Die Reportage: Lärm und Verzweiflung – wegen Bitcoin?
Im Mittelpunkt des Beitrags stehen Nick und Virginia Browning, beide über 80 Jahre alt, die seit über 35 Jahren in Granbury leben. Seit rund drei Jahren ist es mit der ländlichen Ruhe vorbei. Direkt neben ihrem Grundstück wurde eine Mining-Anlage errichtet, deren Dauerlärm – so sagen sie – sie krank mache.
„Ich habe ständig Kopfschmerzen – hinten am Kopf oder über den Augen“, klagt Virginia Browning.
„Das ist einfach nur wahnsinnig. Ich möchte einfach nur schreien“, sagt ihr Ehemann Nick.
Auch Nachbarn wie Tom Weeks oder Cheryl Shadden berichten von gesundheitlichen Problemen, gestörter Nachtruhe und einem dramatischen Verfall ihrer Immobilienwerte. Shadden sagt:
„Mein Haus ist bezahlt. Aber wer würde es kaufen wollen? Mein Immobilienwert ist laut Gutachten um 75 % gefallen.“
Laut ihren Messungen liegen die Lärmwerte in ihrem Haus teils über 100 Dezibel – das ist über den gesetzlichen Grenzwerten und tatsächlich vergleichbar mit Industrieanlagen, bei denen Gehörschutz vorgeschrieben ist.
Fakten statt Mythen: Strompreise, Wasserverbrauch und politische Einflussnahme
Neben der Lärmbelästigung versucht die Reportage, auch andere Vorwürfe gegen das Bitcoin-Mining zu etablieren: So wird suggeriert, dass Mining-Farmen die Strompreise für Verbraucher in Texas nach oben treiben oder während der Winterstürme absichtlich Strom zurückgehalten und teuer verkauft hätten. Solche Behauptungen lassen jedoch wichtige Fakten außer Acht. Bitcoin-Miner nehmen aktiv an sogenannten „Demand Response“-Programmen teil und schalten ihre Anlagen bei Netzüberlastung ab – dafür erhalten sie eine Vergütung, die letztlich zur Stabilisierung des Stromnetzes beiträgt.
Eine Analyse der Texas A&M, der größten Universität in den USA, kam sogar zu dem Ergebnis, dass die flexible Abschaltung von Minern in Texas den Netzbetreibern hilft, kritische Situationen zu überstehen und dazu beiträgt, Stromnetze und Strompreise zu stabilisieren.
Auch kam es im Beitrag zu Kritik am angeblichen Wasserverbrauch, des Minings, die jedoch nur bedingt haltbar ist: Die im Film genannte Anlage von Riot Platforms in Corsicana soll laut Reportage bis zu 1,5 Millionen Gallonen Wasser pro Tag benötigen – dabei wird jedoch übersehen, dass diese Mengen primär durch das angeschlossene Gas- und Dampfkraftwerk verbraucht werden, nicht durch das Mining selbst. Bitcoin-Mining benötigt kaum Wasser, es sei denn, es wird aktiv zur Kühlung in wasserbasierten Systemen verwendet – was jedoch eher die Ausnahme ist. MARA selbst veröffentlichte im Übrigen bereits die eigenen Zahlen zum Wasserverbauch in Granbury, nachdem Kritik dazu laut wurde.
Da MARA in Granbury zunächst auf Luftkühlung setzte, wurde für den Kühlbetrieb bislang kein Wasser benötigt. Der gesamte Wasserverbrauch der Anlage im Jahr 2024 lag bei lediglich 144.000 Litern – durchschnittlich knapp 394 Liter pro Tag –, ausschließlich für sanitäre Zwecke wie Küche und Bad. Das entspricht ungefähr einem Drittel des Jahresverbrauchs einer durchschnittlichen US-Familie.
Ein weiterer Kritikpunkt ist die Einflussnahme der Branche auf die Politik. In der Reportage wird auf Wahlkampfspenden an Politiker wie den Senator Ted Cruz verwiesen sowie auf Gesetzesinitiativen, die zugunsten der Branche ausblieben. Doch Lobbyismus ist kein Alleinstellungsmerkmal des Bitcoin-Minings – er ist ein Bestandteil fast aller Industriebranchen, ob Pharma, Big Tech oder fossile Energie. Und so zu tun, als sei es ausgerechnet Bitcoin, das die politische Integrität gefährde, wirkt heuchlerisch – insbesondere angesichts der Milliarden, die andere Branchen seit Jahrzehnten in politische Einflussnahme investieren.
Anstatt Bitcoin-Mining moralisch herauszustellen, sollte die Debatte dort ansetzen, wo tatsächliche Lösungen gefragt sind. Auf die Schaffung vernünftiger Rahmenbedingungen, die Innovation ermöglichen und gleichzeitig Rücksicht auf betroffene Anwohner nehmen.
Ein reales Problem – aber kein Bitcoin-spezifisches
So nachvollziehbar die Beschwerden der Anwohner sind, so wichtig ist es, zwischen Ursache und Wirkung zu unterscheiden. Der Lärm kommt nicht „von Bitcoin“, sondern von schlecht geplanter Infrastruktur. Denn jede Art von Großrechenzentrum – sei es für Cloud-Anwendungen, künstliche Intelligenz oder Streamingdienste – erzeugt Lärm durch Lüfter und Kühlsysteme. Dass Marathon seine Mining-Farm in unmittelbarer Nähe zu einem Wohngebiet errichtet hat und selbst ein „Lärmschutzwall“ offenbar nur lückenhaft funktioniert, ist ein Planungsfehler – kein systemisches Bitcoin-Problem.
Die Darstellung in der Reportage verkennt diese Tatsache. Stattdessen wird Bitcoin teilweise sogar moralisch aufgeladen kritisiert:
„Diese milliardenschweren Unternehmen machen Profit auf dem Rücken armer Leute. Das ist feige. Es ist grausam“, sagt Nachbar Tom Weeks.
Dabei wäre es sachlich und fairer, differenziert zu argumentieren: Die Kritik richtet sich an Betreiber wie MARA, nicht an die zugrunde liegende Technologie. Bitcoin „verursacht“ keinen Lärm – schlecht konzipierte Infrastrukturen tun es.
Lösungsansätze: Immersion Mining und dezentrale Modelle
Tatsächlich gibt es längst technische Lösungen, die genau dieses Problem adressieren. Viele fortschrittliche Mining-Unternehmen setzen zunehmend auf sogenanntes Immersion Mining. Dabei werden die ASIC-Miner nicht durch Luft, sondern durch spezielle Flüssigkeiten gekühlt, die die entstehende Wärme deutlich effizienter und geräuschloser abführen.
Diese Technologie hat gleich mehrere Vorteile:
- Lautlosigkeit: Da keine Lüfter benötigt werden, entsteht nahezu kein Lärm.
- Höhere Effizienz: Die Miner können dichter gepackt werden und laufen stabiler.
- Längere Lebensdauer: Die gleichmäßige Kühlung reduziert den Verschleiß.
Einige Unternehmen experimentieren zudem mit dezentraleren Ansätzen: Kleinanlagen in Gewerbegebieten oder sogar mobile Containerlösungen, die fernab von Wohngebieten aufgestellt werden – zum Beispiel an erneuerbaren Energiequellen wie Windparks oder an Wasserkraftwerken.
MARA selbst hat im Übrigen bereits im Jahr 2024 damit begonnen, schrittweise von Luft- auf Immersionskühlung umzustellen. Dazu hat das Unternehmen sogar eine eigene Kühltechnik entwickelt: die sogenannte 2PIC-Technologie (Two-Phase Immersion Cooling, dt. Zwei-Phasen-Tauchkühlung). Mit dieser speziellen Infrastruktur unterstützt MARA auch andere Branchen bei der Reduzierung ihres Wasserverbrauchs und der Senkung ihrer Betriebskosten.
Echte Probleme erfordern echte Lösungen ...
… und keine pauschale Anti-Bitcoin-Stimmung. Dass Menschen in Granbury und in einigen anderen Orten unter dem Lärm leiden, ist unbestritten und verdient Mitgefühl. Doch die Debatte muss sachlich geführt werden. Bitcoin als Technologie pauschal zu dämonisieren, führt nicht weiter. Stattdessen braucht es Diskursbereitschaft und einen transparenten Dialog zwischen Gemeinden und Betreibern.
Bitcoin ist nicht das Problem – schlechte Planung schon.