcoin-Kurs zurückzuführen. In BTC gemessen verlor MSTR heute mehr als 4 % und fiel auf ein Verhältnis, das zum letzten Mal im Mai 2024 erreicht wurde.
Ein weiterer Grund für diese relative Schwäche von MSTR dürfte sein, dass die Geschäftsführer so signalisieren, dass sie selbst damit rechnen, dass das mNAV bald unter 1 x abrutscht, weshalb sie sich jetzt schon einmal genügend Kapital verschaffen wollten, um vorerst zu verhindern, Bitcoin verkaufen zu müssen. Sollte sich die Aktie nämlich bald erholen, wäre es besser gewesen, auf bessere Marktbedingungen gewartet zu haben, um dann erst die Cash-Reserve aufzubauen.
Auch wenn das Geschäftsmodell von Strategy gerade vom Markt vor Herausforderungen gestellt wird, demonstriert das Unternehmen, dass die Sorgen vor einer unmittelbar bevorstehenden Zahlungsunfähigkeit wohl überzogen sind. In der Präsentation zur Cash-Reserve stellen Michael Saylor und Phong Le heraus, dass der Bitcoin-Kurs auf 10.400 US-Dollar fallen müsste, damit Strategy so viele Assets wie Schulden hat. Dennoch bleiben die Sorgen bestehen, dass die Aktionäre jetzt stark verwässert werden, obwohl die Ausgabe der Vorzugsaktien im ersten Schritt die „BTC Yield“ deutlich gesteigert hat.
Schlechterer Ausblick
Im Rahmen der Präsentation überarbeiteten Saylor und Le auch die zuvor gesetzten Ziele für dieses Jahr: Ende Oktober, in der Präsentation zum dritten Quartal, rechnete Strategy noch mit einem Bitcoin-Kurs von 150.000 US-Dollar bis Ende des Jahres. Jetzt sind es nur noch 85.000 bis 110.000 US-Dollar.
Das Ziel für die „BTC Yield“ dieses Jahres, das zuvor noch von 25 auf 30 % angehoben worden war, liegt jetzt nur noch bei 22 bis 26 %. Das bedeutet, dass eine weitere Verwässerung in den letzten Wochen des Jahres noch bevorstehen könnte – womöglich, um die Cash-Reserve wie angekündigt weiter auszubauen.
Die überarbeitete „BTC Yield“ ist durchaus interessant, da Phong Le im Earnings Call Ende Oktober schon darauf angesprochen wurde, ob die angepeilten 30 % überhaupt noch realistisch seien beziehungsweise warum das Ziel nicht überarbeitet wurde. Da betonte der Strategy-CEO noch, dass in diesem Jahr noch viel möglich sei, also das Ziel noch erreicht werden könne. Das Management wurde von dem schwieriger gewordenen Marktumfeld demnach wohl auch auf dem falschen Fuß erwischt.