Niederlande ziehen Steuer auf unrealisierte Gewinne vorerst zurück!
Vorgeschichte: Neue Steuer in den Niederlanden
Bereits vor wenigen Tagen berichteten wir hier bei Blocktrainer.de darüber, dass die „Tweede Kamer", das niederländische Unterhaus, eine weitreichende Reform der sogenannten Box-3-Besteuerung gebilligt hatte.
Das niederländische Steuersystem unterscheidet verschiedene Einkommensarten in sogenannten „Boxen“. In Box 3 werden Vermögenserträge besteuert, bislang allerdings auf Basis fiktiver, staatlich angenommener Renditen. Dieses System wurde von Gerichten mehrfach kritisiert und teilweise für rechtswidrig erklärt, da es nicht die tatsächlichen Erträge, sondern lediglich Modellannahmen besteuerte.
Die geplante Reform sollte dieses Problem lösen, indem künftig das tatsächliche Renditeergebnis herangezogen wird. Das bedeutet, dass Zinsen, Dividenden und realisierte Gewinne ebenso berücksichtigt werden sollten, wie Wertsteigerungen von Aktien, Fonds, Immobilien oder anderen Vermögenswerten. Allerdings auch dann, wenn diese noch nicht verkauft und entsprechende Gewinne somit überhaupt nicht realisiert wurden.
Gerade dieser Punkt sorgte für erhebliche Diskussionen.
Kritik an der Steuer auf unrealisierte Gewinne
Zahlreiche Kritiker argumentierten, dass eine Steuer auf unrealisierte Gewinne nicht zu verantworten sei und unter anderem zu erheblichen Liquiditätsproblemen führen könne. Wer etwa Anteile an einem Unternehmen, Immobilien oder langfristige Beteiligungen hält, müsste schließlich unter Umständen Steuern zahlen. Und das, obwohl kein Verkauf stattgefunden hat und somit keine Mittel zugeflossen sind. Besonders bei stark volatilen Assets wie z. B. Bitcoin könnte dies zu massiven Problemen für die betroffenen Personen führen.
Sehr umstritten war außerdem die Frage, wie stark diese Regelung langfristige Investitionen belasten würde. Auch Start-ups, Mitarbeiter mit Aktienoptionen oder private Investoren könnten betroffen sein. Hinzu kamen praktische Fragen der Bewertung, insbesondere bei Vermögenswerten, die nicht täglich an einer Börse gehandelt werden.
In den vergangenen Wochen mehrten sich daher öffentliche Proteste und politische Widerstände gegen das Vorhaben.
Neues Kabinett reagiert auf politischen Druck
Vor diesem Hintergrund kündigte das neue Kabinett in den Niederlanden Berichten zufolge an, den Gesetzentwurf zunächst nicht weiter in der bisherigen Form voranzutreiben. Finanzminister Heinen erklärte, man wolle das Gesetz überarbeiten und dabei die vorgebrachten Einwände berücksichtigen.
Damit ist die Einführung einer umfassenden Besteuerung unrealisierter Gewinne wohl vorerst vertagt. Ob es am Ende bei einer reinen Besteuerung realisierter Erträge bleibt oder ein hybrides Modell entwickelt wird, ist derzeit allerdings noch offen.
Signalwirkung über die Niederlande hinaus
Die Debatte in Den Haag wird auch außerhalb des Landes aufmerksam verfolgt. Die Frage, ob Vermögenszuwächse bereits vor ihrer Realisierung besteuert werden sollten, betrifft schließlich nicht nur klassische Kapitalanlagen, sondern grundsätzlich auch das Verständnis von Leistungsfähigkeit und Besteuerungszeitpunkt.
Mit dem vorläufigen Rückzug des Entwurfs zeigt sich, dass die politische Umsetzung einer solchen Reform halt doch komplexer ist als zunächst angenommen. Die kommenden Monate dürften zeigen, ob die Niederlande einen tragfähigen Kompromiss finden, oder ob das Modell einer Steuer auf unrealisierte Gewinne prinzipiell überdacht wird.
In den Niederlanden dürften jedenfalls einige Leute erst einmal aufatmen können.