Javier Milei, der Präsident Argentiniens, hat am Tag des Launchs des Krypto-Tokens Libra sieben Mal mit einem zentralen Vermittler dahinter telefoniert, wie aus Telefonprotokollen der Staatsanwaltschaft hervorgeht. Die neuen Indizien lassen Zweifel an der Darstellung aufkommen, Milei habe mit dem Projekt nicht zu tun gehabt. Der Libra-Coin kollabierte kurz nach der Werbung des Präsidenten, weshalb er sich mit Betrugsvorwürfen konfrontiert sieht. Laut einem rekonstruierten Entwurf könnte Milei sogar 5 Millionen US-Dollar erhalten haben.

Milei und der Libra-Coin

Am 14. Februar 2025 bewarb Javier Milei einen Krypto-Token namens Libra mit seinen Accounts bei 𝕏, Instagram und Facebook. Seine Posts dazu folgten wenige Minuten nach dem Launch des Memecoins und ließen den Kurs zunächst in die Höhe schießen.

Das liberale Argentinien wächst!!!
Dieses private Projekt wird sich der Förderung des Wachstums der argentinischen Wirtschaft widmen, indem kleine argentinische Unternehmen und Start-ups finanziert werden.
Die Welt will in Argentinien investieren.
vivalalibertadproject.com
Kontrakt: Bo9jh3wsmc…
$LIBRA
ES LEBE DIE FREIHEIT, VERDAMMT NOCH MAL…!!!
Javier Milei

Es dauerte aber nicht lange, bis der Wert von Libra ins Bodenlose stürzte, woraufhin viele den Coin als einen „Pump-and-Dump-Scam“ beziehungsweise „Rug Pull“ einordneten. 

Javier Milei löschte seine Werbeposts wenig später und behauptete, er hätte sich nicht darüber informiert, geschweige denn Verbindungen dazu gehabt.

Zeitgleich griff er seine politischen Kontrahenten an, die ihn dafür kritisiert hatten.

Vor ein paar Stunden habe ich einen Tweet veröffentlicht, wie schon unzählige Male zuvor, in dem ich ein angebliches privates Vorhaben unterstützt habe, zu dem ich offensichtlich keinerlei Verbindung habe.
Ich war über die Einzelheiten des Projekts nicht im Bilde, und nachdem ich mich darüber informiert hatte, entschied ich, ihm keine weitere Aufmerksamkeit zu verschaffen (deshalb habe ich den Tweet gelöscht).
Den widerlichen Ratten der politischen Kaste, die diese Situation ausnutzen wollen, um Schaden anzurichten, möchte ich sagen, dass sie jeden Tag aufs Neue bestätigen, wie niederträchtig Politiker sind, und dass sie unsere Entschlossenheit nur noch verstärken, sie mit Tritten in den Hintern hinauszuwerfen.
VLLC!
Javier Milei

Der Kollaps von Libra hinterließ viele geprellte Anleger. Mehr als 250 Millionen US-Dollar sollen Investoren verloren haben. 

Währenddessen war über On-Chain-Daten zu sehen, dass wenige Insider mehrere Millionen US-Dollar verdienen konnten – und durch ihre Verkäufe zum drastischen Einbruch beigetragen haben. Laut Chainalysis zogen acht Wallets, die Tokens direkt vom Erschaffer erhalten hatten, im Rahmen des Hypes rund 100 Millionen US-Dollar aus dem Liquiditätspool ab.

Milei verteidigte sich später noch mit Aussagen in die Richtung, dass der Krypto-Markt nun mal ein Casino sei. Außerdem blieb er bei dem Narrativ, in gutem Glauben gehandelt zu haben. Er habe, so seine Erzählung, gedacht, ein Projekt zu unterstützen, das Argentinien voranbringt. Mehr als ein Jahr später lassen neue Indizien weitere Zweifel an seiner Darstellung aufkommen.

Telefonate und mutmaßliche Bezahlungen

Laut Telefonprotokollen der argentinischen Staatsanwaltschaft, die der New York Times vorliegen, hat Milei am Tag des Launchs insgesamt sieben Mal mit einem der Köpfe hinter der Kryptowährung telefoniert – und das auch unmittelbar vor und nach seinem Post. Worüber bei den Gesprächen mit einer Gesamtlänge von mehr als 13 Minuten geredet wurde, ist unbekannt. 

Die Person, mit der Milei telefoniert hat, ist Mauricio Novelli. Er spielte eine zentrale Rolle im mutmaßlichen Betrugsfall und hat an dem Tag auch mit Mileis Schwester sowie Santiago Caputo, einem engen politischen Berater von Milei, telefonisch kommuniziert. Laut den Akten schrieb Novelli wenige Stunden nach Mileis Post zu Libra zudem an eine Freundin: „Ich habe einen riesigen Deal abgeschlossen.“

Novelli ist ein junger Trader mit einer kleinen Investment-Akademie, bei der Milei im Jahr 2020 gelehrt hat. Nachdem Milei im Jahr 2021 Kongressabgeordneter wurde, warb er weiter für Novellis Akademie. Seither fungiert Novelli als Vermittler im Umfeld Mileis. Im Jahr 2022 bewarb Milei bereits ein Krypto-Projekt von Novelli, das innerhalb weniger Wochen ebenfalls kollabierte. Damals gab es keine Ermittlungen.

Der New York Times liegt jetzt auch eine WhatsApp-Sprachnachricht aus dem Jahr 2023 vor, die nahelegt, dass Milei regelmäßig von Novelli bezahlt wurde. Ermittler, die mit der Staatsanwaltschaft zusammenarbeiten, fanden auf Novellis Handy außerdem Entwürfe von Dokumenten, die auf mögliche finanzielle Vereinbarungen zwischen Milei und Libra hindeuten. Dabei soll es um Zahlungen in Höhe von 5 Millionen US-Dollar gegangen sein. Die New York Times konnte die Entwürfe einsehen, aber es ist nicht bekannt, ob Milei zugestimmt beziehungsweise tatsächlich dieses Geld erhalten hat.

Eine weitere Schlüsselfigur hinter Libra ist Hayden Davis, der auch in den Memecoin-Launch der Ehefrau des US-Präsidenten, Melania Trump, involviert war. Davis selbst behauptet, bei Libra nur als Berater fungiert, aber nicht finanziell profitiert zu haben. Milei postete rund zwei Wochen vor dem Libra-Launch ein Bild mit Davis, in dem er sagte, dass er ihn bei den Themen Blockchain und KI beraten würde.

TECHNOLOGIE IST EIN VERBÜNDETER DER FREIHEIT
Heute führten wir ein sehr interessantes Gespräch mit dem Unternehmer Hayden Mark Davis, der mich über die Auswirkungen und Anwendungsmöglichkeiten der Blockchain-Technologie und der künstlichen Intelligenz in unserem Land beraten hat. Wir arbeiten weiter daran, die technologische Entwicklung Argentiniens voranzutreiben und Argentinien zu einer weltweiten Technologiemacht zu machen.
ES LEBE DIE FREIHEIT, VERDAMMT NOCHMAL...!!!
Javier Milei

Während Novelli und Davis als Verdächtige in dem Fall geführt werden, ist Milei nur eine „Person of interest“. Der argentinische Präsident ist bislang nicht angeklagt – die Ermittlungen laufen weiter.

Das große Problem der „Krypto-Präsidenten“

Als Javier Milei Ende 2023 als Präsident Argentiniens gewählt wurde, war die Hoffnung in der Bitcoin-Community groß. Der selbsternannte „Anarchokapitalist“ gab sich als radikaler Befürworter freier Märkte und Gegner von Zentralbanken. 

Außerdem erklärte Milei im Sommer 2024, dass jeder, der Bitcoin als Geld verwenden möchte, dies tun kann. Das, gekoppelt mit seinem Versprechen, die Zentralbank abzuschaffen, veranlasst viele dazu, anzunehmen, dass Bitcoin eine größere Rolle in Mileis Argentinien spielen wird. Bislang hielt sich die Bitcoin-Adoption in dem Land jedoch in Grenzen, während die Zentralbank noch aktiv ist.

Dennoch konnte Milei mit seiner freiheitlicheren Politik schon Erfolge verzeichnen: 

Die Armutsquote ist für das zweite Halbjahr 2025 auf 28,2 % und damit auf das niedrigste Niveau seit 2018 gefallen. 

Unter Milei gelang es dem Staat sogar zum ersten Mal seit 123 Jahren, einen Jahresüberschuss zu erwirtschaften.

Gleichzeitig ist die Inflation deutlich zurückgelaufen: Zu Beginn der Amtszeit Mileis stiegen die Konsumgüterpreise im Vorjahresvergleich um rund 200 % – jetzt sind es „nur noch“ 33 %.

Dem Ansehen von Bitcoin und Kryptowährungen im Allgemeinen hat Milei unter dem Strich aber wohl eher geschadet. Denn Vorfälle wie der Libra-Skandal dienen als perfektes Beispiel für die noch weitverbreitete Annahme, dass Kryptowährungen nur etwas für Betrüger seien.

Milei bestreitet zwar, involviert gewesen zu sein, doch die inzwischen herausgekommenen Informationen zeigen, dass es wohl nicht nur eine kleine Unaufmerksamkeit war. Und selbst wenn er keine bösen Absichten gehabt haben sollte, zeugt der Vorfall im Mindesten von immenser Inkompetenz. Denn jeder – insbesondere ein studierter Ökonom und Präsident wie Milei – sollte wissen, dass solche Coins keinen wirklichen Nutzen haben und früher oder später ohnehin kollabieren.

Auch der selbsternannte „Krypto-Präsident“ Donald Trump bekleckerte sich nicht gerade mit Ruhm. Er und seine Ehefrau Melania lancierten kurz vor seinem Amtsantritt eigene Memecoins, die nach einem kurzen Hype quasi nur noch gefallen sind. Beim Trump- und Melania-Coin wurde aber klar kommuniziert, dass es sich um reine Memecoins handelt, und offengelegt, wie viele Token von Insidern gehalten werden.

Nichtsdestotrotz sind die Token-Launches von Trump und seiner Frau sowie das Krypto-Engagement seiner Söhne zentrale Argumente der Kritiker gegen seine angestrebte Pro-Krypto-Politik. Demnach kann auch hier die Behauptung aufgestellt werden, dass einige der Aktionen des US-Präsidenten und seines Umfelds der Krypto-Vision eher einen Bärendienst erwiesen haben.

Momentan ist zumindest fraglich, inwieweit Trump und Milei mit ihrer Präsidentschaft wirklich der ökonomischen Freiheit und Bitcoin geholfen haben. Die beiden scheinen unter dem Strich nämlich eher die These zu stärken, dass Kryptowährungen nur dazu da sind, sich selbst und Verbündete zu bereichern.

Tristan

Über den Autor: Tristan

Tristan ist der Chefredakteur bei Blocktrainer.de. Als studierter Volkswirt sammelte er auch außerhalb des Bitcoin-Space journalistische Erfahrungen. Seit 2020 beschäftigt sich Tristan aktiv mit Bitcoin, in den Jahren zuvor schon mit libertärer Wirtschaftstheorie.

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