Unter Kriegen leiden nicht nur Menschen, sondern häufig auch die globalen Rohstoff- und Finanzmärkte. Militärische Konflikte könnten auch das Bitcoin-Netzwerk selbst beeinflussen: etwa durch die gezielte Zerstörung von Energieinfrastruktur oder Mining-Anlagen und einen daraus resultierenden Einbruch der Hashrate. Genau diese Befürchtung äußerten einige Beobachter im Vorfeld des militärischen Angriffs der USA und Israels auf den Iran. Doch wie plausibel ist es wirklich, dass der Krieg auch im Bitcoin-Netzwerk merkbare Spuren hinterlässt?

Irans Mining-Strategie

Seit 2015 haben viele ausländische Unternehmen aufgrund der kostengünstigen fossilen Energie Mining-Anlagen im Iran errichtet – teilweise auch in Kooperation mit der iranischen Armee beziehungsweise der Islamischen Revolutionsgarde (Islamic Revolutionary Guard Corps, IRGC). Während die Wirtschaft sehr unter den von der westlichen Welt verhängten Sanktionen litt, hat die iranische Regierung im Jahr 2019 das Mining offiziell als Industrie anerkannt und begonnen, Lizenzen zu vergeben.

Mining-Unternehmen müssen im Iran höhere Strompreise als andere Abnehmer zahlen und die geschürften Bitcoin an die iranische Zentralbank verkaufen. Dadurch ist die Regierung in der Lage, das sanktionierte Öl und Erdgas in Strom für das Mining von Bitcoin umzuwandeln und die Erlöse zur Umgehung von Sanktionen sowie mutmaßlich auch zur Finanzierung von Terrorismus, militärischen Programmen oder des Urananreicherungsprogramms zu nutzen.

Gleichzeitig subventioniert die Regierung Strom für die ärmere Bevölkerung sowie für wichtige öffentliche Einrichtungen wie Krankenhäuser und Schulen. Der stark subventionierte Strom schafft jedoch auch Anreize für private beziehungsweise illegale Mining-Aktivitäten. Der Iran gehört zu den Ländern mit den weltweit niedrigsten Stromkosten pro privat geschürftem Bitcoin. In einigen Medien ist derzeit die Rede von etwa 1.300 US-Dollar pro Bitcoin. Die Kapazität der Untergrundaktivitäten wird je nach Quelle auf 1.200 bis 2.400 Megawatt geschätzt.

Der steigende Strombedarf der Miner führte in Kombination mit mangelndem Netzausbau, fehlender Wartung, niedrigen Erdgasreserven sowie der durch Trockenheit eingeschränkten Stromproduktion der iranischen Wasserkraftwerke zu überlasteten Netzen und großflächigen Stromausfällen.

Die Regierung reagierte mit folgenden Maßnahmen:

  • Betriebseinschränkungen von lizenzierten Mining-Unternehmen zu Spitzenzeiten zur Stabilisierung des Stromnetzes,
  • Aufdeckung tausender nicht lizenzierter, illegaler Anlagen,
  • Belohnungen für Hinweise auf illegal betriebene Anlagen,
  • Beschlagnahmung von Hunderttausenden Mining-Geräten.

Trotz dieser Maßnahmen konnten die Probleme im Stromnetz nicht beseitigt werden – die Stromausfälle weiteten sich sogar aus. Ob die Regierung die konfiszierten ASICs selbst zum Mining nutzt, ist bislang nicht eindeutig belegt.

Allerdings behauptet der unabhängige Analyst Shanaka Anslem Perera einen Tag vor dem Angriff der US-amerikanischen und israelischen Militärkräfte auf den Iran in einem Kommentar auf der Social-Media-Plattform 𝕏, dass hinter einem Großteil der illegal betriebenen Anlagen die Islamische Revolutionsgarde stehe, die direkt dem Obersten Führer – dem inzwischen getöteten Ali Khamenei – unterstellt ist.

Laut Perera und weiteren Berichten sollen 95 % der Mining-Aktivitäten im Iran illegal sein. Perera spricht von 700.000 Mining-Rigs, die täglich 2000 Megawatt verbrauchen und Bitcoin zu Stromkosten von rund 1.320 US-Dollar pro BTC produzieren würden. Dies verschaffe der Regierung nicht nur Milliarden an Einnahmen, sondern auch direkten Zugang zu Bitcoin und seinem zensurresistenten Zahlungsnetzwerk, das zur Umgehung von Sanktionen genutzt wird.

Bitcoin ist für den Iran kein Nebengeschäft. Bitcoin ist im Arsenal des Regimes das mit Abstand effektivste Mittel zur Umgehung von Sanktionen. Jeder mit subventioniertem iranischem Strom geschürfte Block ist eine direkte Umwandlung staatlich subventionierter Energie in Dollar, die durch keine SWIFT-Sperre beeinträchtigt werden kann.
Shanaka Anslem Perera

Hashrate-Einbruch durch Irankrieg?

Perera warnt zudem, dass ein militärischer Schlag gegen den Iran nicht nur Öl- und Finanzmärkte treffen würde, sondern auch das Bitcoin-Netzwerk – was der Markt seiner Ansicht nach bis dahin nicht eingepreist habe. Gezielte Attacken auf das Stromnetz würden, so Perera, ausreichen, um sämtliche Mining-Aktivitäten lahmzulegen und damit eine wichtige Devisenquelle der Regierung zu vernichten. Dabei schätzt Perera den Anteil Irans an der globalen Hashrate auf 2 bis 5 %.

Ein 7- bis 10-tägiger Luftangriff lässt die iranische Stromerzeugung schätzungsweise um 30 bis 50 Prozent einbrechen. Das reduziert das Mining nicht nur um 30 bis 50 Prozent, sondern unterbindet es vollständig, da Mining-Rigs eine kontinuierliche Stromversorgung benötigen und selbst kurze Stromausfälle den Betrieb lahmlegen. Die globale Bitcoin-Hashrate sinkt über Nacht um 2 bis 5 Prozent. Die Difficulty wird nach unten angepasst, die Blockzeiten verlängern sich und die Transaktionsgebühren steigen.
Shanaka Anslem Perera

An dieser Stelle wird jedoch deutlich, dass Perera zentrale Mechanismen des Bitcoin-Netzwerks entweder nicht berücksichtigt oder stark vereinfacht dargestellt hat. Die Annahme, dass sämtliche Mining-Anlagen unbrauchbar würden, sobald ein Teil der Strominfrastruktur zerstört ist, erscheint nicht zwingend nachvollziehbar. Mining-Hardware ist mobil und modular und kann nahezu überall dort eingesetzt werden, wo Energie und eine Internetanbindung verfügbar sind. Das Mining ist räumlich verteilt und die Betreiber können notfalls ausweichen und alternative Energiequellen nutzen.

Darüber hinaus überschätzt Perera die Auswirkungen einer plötzlichen Reduzierung der Hashrate. Aktuell liegt die globale Hashrate bei rund 1 ZH/s. Selbst wenn der iranische Anteil von 2 bis 5 Prozent – also etwa 20 bis 50 EH/s – vollständig ausfallen würde, ergäbe sich daraus kein systemisches Risiko für das Netzwerk.

Laut Hashrate-Index beträgt der messbare Anteil Irans derzeit sogar nur etwa 0,8 %. Andere Schätzungen kommen auf höhere Werte von rund 15 %. Doch selbst deutlich größere Hashrate-Einbrüche gefährden Bitcoin nicht:

  • Erst kürzlich konnte das Netzwerk infolge eines Schneesturms in den USA einen temporären Hashrate-Rückgang von mehr als 20 Prozent verkraften. Die Blockzeiten stiegen zeitweise zwar an, doch durch die automatische Difficulty-Abwärtsanpassung um mehr als 11 % normalisierten sie sich wieder.
  • Nach dem chinesischen Mining-Verbot im Jahr 2021 brach die globale Hashrate zeitweise um rund 50 Prozent ein. Das Netzwerk passte sich automatisch an, stabilisierte sich und erreichte anschließend neue Höchststände.

Somit wäre das Netzwerk selbst dann nicht gefährdet, wenn sogar sämtliche Mining-Aktivitäten der USA, die aktuell einen Hashrate-Anteil von 37,5 % haben, zerstört würden.

Der Krieg im Iran hat zweifellos gravierende humanitäre und geopolitische Folgen. Für das Bitcoin-Netzwerk wäre jedoch selbst ein vollständiger Ausfall der iranischen Hashrate nach aktuellem Datenstand alles andere als ein systemisches Risiko. Das erklärt auch, warum der Markt ein solches Szenario nicht „einpreist“ beziehungsweise ihm keine nennenswerte Beachtung schenkt. Bitcoin hat bereits weitaus größere Hashrate-Schocks überstanden – und genau dafür wurde das Protokoll konzipiert.

Info

Blocktrainer Bitcoin Podcast:

Wochenrückblick #117 - Iran-Eskalation, neue 57.000 Bitcoin im Sachsen-Fall, Fake News im Krypto-Space

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Stefan

Über den Autor: Stefan

Stefan ist studierter Medienwissenschaftler und Sinologe sowie selbstständig im künstlerisch-publizistischen Bereich. Neben den monetären Eigenschaften interessiert er sich vor allem für die sozialen und ökologischen Aspekte von Bitcoin und dem Bitcoin-Mining.

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