Schaffen SPD und CDU die Krypto-Haltefrist ab?
Einigen sich SPD und CDU im Rahmen der geplanten Steuerreform darauf, die noch geltende steuerfreie Haltefrist für Krypto-Gewinne abzuschaffen? In einem viralen Post des bekannten Finfluencers „Techaktien“ heißt es, dass die CDU kompromissbereit sei, sofern vor 2027 gekaufte Coins unberührt bleiben. Gibt es Quellen für diese Meldung oder handelt es sich um Fake News?
Neue Entwicklungen bei der Haltefrist?
Am späten Donnerstagabend kam in der deutschen Bitcoin- und Krypto-Community Panik auf. Der bekannte Finfluencer „Techaktien“, dem auf 𝕏 und Instagram zusammen rund 200.000 Menschen folgen, teilte eine vermeintliche „Eilmeldung“ zu neuen Entwicklungen bei dem Vorhaben, die derzeit noch geltende Steuerfreiheit für Krypto-Gewinne nach einem Jahr Haltedauer abzuschaffen.
Laut seinem rund 500.000-mal gesehenen Post wolle die SPD die Haltefrist im Rahmen der geplanten Steuerreform kippen. Weiter hieß es, dass die CDU noch unentschlossen sei und versuche, „eine ‚Großvater-Regelung‘ (Bestandsschutz) durchzusetzen als Kompromiss, sodass alle vor 2027 gekauften [Kryptowährungen] das Steuerprivileg beibehalten“.
Dass die SPD ein großes Interesse daran hat, Krypto-Investoren stärker zur Kasse zu beten, ist spätestens seit den Koalitionsverhandlungen Anfang 2025 bekannt. Später wurde diese Position in einem Strategiepapier des SPD-Flügels Seeheimer Kreis und während der Bundestagsdebatten zu einem Bitcoin-Antrag der AfD oder dem Gesetz DAC 8 erneut von der Regierungspartei angesprochen.
Das Brisante an der Meldung von „Techaktien“ war demnach in erster Linie die Behauptung, dass die CDU für einen Kompromiss bereit sei. Zuvor hieß es vonseiten der Kanzlerpartei nämlich, dass man sich dafür einsetzen würde, diese steuerliche Regelung beizubehalten. Wie die Realität bekanntlich aber immer wieder zeigt, sind Versprechen von Politikern mit Vorsicht zu genießen.
Wir brauchen aber Rechtssicherheit für Anleger und Unternehmen, und wir setzen [uns] als CDU/CSU hier beispielsweise weiterhin klar für die Beibehaltung der Einjahresfrist für steuerfreie Gewinne ein.
Lukas Krieger (CDU/CSU)
Laut Lukas Krieger setzt sich die CDU/CSU für die Beibehaltung der steuerfreien Haltefrist bei Bitcoin- und Krypto-Gewinnen ein. 🇩🇪👏 pic.twitter.com/5hNVlGlobf
— Blocktrainer (@blocktrainer) December 5, 2025
Das Berichtete schien letztlich durchaus im Rahmen des Möglichen zu sein. Und obwohl „Techaktien“ zunächst keine Quelle lieferte, verbreiteten viele einflussreiche Accounts die Meldung weiter – darunter die bekannten Finanz-YouTuber Mario Lochner oder Marc Friedrich. Aber gibt es überhaupt eine Grundlage für die viral gegangenen Behauptungen?
Ausgedachte Quellen?
Als der Post von Techaktien die Runde machte, gab es keine Medienberichte oder sonstige Quellen, die den Inhalt bestätigten.
Wenige Stunden später behauptete er auf Nachfrage eines 𝕏-Nutzers, dass das „Eckpunktepapier zur Harmonisierung der Vermögenszuwachsbesteuerung“ aus März 2026 die Quelle sei. Dieses scheint jedoch nicht zu existieren, wie eine einfache Google-Suche zeigt.
„BTC Echo“ fragte am Folgetag des viralen Beitrags bei CDU-Politikern nach. In dem am Freitag erschienenen Artikel hieß es schließlich, dass das Medium aus Unionskreisen erfahren habe, dass die Behauptung falsch sei. Es gebe vonseiten der SPD im Rahmen der Debatte zur Reform der Einkommensteuer keine solche Forderung und entsprechend auch keinen Kompromissvorschlag.
Olav Gutting, der zuständige Berichterstatter der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, betonte gegenüber „BTC Echo“ zudem, dass es keinen „überzeugenden steuerpolitischen Grund“ geben würde, an der derzeit geltenden Regelung zu rütteln. Außerdem sagte er:
Die Abschaffung der einjährigen Haltefrist auf Veräußerungsgewinne aus Kryptowährungen ist im Koalitionsvertrag nicht vereinbart. Aus Sicht der CDU/CSU-Bundestagsfraktion besteht kein Anlass, an der bewährten Regelung etwas zu ändern.
Olav Gutting (CDU/CSU) gegenüber „BTC Echo“
Vermeintliche „Table.Briefings“-Berichte
Nach diesem Bericht beteuerte „Techaktien“ am Freitagabend schließlich, dass die Quelle für seinen Post das Medium „Table.Briefings“ sei. Laut ihm hieß es in den Berichten, dass die Parlamentarische Linke, ein Zusammenschluss linker Abgeordneter in der SPD-Bundestagsfraktion, den Solidaritätszuschlag nur abschaffen würde, wenn das „Steuerprivileg für Krypto-Spekulanten“ fällt.
„Table.Briefings“ habe berichtet, dass sich die SPD-Führung, bestehend aus Saskia Esken und Vizekanzler sowie Finanzminister Lars Klingbeil, hinter diesen Vorschlag gestellt hätte. Der SPD-Bundestagsabgeordnete Sönke Rix soll zudem gesagt haben:
Wir haben der Union die Wahl gelassen: Entweder ihr seid die Partei der Steuerentlastung für alle, oder ihr seid die Lobby-Partei für Krypto-Zocker. Sie haben sich für den Soli entschieden.
Sönke Rix (SPD) laut „Techaktien“
Laut der vermeintlichen Quelle von „Techaktien“ gehe es in den Diskussionen zwischen Union und SPD quasi nur noch darum, wie genau die Haltefrist abgeschafft werden soll. Das heißt, ob und ab wann der Bestandsschutz greifen und ob die Steuer 25 oder 30 % betragen soll. Bundeskanzler Friedrich Merz beharrt angeblich darauf, dass alle vor dem 1. Januar 2026 gekauften Coins dauerhaft steuerfrei bleiben.
Die Artikel dazu, die zwischen dem 11. und 13. März erschienen sein sollen, sind jedoch nicht auffindbar. Auf Anfrage von Blocktrainer.de erklärte „Techaktien“, dass er diese Briefings gar nicht selbst gelesen habe, sondern die Künstliche Intelligenz „Gemini“ von Google ihm den Inhalt „gescannt“ hätte. Die Artikel seien nämlich zahlenden Kunden vorenthalten, so die Begründung.
Doch das Briefing „Berlin.Table“, in dem es darum gegangen sein soll, ist kostenlos einsehbar und es gibt weit und breit keine Spur, dass derartige Inhalte dort veröffentlicht wurden. Anders als von „Techaktien“ behauptet, erschien am 13. März auch überhaupt kein Berlin-Briefing.
Um sich die endgültige Bestätigung einzuholen, ließ sich Blocktrainer.de von einem Redakteur von „Table.Briefings" am Montag erklären, dass es abseits der offen einsehbaren Artikel keine versteckten Inhalte zur deutschen Steuerpolitik gibt.
Vorsicht vor Fake News
Bei dem Post von „Techaktien“ hat sich bewahrheitet, was viele schon anfangs vermutet haben – und zwar, dass es sich um eine ausgedachte Fake News handelt.
Das bedeutet aber nicht, dass es keine Absicht der SPD ist, Bitcoin- und Krypto-Gewinne stärker zu besteuern. Wie hinlänglich bekannt ist, liegt dies im Interesse der Partei.
Belege dafür, dass die SPD im Rahmen der Steuerreform die Abschaffung der Haltefrist fordert, gibt es keine, sondern nur Aussagen vonseiten der CDU, in denen dies dementiert wird.
Und auch die Behauptung, dass die CDU kompromissbereit sei, die Haltefrist unter gewissen Voraussetzungen zu kippen, hat keinerlei Grundlage.
Der virale Post von „Techaktien“ verdeutlicht unter dem Strich wieder einmal, dass Behauptungen ohne handfeste Quellen immer und überall mit Vorsicht zu genießen sind.
Und vor allem: In Zeiten der KI ist es umso wichtiger, Inhalte gegenzuprüfen. Denn eine von einer KI ausgedachte Story kann schnell den Anschein erwecken, real zu sein.