Halbstaatlicher Energiekonzern aus Frankreich erwägt Bitcoin-Mining-Integration in Brasilien
Überproduktion wird abgeregelt
In Brasilien steigt der Anteil von Wind- und Solarenergie stetig an. Im August 2025 lieferten erneuerbare Energien mehr als ein Drittel des brasilianischen Stroms, während ihr Anteil im Jahr 2024 durchschnittlich noch bei knapp einem Viertel lag.
Neben neuen industriellen Anlagen nahm auch die Zahl privater Solaranlagen auf Dächern deutlich zu. Der Ausbau nachhaltiger Energiequellen verlief jedoch teilweise schneller als der Ausbau des Stromnetzes und der Übertragungsleitungen. Infolgedessen kam es in den vergangenen Jahren wiederholt zu Überschussproduktion, wobei das Stromnetz die erzeugte Elektrizität nicht vollständig aufnehmen konnte.
Um Überlastungen zu vermeiden und die Netzstabilität zu gewährleisten, musste die Produktion insbesondere seit 2023 häufig eingeschränkt beziehungsweise abgeregelt werden. Laut dem Netzbetreiber ONS entwickelte sich diese Maßnahme zu einem strukturellen Merkmal von Stromnetzen mit hohem Anteil erneuerbarer Energien, wenn ausreichende Übertragungskapazitäten, Energiespeicher oder flexible Abnehmer fehlen.
Für die Energieerzeuger bedeutet das Herunterfahren der Stromproduktion erhebliche wirtschaftliche Verluste. Allein die brasilianische Windindustrie regelte zwischen Oktober 2021 und September 2025 rund 32 Terawattstunden ab und verzichtete damit auf Einnahmen in Höhe von etwa 6 Milliarden Reais beziehungsweise 1,2 Milliarden US-Dollar.
Engie zieht Bitcoin-Mining in Betracht
Der französische, börsennotierte Energieversorgungskonzern Engie SA, dessen Anteile zu 24,1 % im Besitz des französischen Staates sind, nahm in diesem Monat im Nordosten Brasiliens seine weltweit größte Solaranlage Assú Sol in Betrieb.
Das Unternehmen mit Sitz nahe Paris ist mittlerweile auf fast allen Kontinenten tätig und versorgt mehrere hunderttausend Kunden mit Energie. Dabei konzentriert sich Engie zunehmend auf erneuerbare Energien, Dekarbonisierung, Speichertechnologien und intelligente Infrastrukturen.
Assú Sol verfügt über eine installierte Leistung von 895 Megawatt. Der Standort ist zwar besonders sonnenreich, leidet jedoch unter begrenzten Übertragungskapazitäten. Entsprechend muss die Produktion gedrosselt werden, wenn überschüssige Energie erzeugt wird.
Der brasilianische Landeschef des Konzerns, Eduardo Sattamini, erklärte gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters, dass das Unternehmen mögliche Abnehmer für die Überschussenergie in Assú Sol prüfe, die andernfalls verloren ginge. Dabei werden sowohl Energiespeicher als auch Bitcoin-Mining-Anlagen in Betracht gezogen, da diese ihren Betrieb flexibel hoch- oder herunterfahren und somit schnell auf Angebot und Nachfrage reagieren können.
In Brasilien werden Kryptowährungen als Vermögenswerte anerkannt. Bitcoin und Mining sind legal und es existiert sogar ein Gesetzentwurf für eine staatliche Bitcoin-Reserve. Das staatliche Ölunternehmen Petrobas hat bereits in Betracht gezogen, gestrandetes Gas aus der Ölproduktion für das Mining zu nutzen und lokal zu monetarisieren.
Nun erwägt auch der große Energiekonzern Engie – bislang ohne Berührungspunkte zum Mining-Sektor und ohne entsprechende Erwähnungen in offiziellen Pressemitteilungen – die Integration des Bitcoin-Minings in seine größte Solaranlage. Die optimierte Energienutzung soll:
- Netzabregelung und somit Ertragsverluste sowie Stromverschwendung reduzieren,
- sonst abgeregelten Strom monetarisieren,
- die Rentabilität des Standortes verbessern und
- zur Netzstabilität beitragen.
Die Umsetzung eines solchen Vorhabens würde jedoch mehrere Jahre in Anspruch nehmen, betonte Sattamini.
Zollbefreiung für Mining-Hardware
Parallel zu Engies Überlegungen hat Brasilien die Importzölle auf bestimmte IT- und Telekommunikationswaren für rund zwei Jahre auf null gesenkt. Darunter fällt auch ausgewählte Mining-Hardware.
Die brasilianische Außenhandelskammer veröffentlichte am 20. Februar die Resolution GECEX Nr. 861. In deren Anhang wird ausdrücklich festgelegt, dass Kryptowährungs-Miner, die den SHA256-Algorithmus verwenden, eine Verarbeitungskapazität von mehr als 200 Terahashes pro Sekunde aufweisen und eine Energieeffizienz von unter 20 Joule pro Terahash (gemessen bei 35 Grad Celsius) erreichen, bis zum 31. Januar 2028 zollfrei importiert werden können.
Die Resolution ist somit keine pauschale Zollbefreiung für sämtliche ASICs, sondern schließt gezielt nur die wettbewerbsfähigen Top-Modelle ein beziehungsweise ältere oder weniger effiziente Geräte aus.
Allerdings fallen beim Import nach Brasilien neben dem Importzoll weiterhin zusätzliche Abgaben an. Die temporäre Abschaffung des Importzolls beseitigt daher nicht die gesamten Importkosten, reduziert jedoch eine zentrale Kostenbarriere für besonders effiziente Mining-Geräte, verkürzt potenziell deren Amortisationszeiten und schafft ein etwa 24-monatiges Zeitfenster mit erhöhter Investitionssicherheit.
Durch die gezielte Senkung der Hardware-Kosten könnte sich ein zusätzlicher wirtschaftlicher Anreiz ergeben, das strukturelle Netzproblem zumindest teilweise zu entschärfen. Es handelt sich um eine zusätzliche Motivation für die Energieversorgungsunternehmen, überschüssige Energie selbst mittels eigener Mining-Anlagen zu verwerten oder sie zu günstigen Konditionen an Mining-Unternehmen zu verkaufen. Mehr Hardware zur Monetarisierung der gestrandeten Energie kann schließlich dazu beitragen, die Einschränkungen der Stromproduktion zu reduzieren und die Rentabilität von nachhaltigen Anlagen zu verbessern.
Auch andere Energieunternehmen könnten künftig also zunehmend prüfen, Bitcoin-Mining als flexible Last in ihre Projekte zu integrieren, um überschüssige Energie zu verwerten und damit den Ausbau sowie die Stabilisierung des Netzes zu fördern und eigene Verluste zu reduzieren.
Somit hat Mining das Potenzial, sich zu einer wirtschaftlich tragfähigen Lösung für abgeregelte Energie in Brasilien zu entwickeln. Ob sich dadurch tatsächlich zusätzliche Hashrate im Land ansiedelt, wird sich in den kommenden Jahren zeigen.