Hält der Iran Bitcoin im Wert von 7,7 Milliarden US-Dollar?
Der Iran umgeht bekanntermaßen Sanktionen mithilfe von Kryptowährungen. Die US-Regierung ergreift im Zuge dessen zusätzliche Maßnahmen, die laut Experten weitere Krypto-Börsen betreffen könnten. In einem neuen Bericht von Fox Business ist nun auch davon die Rede, dass Teheran rund 7,7 Milliarden US-Dollar an digitalen Assets kontrollieren würde, was einige dazu veranlasste, zu behaupten, der Iran würde um die 100.000 Bitcoin besitzen. Was steckt hinter diesen Zahlen?
In der Berichterstattung von Fox Business bezieht sich Reporter Darren Botelho auf „neue Schätzungen eines auf Bedrohungserkennung spezialisierten Datenunternehmens“. Demnach soll die iranische Regierung ein Krypto-Vermögen im Wert von 7,7 Milliarden US-Dollar kontrollieren. In der Überschrift des Artikels ist von einem 7,7 Milliarden US-Dollar schweren Krypto-Netzwerk die Rede, das die USA jetzt ins Visier nehmen würden.
Details zum Unternehmen oder zu den gehaltenen Kryptowährungen wurden nicht genannt, was die Überprüfung der Aussage erheblich erschwert. Trotzdem verbreiteten sich die Zahlen schnell über zahlreiche Plattformen. Dabei wurden teilweise nicht belegbare Tatsachenbehauptungen aufgestellt.
Besitzt der Iran 100.000 Bitcoin?
Die US-amerikanische Prediction-Market-Plattform Kalshi verbreitete beispielsweise auf der Plattform 𝕏 mit ihrem Krypto-Account die Behauptung, dass der Iran Berichten zufolge angeblich 7,7 Milliarden US-Dollar in Bitcoin halten würde.
BREAKING: Iran reportedly holds $7.7B worth of Bitcoin
— Kalshi Crypto (@Kalshi_Crypto) May 21, 2026
Bei einem Bitcoin-Preis von etwa 77.000 US-Dollar entspräche dies rund 100.000 BTC.
Sofern diese der Realität entspräche, wäre der Iran einer der größten staatlichen Bitcoin-Halter der Welt. Laut bitcointreasuries.net läge das Land damit hinter den USA und China auf Platz drei der Nationen mit den größten Bitcoin-Beständen.
Die Revolutionsgarde könnte zwar eigene Bitcoin-Mining-Anlagen betreiben, doch die Behauptung von Kalshi ist offenbar äußerst unrealistisch. Tatsächlich scheinen die zugrunde liegenden Daten bereits von Fox Business fehlerhaft interpretiert worden zu sein.
Fehler bei der Interpretation der Daten?
Vermutlich bezieht sich Fox Business auf Daten der Blockchain-Analysefirma Chainalysis, die im Januar 2026 vorgestellt wurden. Diesen zufolge hat das gesamte iranische Krypto-Ökosystem im Jahr 2025 ein Volumen von rund 7,78 Milliarden US-Dollar erreicht.
Diese Schätzungen wurden unter anderem vom Wall Street Journal als Wert der Krypto-Wirtschaft des Landes aufgegriffen:
Das Krypto-Ökosystem des Iran ist in den letzten Jahren trotz Sanktionen, Währungsabwertung und militärischer Bedrohung von außen rasant gewachsen und erreichte laut Daten von Chainalysis im vergangenen Jahr einen Wert von rund 7,8 Milliarden US-Dollar.
Aus dem WSJ-Artikel
Ein genauerer Blick auf den Bericht zeigt jedoch, dass ein großer Teil der Kryptoaktivitäten der iranischen Bevölkerung zugerechnet wird. Viele Menschen im Iran nutzen Kryptowährungen, um sich vor Inflation, dem massiven Wertverlust des Rial und staatlicher Überwachung zu schützen.
Insbesondere während innenpolitischer Unruhen und internationaler Konflikte stiegen die Krypto-Aktivitäten deutlich an. Berichte deuten darauf hin, dass sowohl die iranische Bevölkerung als auch regierungsnahe Akteure neben Bitcoin verstärkt andere Kryptowährungen genutzt haben, weshalb sich die besagte Zahl eben nicht nur auf Bitcoin beziehen dürfte.
Die Krypto-Marktaktivität eines Landes ist letztlich selbstverständlich nicht mit staatlichen Reserven gleichzusetzen.
Laut Chainalysis ist der Anteil der regierungsnahen Revolutionsgarden an den iranischen Krypto-Aktivitäten in den vergangenen Jahren zwar deutlich angestiegen, lag 2025 jedoch bei etwa 50 %. Dies entspricht einem Betrag von 3 bis 4 Milliarden US-Dollar, die dem Staat zugeordnet werden könnten – nicht jedoch die gesamten rund 7,7 Milliarden US-Dollar.
Nichtsdestotrotz ist davon auszugehen, dass die iranische Krypto-Wirtschaft im Zuge des Kriegs weiter gewachsen ist, da staatliche Akteure Bitcoin offenbar für sich entdeckt haben.
Unvollständige Datenlage erschwert die Analyse
Darüber hinaus weisen Blockchain-Analyseunternehmen selbst darauf hin, dass die Verfolgung von Transaktionen unvollständig sein kann. Nicht identifizierte Wallets oder verdeckte Transaktionsstrukturen könnten die Daten verzerren beziehungsweise wichtige Aktivitäten unsichtbar machen.
Wie schwierig die Zuordnung staatlicher Bitcoin-Bestände ist, zeigte zuletzt auch Bhutan. Dort widersprach die Regierung den Auswertungen von Arkham Intelligence zu angeblich ausbleibenden Mining-Einnahmen und Bitcoin-Verkäufen des kleinen Königreichs.
Hinzu kommt, dass sich die Daten von Chainalysis ausschließlich auf das Jahr 2025 beziehen. Der Angriff der USA und Israels auf den Iran am 28. Februar 2026 hatte offenbar erhebliche Auswirkungen auf die Kryptoaktivitäten des Landes.
Laut Chainalysis wurden bereits in der ersten Stunde nach den Luftangriffen rund zwei Millionen US-Dollar in Kryptowährungen von iranischen Krypto-Börsen abgezogen. Innerhalb der ersten drei Tage sollen es mehr als 10 Millionen US-Dollar gewesen sein.
Zudem verloren Berichten zufolge zeitweise große Teile der iranischen Bevölkerung den Zugang zum Internet, während eine kleine Elite weiterhin Transaktionen in Millionenhöhe über Irans größte Krypto-Börse Nobitex abgewickelt haben soll.
„Hormuz Safe“ und die Rolle von Bitcoin
Mit dem Schiffsversicherungsprogramm „Hormuz Safe“ hat der Iran nun eine neue Einnahmequelle für Bitcoin erschlossen. Denn nachdem das US-Finanzministerium etwa 500 Millionen US-Dollar in Kryptowährungen – darunter vor allem den Stablecoin USDT – einfrieren ließ und konfiszierte, setzt das iranische Regime inzwischen offenbar verstärkt auf Bitcoin-basierte, zensurresistente Zahlungsmodelle.
Als eine Art „Mautgebühr“ sollen dabei Zahlungen in Bitcoin für den sicheren Warentransfer durch die Straße von Hormus akzeptiert werden. Sollte sich dieses Modell langfristig etablieren, könnte Bitcoin für den Iran zunehmend Teil geopolitischer Infrastrukturpolitik werden – und eventuell auch in einer größeren Reserve gehalten werden.
Neue US-Sanktionen gegen Irans Finanznetzwerke
Als Reaktion auf diese Entwicklungen verhängten die USA am 19. Mai weitere Sanktionen gegen iranische Finanznetzwerke, um die Einnahmequellen des Landes weiter unter Druck zu setzen. Im Fokus stehen dabei insbesondere das sogenannte Schattenbankensystem sowie die „Schattenflotte“ des Landes.
Betroffen sind Schattenbanken, Wechselstuben, Scheinfirmen und internationale Vermittler, die dem Iran helfen sollen, trotz bestehender Sanktionen internationale Finanztransaktionen abzuwickeln.
Im Zentrum steht die iranische Wechselstube „Amin Exchange“, die angeblich hunderte Millionen Dollar international transferiert haben soll, um Sanktionen zu umgehen. Die beteiligten Firmen sitzen unter anderem in den Vereinigten Arabischen Emiraten, der Türkei, China und Hongkong.
Krypto-Börsen im Visier?
Laut Fox Business erwarten Experten, dass künftig auch weitere Krypto-Exchanges ins Visier der US-Behörden geraten könnten.
Bereits Ende Januar 2026 verhängte das US-Finanzministerium beziehungsweise das Office of Foreign Assets Control (OFAC) erstmals auch Sanktionen gegen Krypto-Börsen – darunter die in Großbritannien registrierten Börsen Zedcex und Zedxion. Diese sollen große Transaktionen für die Islamische Revolutionsgarde abgewickelt haben.
Die beiden Dienstleister sollen in Verbindung mit Babak Morteza Zanjani stehen – einem iranischen Unternehmer und bekannten Verfechter der Umgehung westlicher Sanktionen. Er wurde 2016 wegen der Veruntreuung von Geldern des staatlichen Ölunternehmens NIOC zum Tode verurteilt. Die Strafe wurde jedoch im Jahr 2024 umgewandelt, woraufhin Zanjani erneut als Investor bei iranischen Infrastrukturprojekten in Erscheinung trat.
Laut einem Bericht des Wall Street Journal fanden Ermittler von Binance, der weltweit größten Krypto-Börse, heraus, dass Zanjani und drei Verbündete über zwei Jahre Transaktionen im Wert von rund 850 Millionen US-Dollar über Binance abgewickelt haben sollen. Die Gelder sollen dabei unter anderem zur Umgehung von Sanktionen sowie zur Finanzierung iranischer Streitkräfte genutzt worden sein.
Im Dezember 2025 veröffentlichte Zanjani während einer öffentlichen Auseinandersetzung mit der iranischen Regierung zudem Wallet-Adressen, die angeblich staatlichen Behörden zugeordnet werden können. Dadurch rückte auch die mutmaßliche staatliche Nutzung der iranischen Krypto-Börse Nobitex erneut in den Fokus.
Der Plattform werden enge Verbindungen zu den Eliten des Landes nachgesagt. Zudem wirbt Nobitex offen damit, internationale Sanktionen umgehen zu können.
Die Entwicklung zeigt deutlich, dass Kryptowährungen und insbesondere Bitcoin für den Iran zunehmend an strategischer Bedeutung gewinnen – nicht nur zur Umgehung westlicher Sanktionen, sondern möglicherweise auch als Bestandteil alternativer internationaler Zahlungssysteme.
Bislang ist jedoch weitgehend unbelegt, ob und über welche tatsächlichen Bitcoin-Bestände der Iran verfügt. Die Behauptung, der Iran halte 100.000 BTC im Wert von 7,7 Milliarden US-Dollar, basiert offenbar lediglich auf missinterpretierten Daten von Chainalysis.