Die Frage nach der Identität von Satoshi Nakamoto hat seit der Entstehung von Bitcoin unzählige Spekulationen hervorgebracht. Mit der Veröffentlichung weiterer Teile der sogenannten „Epstein Files“ ist nun eine neue, besonders absurde Theorie aufgekommen. Doch was ist an der Behauptung dran, Jeffrey Epstein habe Bitcoin erfunden?

Eine lange Reihe von Satoshi-Spekulationen

Bitcoin ist seit jeher von Mythen umgeben und kaum ein Thema sorgt regelmäßig für so viel Spekulation wie die Identität seines Erfinders Satoshi Nakamoto. Seit mehr als 15 Jahren kursieren teils abenteuerliche Theorien darüber, wer sich hinter dem Pseudonym verbergen könnte. In der Vergangenheit reichten diese von Geheimdiensten wie CIA oder Mossad über Tech-Unternehmer wie Elon Musk, Jack Dorsey oder John McAfee bis hin zu verurteilten Betrügern wie Craig Wright, der selbst jahrelang behauptete, Satoshi zu sein. Gemeinsam hatten all diese Erzählungen vor allem eines: belastbare Beweise fehlten und doch hielten sich die Spekulationen hartnäckig.

Mit der jüngsten Veröffentlichung weiterer Teile der sogenannten „Epstein Files“ hat nun eine neue, besonders drastische Variante dieser alten Debatte an Aufmerksamkeit gewonnen. In sozialen Netzwerken wird behauptet, der verstorbene Sexualstraftäter Jeffrey Epstein selbst habe Bitcoin erfunden. Die These fügt sich nahtlos in das bekannte Muster: Reale Randverbindungen werden aufgegriffen, dramatisch zugespitzt und schließlich zu einer großen Ursprungserzählung verdichtet.

Der Reiz dieser Geschichte liegt auf der Hand. Ein anonymes Geldsystem, ein Mann mit weitreichenden Kontakten, dubiosen Geldflüssen und Nähe zu einflussreichen Institutionen – daraus lässt sich schnell ein skandalträchtiges Narrativ konstruieren. Bei genauer Betrachtung zeigt sich jedoch, dass diese These auf äußerst wackeligen Füßen steht. Zwar lassen sich Berührungspunkte zwischen Epstein und dem Umfeld von Bitcoin rekonstruieren, doch aus ihnen lässt sich weder eine Urheberschaft noch eine Kontrolle über Bitcoin ableiten.

Warum Satoshi-Theorien immer wieder entstehen

Die Anonymität Satoshi Nakamotos ist kein Zufall, sondern eine bewusste Entscheidung aus der Frühphase von Bitcoin. Ein dezentrales, staatenunabhängiges Geldsystem wäre von Beginn an politisch angreifbar gewesen, hätte es einen klar identifizierbaren Urheber gegeben. Genau diese Leerstelle erzeugt jedoch ein dauerhaftes Spekulationsvakuum.

Immer dann, wenn neue Akten, Leaks oder Gerichtsunterlagen rund um mächtige Netzwerke oder das Interesse von einflussreichen Leuten an Bitcoin auftauchen, wiederholt sich dasselbe Muster: Aus belegbaren, aber oft nebensächlichen Verbindungen wird in sozialen Medien eine allumfassende Erklärung konstruiert. Die aktuelle Epstein-Theorie unterscheidet sich darin (wie so oft) nicht von früheren Zuschreibungen an Geheimdienste, Milliardäre oder selbsternannte „Enthüller“.

Was mit den „Epstein Files“ tatsächlich bekannt wurde

Die jüngsten Veröffentlichungen rund um den Fall Epstein zeigen vor allem, wie stark er über Jahre hinweg in akademische, finanzielle und technologische Netzwerke eingebunden war. In diesem Kontext tauchen auch Institutionen und Unternehmen auf, die später eine Rolle im Bitcoin-Ökosystem spielten. Daraus wurde schnell die Behauptung abgeleitet, Epstein habe Bitcoin entweder erfunden oder zumindest maßgeblich beeinflusst.

Parallel dazu zirkulierten in sozialen Netzwerken Screenshots, angebliche E-Mails und aus dem Kontext gerissene Textpassagen, die „belegen“ sollen, Epstein habe Bitcoin erfunden oder „die Kontrolle übernommen“. Quasi alle dieser kursierenden „Beweise“ halten natürlich keiner genaueren Prüfung stand. Mehrfach verbreitete angebliche E-Mails oder Dokumente, die Epstein direkt mit Satoshi Nakamoto gleichsetzen sollen, erwiesen sich als manipuliert oder aus dem Zusammenhang gerissen. Übrig bleiben lediglich begrenzte, weitläufige Berührungspunkte.

Epsteins Berührungspunkte mit dem Bitcoin-Umfeld

MIT Media Lab und frühe Bitcoin-Forschung

Ein zentraler Bezugspunkt ist das MIT Media Lab, der weltweit bekannten US-Universität. Epstein pflegte über Jahre hinweg Kontakte zu dieser Institution und trat auch als Geldgeber auf. Das MIT gründete wiederum 2015 die Digital Currency Initiative, um langfristige Arbeit an Bitcoin Core zu unterstützen. Mehrere bekannte Bitcoin-Core-Entwickler wie Gavin Andresen oder Wladimir van der Laan, arbeiteten damals zeitweise im Rahmen dieser Initiative. Beide arbeiten jedoch schon seit langem nicht mehr an Bitcoin Core. Ferner erhielten die Entwickler damals einfach ein Gehalt vom MIT Media Lab, ohne zu wissen, woher die Fördergelder genau stammen.  

Das MIT hat in einer eigenen Aufarbeitung dokumentiert, dass Epstein bzw. mit ihm verbundene Strukturen zwischen 2002 und 2017 insgesamt 850.000 US-Dollar an Spenden leistete. Die neue, aktuelle Debatte speist sich daraus, dass Teile dieser Geldflüsse zeitlich mit der Frühphase der DCI zusammenfallen und dass Epstein laut jüngeren Berichten in Dokumenten/Kommunikation im Umfeld auftaucht. Daraus lässt sich jedoch lediglich ableiten, dass Epstein Interesse an einer aufkommenden Technologie hatte und versuchte, sich über Geld und Kontakte Zugang, Status und Einfluss zu verschaffen und sein eigenes Netzwerk zu erweitern. Das ist bei Epstein als Muster aus anderen Kontexten bekannt, aber es bedeutet jedenfalls nicht „er war Satoshi“. Eine Verbindung zur Entstehung von Bitcoin selbst ergibt sich daraus einfach nicht, da BTC ja bereits Jahre zuvor veröffentlicht und in Betrieb war.

Investments in Krypto-Unternehmen

Zusätzlich wurde bekannt, dass Epstein in den frühen 2010er-Jahren über verschachtelte Firmenstrukturen in Krypto-Unternehmen investierte, darunter Coinbase und das Umfeld von Blockstream. Diese Investments fanden jedoch ebenfalls deutlich nach der Veröffentlichung des Bitcoin-Whitepapers und nach dem Start des Netzwerks statt.

Solche Beteiligungen zeigen höchstens, dass Epstein wirtschaftliches Interesse am aufkommenden Bitcoin-Sektor hatte. Sie sagen jedoch nichts über die technische Entwicklung von Bitcoin oder über eine Rolle als dessen Erfinder aus und ehrlich gesagt frage ich mich als Autor beim Schreiben dieser Zeilen auch wirklich, wie man auf die Idee kommen kann, so etwas Abstruses daraus zu konstruieren.

Im Jahr 2014 wurde Blockstream im Rahmen seiner Seed-Finanzierungsrunde während einer Investoren-Roadshow dem damaligen Direktor des MIT Media Lab, Joi Ito, vorgestellt. In diesem Zusammenhang kam es auch zu einem Treffen zwischen Blockstream und Jeffrey Epstein, der zu diesem Zeitpunkt als Limited Partner in Itos Fonds beschrieben wurde. Dieser Fonds erwarb später eine Minderheitsbeteiligung an Blockstream.

Einige Monate später veräußerte Itos Fonds seine Blockstream-Anteile aufgrund eines möglichen Interessenkonflikts sowie weiterer Bedenken. Blockstream unterhält weder eine direkte noch eine indirekte finanzielle Verbindung zu Jeffrey Epstein oder dessen Nachlass.
Adam Back, CEO Blockstream

Die „Founders of Bitcoin“-Behauptung

Ein weiterer Treiber der aktuellen Spekulationen ist die Behauptung, Epstein habe mit den „Gründern von Bitcoin“ gesprochen, weil er das im Jahr 2016 im Rahmen einer E-Mail an zwei Saudis geschrieben hatte, die einen „Scharia-Coin“ erstellen wollen.

Solche Formulierungen als Hinweis oder gar „Beweis“ zu sehen, ist, selbst wenn sie in echten Mails oder Gesprächsnotizen auftauchen sollten, gleich aus mehreren Gründen problematisch.

Erstens ist Epstein dafür bekannt gewesen, seine eigene Bedeutung gezielt zu inszenieren. Aussagen wie „Ich kenne die Gründer“ können in elitären Milieus ebenso gut eine bewusste Übertreibung sein, um Einfluss und Status zu signalisieren.

Zweitens ist der Begriff „founders“ im Bitcoin-Kontext inhaltlich unscharf. Bitcoin ist ein Open-Source-Projekt ohne klassische Gründerstruktur. Häufig werden frühe Entwickler, Investoren oder prominente Akteure von Unwissenden rückblickend als „Gründer“ bezeichnet, obwohl sie weder das Whitepaper verfasst noch das Netzwerk initiiert haben.

Aus einer solchen vagen Formulierung wird in sozialen Medien dann schnell „Epstein hatte direkten Kontakt zu Satoshi“ – und daraus wiederum „Epstein war Satoshi“. Das ist natürlich kein belastbarer Indizienpfad, sondern bestenfalls ein narrativer Kurzschluss oder einfach „Unfug“.

Der Plausibilitätscheck: War Epstein Satoshi?

Selbst wenn man alle „Randverbindungen“, je nach Blickwinkel, maximal zu Epsteins Gunsten oder Ungunsten interpretiert, bleibt die Kernfrage: Passt Epstein als Person, zeitlich und fachlich, zu dem, was wir über Satoshi und die Entstehung von Bitcoin wissen?

2008: Was hat Epstein damals gemacht?

Nach einem umstrittenen Deal mit der Staatsanwaltschaft im Jahr 2008 wurde Epstein in Florida wegen Sexualdelikten verurteilt. Er verbrachte anschließend 13 Monate in Haft (wenn auch unter milden Bedingungen mit teilweisem Freigang) und stand auch danach unter erheblichen rechtlichen Auflagen, darunter Meldepflichten und Einschränkungen seiner Bewegungsfreiheit.

Gerade diese Phase ist natürlich für die Satoshi-Frage entscheidend: Bitcoin wurde im Jahr 2008 konzipiert und 2009 veröffentlicht. Die intensive Entwicklungs- und Kommunikationsphase, in der Satoshi aktiv am Code arbeitete, Fehler behob und mit anderen Entwicklern diskutierte, fällt genau in diesen Zeitraum. 

Die These verlangt, dass Epstein in genau dieser Phase hochkonzentriert, über Monate und Jahre hinweg, unter strengem OpSec, ein neuartiges Kryptosystem entwirft, implementiert, testet, veröffentlicht, die Community betreut und zugleich sein reales Leben (inkl. Überwachung/Restriktionen) das praktisch nicht stört. Das ist möglich im rein logischen Sinn, aber äußerst unplausibel.

2011: Satoshis Rückzug

Am 23. April 2011 schrieb Satoshi seine letzte Mail. Er ließ den Bitcoin-Entwickler Mike Hearn wissen, dass er sich jetzt anderen Dingen zugewandt habe. Diese Art von Rückzug passt zu einem Entwickler, der bewusst verschwindet, bevor Bitcoin größer wird und er selbst (politisch) angreifbar wäre. 

Es passt allerdings deutlich schlechter zu einem Akteur, der – wie Epstein – notorisch über Netzwerke, Nähe und Einfluss operierte und diese Nähe aktiv ausspielte.

Technischer und stilistischer Fit

Satoshis Beiträge zeigen eine auffällige Kombination aus sauberem C++-Engineering im Kontext damaliger Standards, kryptografischem Grundverständnis, sehr spezifischem Interesse an Geldtheorie, Zensurresistenz, Systemsicherheit, und einem Kommunikationsstil, der eher nach ruhiger, technisch geprägter Open-Source-Kultur aussieht als nach dem Habitus eines Finanz-Networkers. Das ist natürlich auch kein „Beweis“ gegen Epstein, aber es erhöht die Hürde für jede Kandidatenbehauptung. Wer Epstein als Satoshi behauptet, müsste erklären, warum wir über Epsteins nachweisbare Interessenfelder und Fähigkeiten hinwegsehen sollen und wo die belastbaren Spuren seiner konkreten technischen Autorschaft sind. In Kombination, mit der extrem unwahrscheinlichen Zeitachse ist es einfach maximal unplausibel, dass Epstein Satoshi sein sollte oder auch nur Verbindungen zu diesem hatte.

Nähe ist nicht Urheberschaft

Dass Jeffrey Epstein in Dokumenten in der Nähe von Technologie-, Finanz- und Bitcoin-nahen Institutionen auftaucht, ist unangenehm und wirft berechtigte Fragen nach Transparenz und institutioneller Verantwortung auf. Daraus jedoch zu schließen, er habe Bitcoin erfunden oder kontrolliert, reiht sich nahtlos in eine lange Geschichte völlig absurder Satoshi-Theorien ein.

Bitcoin basiert auf offen einsehbarem Code, öffentlicher Diskussion und jahrelanger technischer Überprüfung. Hätte es belastbare Hinweise auf eine solche Urheberschaft gegeben, wären sie längst überprüfbar und reproduzierbar. Stattdessen lebt die Epstein-These (wie viele vor ihr) von Andeutungen, zeitlichen Überlappungen und dem Wunsch nach einer spektakulären Erklärung, gepaart mit dem Unwissen und der Leichtgläubigkeit vieler Beobachter.

Jeffrey Epstein mag sich früh für neue Technologien interessiert und versucht haben, über Geld und Netzwerke Einfluss zu gewinnen. Für die Behauptung, er sei Satoshi Nakamoto und habe Bitcoin erfunden oder kontrolliert, gibt es jedoch keinerlei belastbare Anhaltspunkte. 

Die Theorie ist vor allem eines: eine weitere abstruse Episode in der langen Geschichte der Satoshi-Spekulationen.

René

Über den Autor: René

René ist Blocktrainer-Mitarbeiter der ersten Stunde. Als „Chief Operation Officer“ ist er mittlerweile hauptsächlich mit strategischen und organisatorischen Aufgaben betraut, findet jedoch Freude daran, zeitweise redaktionell tätig zu sein. In den vielen Jahren, in denen er im Bitcoin-Kosmos unterwegs ist, hat er sich ein breit gefächertes Know-how in sämtlichen Bereichen rund um die bedeutendste Kryptowährung angeeignet.

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