Eine neue Studie des Digital Assets Research Institute (DARI) quantifiziert erstmals die Rolle von Bitcoin bei der Flucht. Weltweit haben mindestens 329.000 Flüchtlinge Bitcoin genutzt, um ihr Vermögen zu sichern, notwendige Ausgaben zu tätigen und in einem fremden Land neu zu starten. Die Studie hebt die Vorteile von Bitcoin gegenüber Banken und Stablecoins in Krisengebieten hervor und fordert die politische Anerkennung des humanitären Potenzials der Kryptowährung.

Hintergrund der Studie

In den vergangenen Jahren ist die Zahl der Menschen, die aufgrund von Verfolgung, Krieg oder Naturkatastrophen ihre Heimat verlassen haben, deutlich gestiegen. Laut Daten des Flüchtlingskommissariats der Vereinten Nationen haben sich die Zahlen im Vergleich zu 2014 mehr als verdoppelt. Während Ende 2014 weltweit etwa 60 Millionen Menschen auf der Flucht waren, ist diese Zahl Ende 2023 auf 117 Millionen – darunter rund zehn Millionen, die internationale Landesgrenzen überschritten haben, – und Ende 2024 auf über 123 Millionen angewachsen.

Die meisten Flüchtlinge verlieren beim Verlassen ihrer Heimat nicht nur ihr Zuhause, sondern auch den Zugang zum traditionellen Bankensystem und damit zu ihren finanziellen Mitteln und Ersparnissen. Bargeld verliert häufig an Wert oder ist schwer zugänglich – insbesondere bei Bankenkrisen, Krieg oder staatlichen Kapitalverkehrskontrollen.

Es gibt jedoch zahlreiche Anekdoten über Flüchtlinge, die ihr Vermögen mithilfe von Bitcoin sichern konnten. Beispielsweise dokumentiert Alex Gladstein von der Human Rights Foundation seit Jahren das humanitäre Potenzial von Bitcoin. Er berichtete von Menschen, die die dezentrale, zensurresistente und tragbare Form von Geld nutzten, um sich selbst oder andere zu unterstützen – etwa beim Verlassen autoritärer Regime oder beim Wiederaufbau in der Fremde.

Nimm nur mit, was du tragen kannst

Um über anekdotische Einzelfälle hinaus belastbare Zahlen zur Rolle von Bitcoin im Kontext von Flucht und Vermögensschutz zu liefern – auch mit Blick auf politische Entscheidungsträger –, verfasste Dr. Simon Collins für das Digital Assets Research Institute (DARI) die Studie „Bring Only What You Can Carry“ (z. Dt. „Nimm nur mit, was du tragen kannst“).

DARI hat bereits mit früheren Studien zur Aufklärung über Bitcoin beigetragen, etwa über die Nachhaltigkeit des Energiemix von Bitcoin oder – gemeinsam mit Simon Collins – über die Fehlinformationen, die über Bitcoin verbreitet wurden. Bei der vorliegenden Studie über die Bitcoin-Nutzung von Flüchtlingen erhielt Collins Unterstützung von Dr. Rian Dewhurst, Dr. Jan Wüstenfeld und dem DARI-Team.

Abgeleitete Schätzungen

Die Studie basiert auf abgeleiteten Schätzungen, da direkte Umfragen unter Flüchtlingen in Konfliktzonen entweder nicht möglich oder zu gefährlich wären. Stattdessen verwendeten die Autoren existierende Datensätze, wie zum Beispiel länderspezifische Zahlen zu Flüchtlingen, zur allgemeinen Krypto-Adoption oder zum Internetzugang. 

Die Autoren gingen davon aus, dass nationale Durchschnittswerte auf Flüchtlinge anwendbar sind, und leiteten daraus – nach einigen Anpassungen – vorsichtige Annahmen ab, wie viele Flüchtlinge wahrscheinlich Bitcoin als grenzüberschreitendes Finanzinstrument genutzt haben und in Zukunft nutzen werden:

  1. Für die 50 wichtigsten Herkunftsländer, die rund 98 % der Flüchtlinge abdecken, wurden jeweils zunächst die Flüchtlingszahlen (laut UNHCR-Daten) herangezogen.
  2. Anschließend wurde der nationale Anteil an Krypto-Besitzern (laut TripleA) auf die jeweilige Flüchtlingsgruppe übertragen.
  3. Da laut einer Binance-Studie etwa 65 % der Krypto-Nutzer Bitcoin halten, wurde diese Quote verwendet, um den Anteil der Bitcoin-Nutzer unter den Flüchtlingen zu schätzen.
  4. Zusätzlich wurden 22 % der Flüchtlinge aus der Schätzung ausgeschlossen – entsprechend dem Anteil, der laut UNHCR in Flüchtlingslagern ohne Internetzugang lebt und somit Bitcoin-Wallets quasi nicht nutzen konnte.

Berücksichtigt wurden dabei ausschließlich Flüchtlinge, die bereits vor ihrer Flucht Bitcoin besaßen, ihr Heimatland tatsächlich verlassen und sich im Ausland angesiedelt haben.

Im Anschluss wurden die Ergebnisse der Länder addiert und Plausibilitätsprüfungen durchgeführt – etwa in Bezug auf demografische Merkmale, Bildungsstand und Stadt-Land-Unterschiede. Die Autoren betonen, dass ihre Annahmen bewusst konservativ gewählt wurden, um Übertreibungen zu vermeiden und nicht nur das theoretische Potenzial, sondern vor allem die reale Nutzung abzubilden.

Die ermittelte Zahl der Flüchtlinge, die Bitcoin nutzten, versteht sich daher eher als Untergrenze und deckt nicht die gesamten Nuancen der Bitcoin-Nutzung ab. Flüchtlinge, die erst nach ihrer Flucht Zugang zu Bitcoin erhielten oder auf dem Weg den Zugriff verloren, sind nicht erfasst.

Obwohl die Annahmen und die Prognosen nicht frei von Unsicherheiten sind, gelten sie als transparent und reproduzierbar und können mit besseren Daten künftig weiter verfeinert werden.

Mindestens 329.000 Flüchtlinge nutzten Bitcoin

Die Berechnungen der Studie ergaben, dass weltweit mindestens 329.000 Flüchtlinge im Laufe der vergangenen Jahre Bitcoin zum Wertaustausch oder zur Sicherung ihres Vermögens während der Flucht genutzt haben dürften. Bitcoin entwickelt sich unter Flüchtlingen zunehmend zu einem Instrument, um extreme Lebensumstände zu bewältigen, ähnlich wie Mobiltelefon oder Internet. 

Getrieben von Mundpropaganda und oft aus schierer Notwendigkeit, dürfte die Zahl der Bitcoin-Nutzer unter Flüchtlingen weiter steigen. Laut der Studie könnte sie bis zum Jahr 2035 auf bis zu 7,5 Millionen anwachsen – vorausgesetzt, sowohl die globale Bitcoin-Adoption als auch die Zahl der Flüchtlinge nimmt weiterhin zu.

Auch wenn jede Prognose über zehn Jahre mit Unsicherheiten behaftet ist, ist die zentrale Erkenntnis eindeutig: Der Einsatz von Bitcoin in humanitären Kontexten wird voraussichtlich stark zunehmen – möglicherweise um ein Vielfaches.
Auszug aus der Studie

Die Flüchtlinge nutzen Bitcoin als sicheren, tragbaren Wertspeicher sowie als dezentrales, zensurresistentes Peer-to-Peer-Zahlungssystem, etwa zum Empfang von Spenden oder zur Zahlung von Unterkunft, Verpflegung und Transport.

Werttransaktionen weiterhin möglich

Bitcoin funktioniert unabhängig von lokalen Banken, Regierungen, Sanktionen und Kapitalkontrollen. Einzig ein Internetzugang und der Besitz eines Passworts oder einer Seed-Phrase reichen aus, um weltweit auf das eigene Kapital zugreifen zu können.

Somit können Flüchtlinge weiterhin Geld senden und empfangen, selbst dann, wenn die finanzielle Infrastruktur ihres Landes eingeschränkt, sanktioniert oder vollständig zusammengebrochen ist. In vielen Krisengebieten sind Banken entweder zerstört, geschlossen oder verhängen drastische Abhebungslimits, wie zum Beispiel in der Ukraine.

Zudem sind Überweisungen im traditionellen Finanzsystem von Dritten abhängig oder können somit immer blockiert werden. Aus ähnlichen Gründen gibt es auch keine verifizierten Fälle, in denen Flüchtlinge Stablecoins wie USDC oder Tether unabhängig während der Flucht verwendet hätten.

Im Gegensatz dazu kann das Bitcoin-Netzwerk ohne Erlaubnis oder Mittelsmänner zum direkten Wertaustausch genutzt werden – Peer-to-Peer und zensurresistent. Während andere Systeme versagen und Gelder beschlagnahmt, eingefroren oder entwertet werden, bleiben Vermögenssicherung und -übertragung per Bitcoin weiterhin möglich. So können auch Kreislaufwirtschaften oder humanitäre Hilfsprojekte in Krisengebieten entstehen.

Flüchtlinge, die unter Druck stehen, neigen dazu, nach Instrumenten zu greifen, die zugänglich, zensurresistent und Peer-to-Peer sind. Im Moment hat Bitcoin aufgrund seiner Liquidität und Dezentralität einen Vorteil als Basisinstrument für diejenigen, die vor autoritären Regimen und kollabierenden Volkswirtschaften fliehen.
Auszug aus der Studie

Vermögenstransfer als Grundlage für ein neues Leben

Flüchtlinge können ihr Vermögen, das andernfalls verloren wäre, auf einem USB-Stick, einem Stück Papier oder einem Smartphone über Grenzen hinweg transportieren oder sogar komplett auf eine physische Sicherung verzichten, indem sie ihre Seed-Phrase (12 oder 24 Wörter) einfach auswendig lernen.

Dieser grenzüberschreitende Vermögenstransfer bildet für viele die finanzielle Grundlage für den Weg in ein neues Leben. Bitcoin erlaubt es ihnen, lokale Währungen zu tauschen oder Transport, Unterkunft und Grundbedürfnisse direkt zu bezahlen.

Durch die Möglichkeit zur Selbstversorgung sind sie mobiler und weniger abhängig von Hilfslieferungen. Viele können Flüchtlingslager vermeiden und sich im Aufnahmeland eigenständig eine neue Existenz aufbauen, ohne auf Sozialleistungen angewiesen zu sein.

Potenzielle Entlastung für Aufnahmeländer

Die finanzielle Autonomie durch Bitcoin ermöglicht die Selbstversorgung und bewahrt die Würde und Handlungsfähigkeit der Flüchtlinge. Bitcoin macht sie widerstandsfähiger und verringert ihren Bedarf nach fremder Hilfe. Dies kann letztlich auch den Druck auf die Aufnahmeländer oder Hilfsorganisationen verringern und somit eine schnellere Integration fördern, heißt es in der Studie.

Wer in den ersten Monaten im neuen Land eigene Mittel zur Verfügung hat, braucht nicht sofort umfangreiche staatliche Hilfe. Sobald Arbeit gefunden ist und in der neuen Heimat ein Beitrag geleistet wird, kann die wirtschaftliche Integration schneller gelingen.

Auf übergeordneter Ebene könnte man argumentieren, dass, wenn in den nächsten zehn Jahren Millionen von Flüchtlingen Bitcoin nutzen, um auch nur einen Teil ihres Vermögens zu bewahren, der kumulative Rückgang des humanitären Hilfebedarfs erheblich sein könnte.
Auszug aus der Studie

Somit hätten auch die Aufnahmeländer Vorteile – vorausgesetzt, sie erkennen Bitcoin in diesem Kontext als hilfreich an.

Empfehlung für die Politik

Die Ergebnisse der Studie dienen als Ausgangspunkt für faktenbasierte Diskussionen, die letztlich auch zu konkreten Maßnahmen führen könnten. Für Regierungen und Hilfsorganisationen wäre es sinnvoll, sich darauf einzustellen, dass Bitcoin zunehmend von Flüchtlingen genutzt wird.

Schließlich empfehlen die Autoren den politischen Entscheidungsträgern und NGOs, die humanitären Vorteile von Bitcoin in Krisenzeiten anzuerkennen und einen verantwortungsvollen Zugang zu dem digitalen Vermögenswert zu ermöglichen.

  • Statt sich ausschließlich auf Risiken wie Geldwäsche oder illegale Finanzierungen zu konzentrieren, fordert die Studie eine ausgewogene Sichtweise auf Bitcoin. Um Missbrauch zu verhindern, ohne Chancen für Flüchtlinge zu blockieren, könnten etwa Adress-Whitelisting und Transaktionsverfolgung eingesetzt werden. Ein Verbot oder zu starke Einschränkungen würden Flüchtlingen jedoch eine lebenswichtige finanzielle Rettungsleine abschneiden und sie womöglich in die Abhängigkeit von Schwarzmärkten oder bürokratischer Hilfe treiben.
  • Damit keine Beschlagnahmung droht, sollte der rechtliche Status von Bitcoin als persönliches Eigentum für Flüchtlinge gesichert sein. Die besonderen Eigenschaften von Bitcoin – wie offener Zugang, Zensurresistenz und globale Übertragbarkeit – sollten rechtlich anerkannt und in Entwicklungs- sowie Integrationsstrategien berücksichtigt werden. Humanitäre Ausnahmeregelungen könnten dabei helfen.
  • Zudem sollte die Infrastruktur für eine sichere und effektive Nutzung von Bitcoin ausgebaut werden. Dazu zählen etwa technische Schulungen, die Entwicklung von sicheren und benutzerfreundlichen Wallets, der Internetzugang in Auffanglagern sowie die Einrichtung von regulatorischen Sandboxes für Bitcoin-basierte Mikroökonomien und Hilfsprogramme für Flüchtlinge.

Die Maßnahmen können nicht nur die Selbstversorgung, Würde und Handlungsfähigkeit von Flüchtlingen stärken, sondern auch die Belastung für die Aufnahmeländer verringern, etwa im Hinblick auf Sozialleistungen oder gesellschaftliche Spannungen.

Für Aufnahmeländer, die mit der öffentlichen Besorgnis über den Zustrom von Flüchtlingen konfrontiert sind, sollte die Idee, dass Flüchtlinge mit Vermögenswerten und nicht nur als Last ankommen, willkommen sein – Bitcoin ermöglicht in gewisser Weise eine Form von Selbstständigkeit, die die Integration erleichtern kann.
Auszug aus der Studie

Bitcoin kann Flüchtlingen das Überleben sichern und ihnen die Chance geben, ihr Leben mit eigener Kraft und Würde neu zu beginnen, ohne das Aufnahmeland zu sehr zu belasten. Die Studie verdeutlicht damit die besondere Rolle von Bitcoin als digitales Fluchtinstrument, das bereits von vielen Flüchtlingen genutzt wurde, um ihre finanzielle Autonomie zu bewahren, nachdem sie alles in ihrer Heimat zurücklassen mussten.

Stefan

Über den Autor: Stefan

Stefan ist studierter Medienwissenschaftler und Sinologe sowie selbstständig im künstlerisch-publizistischen Bereich. Neben den monetären Eigenschaften interessiert er sich vor allem für die sozialen und ökologischen Aspekte von Bitcoin und dem Bitcoin-Mining.

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