KI statt Bitcoin? Verlieren die USA ihre Mining-Dominanz?
Konkurrenz oder Ergänzung?
Die USA gelten seit den Einschränkungen des Minings in China im Jahr 2021 als globales Zentrum des Bitcoin-Minings. Laut Hashrate-Index tragen die Vereinigten Staaten derzeit mit etwa 400 EH/s weltweit mit großem Abstand die meiste Rechenleistung zum Bitcoin-Netzwerk bei. Das entspricht einem Hashrate-Anteil von 37,5 % – ungefähr so viel wie die Hashrate-Anteile der nachfolgenden fünf Länder addiert (Platz 2 bis 6: Russland 16,4 %, China 11,7 %, Paraguay 4 %, Vereinigte Arabische Emirate 3,1 % und Oman 3 %).
Mit dem Aufkommen der Künstlichen Intelligenz (KI), deren Hardware – ähnlich wie ASICs – in mobilen und modularen Rechenzentren betrieben werden kann, bekam das Mining einen zusätzlichen Konkurrenten um Netzanschlüsse, Energieabnahme, Kapital, Ressourcen, Standorte und Fachkräfte.
Doch es gibt zentrale Unterschiede, die die Einsatzmöglichkeiten der beiden Technologien klar differenzieren. Diese wurden in verschiedenen Studien und Forschungsarbeiten verdeutlicht, etwa von Steven Barbour von Upstream Data, dem Umweltaktivisten Daniel Batten, Margot Paez und Troy Cross vom Bitcoin Policy Institute oder Justin Slaughter und Veronica Irwin von Paradigm.
Auf Grundlage ihrer Recherchen lassen sich folgende Unterschiede in Bezug auf Energieverbrauchsmuster, Flexibilität, Skalierbarkeit, Kostenempfindlichkeit, Rentabilität, lokale und bedarfsbedingte Abhängigkeiten sowie Umweltauswirkungen feststellen:
- Die Leistungsdichte der KI-Rigs entspricht etwa nur der Hälfte der Mining-Rigs. KI-Hardware benötigt mehr Platz und umfangreichere Kühlung als das luftgekühlte Mining-Equipment. Somit sind KI-Rechenzentren bei der Installation meist kostenintensiver als Bitcoin-Mining-Anlagen, benötigen mehr Ressourcen sowie qualifizierteres Personal und längere Einsatzzeiten der Mitarbeiter.
- Die Umweltbelastungen von KI-Anwendungen können deutlich höher sein als die von Mining-Anlagen, etwa in Bezug auf Wasserverbrauch, Elektroschrott oder Emissionen.
- KI-Rechenzentren müssen rund um die Uhr oder zumindest über längere Zeiträume verfügbar sein und benötigen – insbesondere beim Training von KI-Modellen – meist eine konstante Hochlast. Während Spitzenlastzeiten erfordert dies häufig das Zuschalten zusätzlicher Leistung, etwa durch fossile Peaker-Kraftwerke.
- Mining-Anlagen hingegen können ihren Betrieb schnell und problemlos hoch- und herunterfahren und somit flexibel auf Stromangebot sowie -nachfrage reagieren. Als kontrollierbare Last sind sie deshalb häufig Teil von Nachfragereduktionsprogrammen der Netzbetreiber. In einigen Regionen haben sie sich zu einem wichtigen Bestandteil der Energieinfrastruktur entwickelt, mit der Stromnetze und -preise stabilisiert, Überschüsse verwertet und Lastspitzen abgefedert werden können.
- Durch diese Flexibilität sowie die Tatsache, dass die Rentabilität des Minings stark von sehr günstigen Stromquellen abhängt, eignen sich Mining-Anlagen zum Erschließen und zur Monetarisierung bisher ungenutzter Energiequellen oder überschüssiger Energie. Vor allem erneuerbare Stromquellen sind variabel und produzieren unregelmäßig Überschüsse, die jedoch aufgrund fehlender Übertragungsleitungen oft ungenutzt bleiben. Mining-Anlagen können genau dort eingesetzt werden, diese Überschussenergie aufnehmen und verwerten und somit den Ausbau nachhaltiger Energiequellen fördern.
- Auch bei der Verwertung überschüssigen Gases, zum Beispiel auf Ölfeldern oder Mülldeponien, können Mining-Rigs eine wichtige Rolle spielen – beispielsweise zur Reduzierung von Emissionen und Energieverschwendung oder zur Finanzierung des Netzausbaus und des Anschlusses anderer energieintensiver Anwendungen wie KI.
- Während Mining-Anlagen nahezu überall errichtet werden können, um Energie zu verwerten, sind die Rigs für bestimmte KI-Anwendungen häufig orts- und bedarfsabhängig. Sie benötigen beispielsweise niedrige Latenzzeiten, um Anfragen aus Ballungsgebieten schnell bearbeiten zu können.
- Beim Mining kommen hochspezialisierte ASICs zum Einsatz, die ausschließlich Hashes erzeugen. KI-Anwendungen hingegen nutzen flexiblere Hardware wie GPUs oder spezielle AI-Chips, die verschiedene Workloads bedienen und für unterschiedliche Anwendungen genutzt werden können. Sie können auch bei höheren Strompreisen rentabel sein.
Während der Bitcoin-Markt volatil ist und die Rentabilität reiner Mining-Unternehmen vom Strompreis, Bitcoin-Preis und Wettbewerb abhängt, bietet Rechenleistung für Large Language Models (LLMs), Bildgenerierung oder Datenanalyse oftmals stabilere Cashflows und höhere Margen als das Mining – vor allem in Phasen niedriger Bitcoin-Preise oder hoher Energiekosten.
Somit ist es aus rein wirtschaftlicher Sicht nachvollziehbar, dass viele US-Miner begonnen haben, ihr Kerngeschäft um KI zu erweitern, um zusätzliche Erlösquellen zu erschließen.
Verdrängung oder Diversifikation?
Für die zukünftige Entwicklung des US-amerikanischen Hashrate-Anteils ist letztlich entscheidend, in welchem Maß sich die Prioritäten der Unternehmen verschieben. Hier lohnt eine differenzierte Betrachtung: Ersetzen sie die Mining-Hardware vollständig durch KI-Rigs oder erweitern sie durch die KI-Expansion lediglich ihre Einnahmeströme?
Szenario 1: KI ersetzt Mining-Kapazitäten
Adam Sullivan, CEO des US-Bitcoin-Miners Core Scientific, hat im letzten Earnings Call verkündet, dass sein Unternehmen die meisten bestehenden Einrichtungen auf KI-Anwendungen umrüstet und das Mining langfristig einstellen werde. Gleichzeitig sichern sich große Tech-Konzerne wie Google und Nvidia Anteile an Mining-Unternehmen, um deren Infrastruktur für KI-Projekte zu nutzen und sich langwierige Genehmigungsverfahren zu ersparen.
Wenn weitere Mining-Unternehmen ihre ASIC-Kapazitäten abbauen und durch GPUs und KI-Chips ersetzen, sinkt die US-Hashrate entsprechend und andere Länder gewinnen nach und nach Marktanteile – sofern die abgeschaltete Mining-Hardware nicht von anderen inländischen Teilnehmern weiter genutzt wird. Vermutlich dürften die ASICs nicht entsorgt, sondern entweder an andere Firmen verkauft werden oder auf dem Sekundärmarkt für privates Home-Mining landen. So könnte zumindest ein Teil der Hashrate im Inland verbleiben.
Für das global verteilte Bitcoin-Netzwerk insgesamt dürfte eine Abwendung der US-Unternehmen vom Mining kein langfristiges Risiko darstellen. Dem Netzwerk ist es egal, wo gehasht wird. Selbst wenn die gesamte Hashrate in den USA durch einen externen Schock komplett vom Netz gehen sollte, würde sich das Netzwerk durch die automatische Anpassung der Difficulty ausgleichen. Die Hashrate würde sich global weiter verteilen und andere Länder würden die Mining-Dominanz übernehmen. Dies war bereits im Jahr 2021 der Fall, als China das Mining einschränkte, die globale Hashrate um circa 50 % einbrach, sich anschließend erholte und bis heute mehr als verzehnfacht hat.
Obwohl der Großteil der US-Mining-Unternehmen bereits KI-Pläne verfolgt, sind bislang noch keine großen Auswirkungen auf die Hashrate zu spüren. Seit dem Preisrückgang von Bitcoin im Oktober 2025 ist zwar auch ein Abwärtstrend der Hashrate erkennbar, die letzten großen Hashrate-Einbrüche sind jedoch eher durch wetterbedingte Schocks entstanden.
Zudem bleiben Mining-Anlagen aufgrund ihrer einzigartigen Eigenschaften als Stromverbraucher in einigen US-Bundesstaaten ein zentraler Akteur in energieeffizienten Infrastrukturen, von denen die amerikanische Wirtschaft profitiert. Ein kompletter Umstieg auf KI könnte daher langfristig sogar negative Auswirkungen auf Netzstabilität und Investitionsanreize für erneuerbare Energien haben.
Eine gemeinsame Prioritätsverschiebung der Mining-Unternehmen würde sich in der Hashrate bemerkbar machen. Bisher deutet jedoch vieles darauf hin, dass die meisten Unternehmen auf Diversifikation setzen und ihr Kerngeschäft nicht aufgeben, anstatt komplett auf KI umzusteigen.
Szenario 2: KI als zusätzliches Standbein
Viele US-Miner wollen ihre bestehende Infrastruktur nutzen, um zusätzlich KI-Rechenleistung anzubieten. Einige Mining-Unternehmen bauen auch neue Standorte oder zusätzliche Kapazitäten für ihre KI-Erweiterung auf. Künstliche Intelligenz wird damit zu einem zweiten Standbein, um schwächere Marktphasen zu überstehen und die stark wachsende Nachfrage nach Rechenzentrumsinfrastruktur zu bedienen.
Paradoxerweise könnte die Verlagerung eines Teils der Kapazitäten der Miner hin zu KI die Hashrate-Dominanz der USA langfristig sogar stärken:
- Die Unternehmen bleiben durch diversifizierte Einnahmen zahlungsfähig, können weitere Expansion finanzieren und ihre Hashrate langfristig aufrecht erhalten.
- Durch die Beschleunigung neuer Energieprojekte und den Ausbau der Rechenzentrumsinfrastruktur wächst das Know-How, das letztlich auch dem Mining zugutekommt. Die Grundlage für Rechenzentren jeglicher Art kann häufig am einfachsten durch Mining geschaffen werden.
Solange Bitcoin als globaler Wertspeicher wächst, bleibt das Mining strategisch relevant. Und solange der Bitcoin-Preis über den Produktionskosten der Unternehmen liegt, bestehen weiterhin wirtschaftliche Anreize für Mining. Gleichzeitig müssen Unternehmen aufgrund der Halving-Ereignisse und des zunehmenden Wettbewerbs kontinuierlich ihre Effizienz steigern und ihre Anlagen mit ASICs der neuesten Generation nachrüsten, um konkurrenzfähig bleiben zu können.
Für die Abfederung von Lastspitzen, die Verwertung überschüssiger Energie oder die Vermeidung von Energieverschwendung bleibt Bitcoin-Mining weiterhin eine attraktive Option. MARA Holdings, mit einer Kapazität von mehr als 1,2 Gigawatt und einer Hashrate von 66,45 EH/s der größte US-Bitcoin-Miner, nutzt beispielsweise die Abwärme einiger Anlagen für Heizprozesse oder setzt sie zur Reduzierung von Methanemissionen auf Mülldeponien ein. Dafür wurde das Unternehmen als „Energietechnologie des Jahres 2024“ ausgezeichnet. Zudem hat MARA einen Windpark gekauft, um die Betriebszeit von älteren ASIC-Modellen zu verlängern.
Parallel dazu hat das Unternehmen auch ein eigenes Kühlsystem entwickelt, das sowohl für High Performance Computing (HPC) beziehungsweise KI-Anwendungen als auch für Mining geeignet ist. MARA plant derzeit auch neue Anlagen mit einer zusätzlichen Kapazität von rund einem Gigawatt, in denen der Betrieb beider Branchen möglich ist.
Unternehmen wie MARA zeigen, dass selbst mit einer strategischen Einbindung von KI ein Fokus auf Bitcoin bestehen bleiben kann. KI-Strategien sind daher nicht zwangsläufig das Problem. Eine Koexistenz ist möglich, sodass die USA sowohl das Mining als auch den KI-Sektor dominieren können.
Ein potenzielles Risiko liegt jedoch in der Energie- und Regulierungspolitik, die die ökonomischen Anreize für die Unternehmen zerstören kann. Obwohl die Trump-Regierung ursprünglich angekündigt hatte, die US-Mining-Branche zu unterstützen, formierte sich neuer Widerstand gegen „Rechenzentren“. Trotz zunehmender Aufklärungsarbeit werden Mining- und KI-Rechenzentren dabei oft in einen Topf geworfen. Die strukturellen Unterschiede, Vor- und Nachteile der beiden Branchen werden insbesondere hinsichtlich Energieverbrauch und Belastungen für Umwelt, Bevölkerung und Strominfrastruktur nicht ausreichend berücksichtigt.
Initiativen gegen Rechenzentren
In den vergangenen Monaten forderten verschiedene Organisationen und Politiker konkrete Maßnahmen gegen Mining- und KI-Rechenzentren, wie weiterführende Untersuchungen zu den Belastungen oder mehrjährige Baustopps. Zudem wurden verschiedene Gesetzesentwürfe, wie der „Clean Cloud Act of 2025“ oder der „GRID Act“, eingereicht, um Umwelt- und Kostenbelastungen durch Mining und KI zu reduzieren und Verbraucher zu schützen.
Sollten derartige Gesetze verabschiedet werden, könnte das die Bedingungen für Mining-Unternehmen in den USA grundlegend ändern. Würden zum Beispiel die Energiepreise für Rechenzentren durch mögliche Sondersteuern steigen, müssten viele Miner ihren Betrieb einstellen, weil sie nicht mehr rentabel wären. Investoren würden dann vermutlich zunehmend KI-Projekte bevorzugen.
Sollte das Mining politisch und wirtschaftlich an Attraktivität verlieren und sich der Schwerpunkt tatsächlich verschieben, würde sich schließlich auch die Hashrate schrittweise in andere Regionen verlagern.
Wenn das Mining jedoch nicht regulatorisch eingeschränkt wird, der Zugang zu Energie wettbewerbsfähig bleibt und weiterhin Kapital in den Sektor fließen kann, dürfte sich die Gefährdung der Bitcoin-Vormachtstellung der USA in Grenzen halten.
Trumps Kurs gegenüber Bitcoin und Mining
Die US-Regierung unter Präsident Trump ist Bitcoin- und Krypto-freundlich. Sie hat offiziell Schritte unternommen, um die USA als „Krypto-Hauptstadt der Welt“ zu positionieren, sowie Gesetze zur klareren Regulierung digitaler Vermögenswerte unterstützt – wie den GENIUS Act und den CLARITY Act.
Ein klarer regulatorischer Rahmen nimmt vielen Unternehmen die rechtliche Unsicherheit, die Investitionen und langfristige Planung erschwert. Dies kann Kapital und Innovation im Krypto-Sektor in den USA halten und auch die Standortattraktivität für Bitcoin-Firmen und Mining-Pools erhöhen. Ob und in welcher Form der CLARITY Act tatsächlich verabschiedet wird, ist jedoch noch unklar.
Hinsichtlich Bitcoin hat Donald Trump ein Dekret zur strategischen Reserve unterzeichnet. Eine gesetzliche Verankerung steht noch aus. Zudem versprach Trump bereits im Wahlkampf, die USA zu einem „Bitcoin-Mining-Powerhouse“ zu machen. Um dieses Ziel zu erreichen, hat Trump der US-amerikanischen Mining-Branche seine Unterstützung zugesagt und den Wunsch geäußert, dass alle verbleibenden Bitcoin in den USA geschürft werden.
Die neue Rolle des Minings?
Es ist äußerst wahrscheinlich, dass Mining in den USA unter Präsident Trump weiterhin politisch wohlwollend behandelt wird, da es durch die Gründung von „American Bitcoin“ durch Trumps Söhne auch ein wirtschaftliches Betätigungsfeld im direktem Umfeld des Präsidenten darstellt.
Damit die Maßnahmen nicht symbolisch oder unvollständig umgesetzt bleiben, könnte die Trump-Regierung auch weitere Schritte einleiten. Denkbar wäre, den Mining-Unternehmen bestimmte Sondertarife für Strom zu gewähren oder Mining als festen Bestandteil in Energieinfrastrukturen zu integrieren und dessen Eigenschaften als energiepolitische Optionen nutzbar zu machen, etwa:
- bei der Verfolgung geopolitischer Interessen im Energiesektor und der Sicherung strategischer Ressourcen,
- zur Monetarisierung ungenutzer Energie (etwa überschüssiges Erdgas direkt auf Ölfeldern),
- zur Förderung neuer fossiler und regenerativer Energiequellen,
- zum Ausbau der Infrastruktur oder
- zur Reduzierung von Emissionen.
Statt in direkter Konkurrenz zur KI zu stehen, könnte Mining gezielt in Regionen mit Überkapazitäten oder schwer transportierbaren Ressourcen integriert werden, während KI-Rechenzentren an stabilen Netzanschlüssen mit konstanter Hochlast angesiedelt werden.
Wenn KI um stabile Netzkapazität konkurriert, während Mining flexibel an Energiequellen andocken kann, könnte sich die Rolle des Bitcoin-Minings verschieben – vom dominierenden Rechenzentrumsnutzer hin zum integralen Bestandteil der US-Energieinfrastruktur.
Der KI-Boom muss Amerikas Bitcoin-Dominanz also nicht beenden. Entscheidend sind nicht nur die Strategien der Unternehmen und die Entwicklung des Bitcoin-Preises, sondern auch die politischen Rahmenbedingungen. Solange Mining seinen strategischen Platz in Energiepolitik und Infrastruktur nicht einbüßt, dürften die USA ihre Vormachtstellung im Bitcoin-Mining behalten.