Die Debatte um eine strengere Besteuerung von Bitcoin gewinnt in Deutschland derzeit erneut an Dynamik. Hintergrund sind, wie in den vergangenen beiden Tagen bereits berichtet, wachsende Haushaltsprobleme, steigende Staatsausgaben und der zunehmende Druck der Regierung, neue Einnahmequellen zu erschließen. In diesem Kontext rückt eine mögliche Verschärfung der steuerlichen Behandlung von Bitcoin und anderen Kryptowährungen immer stärker in den Fokus. Insbesondere die Abschaffung der einjährigen Haltefrist wird dabei als naheliegende Maßnahme ins Spiel gebracht.

Doch bei genauerer Betrachtung zeigt sich, dass die politischen Erwartungen und die tatsächliche fiskalische Realität wohl deutlich auseinanderklaffen.

Die große Hoffnung: Milliarden für den Staat

In der medialen Debatte kursieren seit einiger Zeit Zahlen, die nicht nur Politiker aufhorchen lassen. Immer wieder ist von angeblichen Steuerpotenzialen im Milliardenbereich die Rede, teilweise sogar im zweistelligen Milliardenbereich. Die Vorstellung ist einfach: Durch strengere Regeln im Krypto-Bereich ließen sich enorme Summen für den Staat erschließen.

Diese Zahlen stehen dabei häufig im Raum, ohne dass zunächst klar wird, wie sie überhaupt zustande kommen. Sie entfalten dennoch Wirkung, weil sie ein leicht verständliches Narrativ bedienen: „Hier existiert eine große, bislang ungenutzte Einnahmequelle, die man nur erschließen müsse.“

Die Bundesregierung zeigt sich in ihrer Kommunikation zwar etwas vorsichtiger, bewegt sich jedoch ebenfalls im Milliardenbereich. Dass auch dort mit erheblichen zusätzlichen Einnahmen gerechnet wird, machte Finanzminister Lars Klingbeil gestern in der Bundespressekonferenz deutlich:

Wir haben verabredet, dass wir im Bereich Bekämpfung von Finanz- und Steuerkriminalität und Krypto-Besteuerung auf zwei Milliarden Euro kommen werden.

Unklar bleibt dabei, welcher Anteil dieser Summe konkret aus der Besteuerung von Kryptowährungen stammen soll und welcher Teil laut der Berechnung auf die anderen Maßnahmen entfällt. Die Aussage zeigt dennoch, dass mit nennenswerten Einnahmen über neue Krypto-Steuern gerechnet wird.

Damit stellt sich zwangsläufig die Frage, wie realistisch diese Annahmen überhaupt sind.

Woher stammen diese Zahlen?

Ein Großteil der hohen Erwartungswerte lässt sich auf Berechnungen zurückführen, wie sie unter anderem von Co-Pierre Georg von der Frankfurt School of Finance und der von ihm betriebenen Plattform kryptoluecke.de verbreitet werden. Dort werden verschiedene Szenarien durchgerechnet, in denen aus angenommenen Gewinnen potenzielle Steuereinnahmen abgeleitet werden.

Je nach Szenario ergibt sich dabei ein angebliches Steuerpotenzial, das bis in den zweistelligen Milliardenbereich reicht. In besonders optimistischen Annahmen werden Werte von über 10 bis 11 Milliarden Euro jährlich genannt.

Die Grundlage der Modelle ist der sogenannte Crypto Tax Report des Steuerdienstleisters Blockpit. Ausgehend von rund 10.000 Nutzern werden dabei Rückschlüsse auf mehrere Millionen deutsche Krypto-Anleger gezogen. Eine solche Hochrechnung überträgt die Eigenschaften einer sehr spezifischen Nutzergruppe auf den gesamten Markt und ist damit aber auch zwangsläufig anfällig für Verzerrungen.

Denn bei diesen Nutzern handelt es sich natürlich nicht um einen repräsentativen Durchschnitt. Es sind schließlich Menschen, die aktiv Steuer-Software nutzen und daher typischerweise stärker im Markt engagiert und investiert sind.

Erschwerend kommt hinzu, dass mit Durchschnittswerten gearbeitet wird, die durch einzelne große Portfolios stark verzerrt sind. Einige wenige hohe Gewinne treiben den Durchschnitt nach oben, während der typische Anleger deutlich darunterliegt. Das führt dazu, dass das Gesamtbild somit auch systematisch überschätzt wird. Laut den zugrunde liegenden Daten liegt der durchschnittliche Portfolio-Wert bei rund 57.000 Euro. Der Median, also der Wert, der den typischen Anleger deutlich besser abbildet, liegt hingegen nur bei etwa 13.000 Euro.

Ein weiterer Punkt wird in der Debatte im Übrigen auch häufig übersehen. Blockpit ist nämlich kein neutraler Akteur. Das Unternehmen verdient schließlich Geld damit, Krypto-Steuern zu berechnen und zu optimieren. Ein möglichst großes wahrgenommenes Steuerpotenzial erhöht automatisch die Bedeutung solcher Dienstleistungen. Es ist ein wenig vergleichbar damit, einen Hersteller von Radarfallen zu fragen, wie verbreitet Geschwindigkeitsverstöße sind und wie viele zusätzliche Geräte benötigt werden. Die Antwort wird naturgemäß nicht darauf hinauslaufen, dass kaum Handlungsbedarf besteht.

Warum diese Erwartungen in der Praxis nicht aufgehen

Eine weitere zentrale Schwäche dieser ganzen Modellrechnungen liegt in einer ziemlich simplen Annahme. Es wird so getan, als würden die meisten Gewinne tatsächlich realisiert und am Ende auch versteuert werden. Genau das ist im Krypto-Markt aber oft nicht der Fall.

Viele Anleger halten ihre Coins einfach über Jahre hinweg oder planen sogar, diese niemals zu verkaufen. Klassisches „Hodling“ eben. Und gerade in Deutschland scheint dieses Verhalten besonders ausgeprägt zu sein. Untersuchungen aus dem Umfeld von PwC zeigen, dass ein großer Teil der deutschen Krypto-Anleger gezielt auf langfristiges Halten setzt und seine Bestände nicht aktiv tradet. Steuerlich passiert dabei erst einmal gar nichts, weil Gewinne erst dann relevant werden, wenn auch wirklich verkauft wird. Ein großer Teil dieser „theoretischen Gewinne“ taucht also nie irgendwo in einer Steuerstatistik auf.

Dazu kommt noch etwas, das in solchen Modellen gerne komplett ignoriert wird. Menschen reagieren nämlich auf Regeln und Veränderungen. Wenn Steuern verschärft werden, heißt das nicht automatisch, dass plötzlich mehr Geld beim Staat landet. Es kann genauso gut passieren, dass weniger verkauft wird, dass Aktivitäten verlagert werden oder Anleger gegebenenfalls sogar Standortwechsel vornehmen.

Und dann ist da noch die grundsätzliche Frage, wie gut sich das überhaupt durchsetzen lässt. Der Krypto-Markt ist bekanntermaßen global, technisch flexibel und nicht an ein einzelnes Land gebunden. Selbst mit strengeren Regeln bleibt es schwierig, wirklich alle Gewinne sauber zu erfassen – auch wenn mit der DAC-8-Richtlinie hier entgegengewirkt werden soll.

Am Ende bedeutet das, dass die Milliardenpotenziale auf dem Papier vielleicht beeindruckend aussehen. In der Realität schrumpfen sie aber vermutlich ziemlich schnell zusammen.

Realitätstest: Österreich liefert echte Zahlen

Während in Deutschland viel gerechnet und modelliert wird, gibt es mit Österreich ein ziemlich gutes Praxisbeispiel, das zeigt, wie solche Maßnahmen in der Realität aussehen können. Dort wurde die Besteuerung von Kryptowährungen bereits deutlich verschärft. Gewinne werden seit dem Jahr 2022 pauschal mit 27,5 Prozent besteuert – und zwar unabhängig davon, wie lange die Assets gehalten wurden. Genau das ist im Kern auch das Szenario, das für Deutschland als das wahrscheinlichste gilt.

Die Erwartung war damals ziemlich eindeutig. Wenn Gewinne konsequent besteuert werden, müssten die Staatseinnahmen entsprechend steigen. Gerade vor dem Hintergrund des boomenden Krypto-Marktes in den vergangenen Jahren lag die Vermutung nahe, dass hier eine spürbare neue Einnahmequelle für den Fiskus entsteht.

Die Realität sieht allerdings deutlich nüchterner aus: Im Jahr 2024 lag das gesamte Steueraufkommen aus Kryptowährungen in Österreich bei lediglich rund 33,8 Millionen Euro. Das entspricht gerade einmal etwa 0,57 Prozent der gesamten Kapitalertragsteuereinnahmen.

Wenn man bedenkt, dass das Jahr 2024 zudem ein „Bullenmarkt-Jahr“ war, in dem vergleichsweise wohl viele Gewinne realisiert wurden, macht das diese Zahl sogar noch interessanter. In schwächeren Marktphasen fällt die Aktivität erfahrungsgemäß deutlich geringer aus, viele Anleger verkaufen nicht oder realisieren sogar Verluste. Das bedeutet, dass die Einnahmen aus dem Jahr 2024 tendenziell eher am oberen Ende dessen liegen, was überhaupt möglich ist.

Die Zahlen aus Österreich sind im Gegensatz zu den für Deutschland kursierenden Zahlen keine Modellrechnung oder eine Hochrechnung auf Basis von Annahmen, sondern reale, tatsächlich erzielte Steuereinnahmen. Also genau das, worum es am Ende geht.

Setzt man diese Zahl ins Verhältnis zu den Erwartungen von Co-Pierre Georg oder der Bundesregierung, wird die Diskrepanz ziemlich deutlich. Denn trotz klarer Besteuerung, trotz vereinfachter Erhebung und trotz eines funktionierenden Systems bleibt der tatsächliche Beitrag zum Staatshaushalt voraussichtlich vergleichsweise klein.

Überträgt man dieses Verhältnis auf Deutschland, ergibt sich ein deutlich klareres Bild. Bei einem Abgeltungssteueraufkommen von rund 19 Milliarden Euro würde ein vergleichbarer Anteil zu Einnahmen von nur etwa 100 bis 110 Millionen Euro pro Jahr führen.

Selbst wenn diese Zahl eher zu konservativ gerechnet sein möge, ist sie weit entfernt von den Milliardenbeträgen, die aktuell in der politischen Debatte im Raum stehen. Und vor allem zeigt es, wie groß der Unterschied zwischen theoretischen Modellen und tatsächlicher fiskalischer Realität sein kann.

Kritik aus der Praxis: Bitpanda-Gründer warnt

Dass das Ganze nicht nur theoretisch ist, sondern auch in der Praxis kritisch gesehen wird, zeigt auch die Kritik aus der Branche. Eric Demuth, Mitgründer des größten europäischen Krypto-Unternehmens Bitpanda, hat sich jüngst erneut kritisch zu den Steuerplänen geäußert.

Er bezeichnete die Abschaffung der Haltefrist in Österreich rückblickend als Fehler und warnte davor, diesen Weg in Deutschland zu wiederholen.

Denn was viele vergessen, ist auch, dass für das geringe Steuerplus, ein gewaltiger Verwaltungsaufwand entsteht, der natürlich mit Opportunitätskosten einhergeht. Für den Staat selbst, aber auch insbesondere für die betroffenen Unternehmen und Nutzer. Ob die wenigen zusätzlichen Einnahmen dies rechtfertigen, ist zumindest fraglich und debattierbar.

Viel Hoffnung, wenig Substanz

Die aktuelle Debatte zeigt ein grundlegendes Problem. Es wird mit Zahlen argumentiert, die eben vor allem aus Modellen stammen und stark von ihren Annahmen abhängen.

Diese Modelle basieren auf kleinen, nicht repräsentativen Datensätzen, verzerrten Durchschnittswerten und teilweise sehr optimistischen Hochrechnungen. Gleichzeitig zeigen reale Beispiele wie Österreich, dass das tatsächliche Steueraufkommen deutlich geringer ausfällt und den damit verbundenen Aufwand möglicherweise nicht rechtfertigen würde.

Die Vorstellung, durch Krypto-Steuern Milliarden in den Staatshaushalt zu spülen, wirkt aktuell jedenfalls eher wie Fantasie als wie eine realistische Prognose. Es besteht damit die Gefahr, dass politische Entscheidungen auf Annahmen basieren, die sich in der Praxis nicht bestätigen lassen, und am Ende mehr Schaden anrichten, als sie Nutzen bringen.

René

Über den Autor: René

René ist Blocktrainer-Mitarbeiter der ersten Stunde. Als „Chief Operation Officer“ ist er mittlerweile hauptsächlich mit strategischen und organisatorischen Aufgaben betraut, findet jedoch Freude daran, zeitweise redaktionell tätig zu sein. In den vielen Jahren, in denen er im Bitcoin-Kosmos unterwegs ist, hat er sich ein breit gefächertes Know-how in sämtlichen Bereichen rund um die bedeutendste Kryptowährung angeeignet.

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