Federal Reserve senkt den Leitzins – Bullisch für Bitcoin?
Zinssenkung nach langer Pause
Im September 2024, kurz vor der Präsidentschaftswahl in den USA, leitete die Federal Reserve die Zinswende ein – und das gleich mit einem Zinsschritt um 50 Basispunkte. Zwei weitere Zinssenkungen um 25 Basispunkte folgten noch vor der Amtseinführung von Donald Trump.
Seitdem ließ die Zentralbank das Zinsniveau unverändert. Der primäre Grund dafür war, dass Unklarheit darüber herrschte, inwieweit sich Trumps neue Handelspolitik auf das allgemeine Preisniveau auswirken würde. Die generelle Annahme: Höhere Zölle heizen die Inflation an.
Inzwischen sind die Geldhüter zu dem Entschluss gekommen, dass die inflationären Effekte der neuen Zollpolitik voraussichtlich nur vorübergehender Natur sein werden. Gleichzeitig schwächelt der US-Arbeitsmarkt, wodurch Zinssenkungen zu rechtfertigen sind.
Die Federal Reserve hat ein Dualmandat. In erster Linie soll sie dafür sorgen, dass es Vollbeschäftigung gibt und ein stabiles Preisniveau vorherrscht. In puncto Preisstabilität ist das Ziel der Notenbank, eine durchschnittliche Inflationsrate von 2 Prozent zu erreichen.
Noch ist das 2-%-Ziel aber nicht erreicht. Im August lag die Inflation bei 2,9 Prozent. Das letzte Mal, als eine Inflationsrate unterhalb der 2-%-Marke gemeldet wurde, war für Februar 2021. Dennoch ist laut den Geldhütern die Zeit gekommen, die Geldpolitik zu lockern.
Zinssenkung um 25 Basispunkte
Am heutigen Tag senkte die Zentralbank schließlich das erste Mal seit Dezember 2024 wieder den Leitzins – und zwar um 25 Basispunkte. Damit befindet sich die „Federal Funds Rate“ nun in der Spanne von 4,00 bis 4,25 Prozent.
Marktteilnehmer gingen bereits seit mehreren Wochen von einer Zinssenkung bei dieser Notenbanktagung aus. Mit einer Wahrscheinlichkeit von wenigen Prozent wurde sogar mit einem Zinsschritt um 50 Basispunkte gerechnet.
Die Zinssenkung war im Großen und Ganzen also bereits eingepreist. Dennoch war die Notenbanktagung von großer Bedeutung für den Kapitalmarkt – und zwar wegen des geldpolitischen Ausblicks.
Noch 2 Zinssenkungen dieses Jahr erwartet
Im Rahmen der Notenbanktagung stellten die Geldhüter ihre Prognose für den von ihnen gesetzten Leitzins in der näheren Zukunft vor. Der sogenannte „Dot Plot“, der vierteljährlich veröffentlicht wird, zeigt, dass die Zentralbanker im Mittel noch mit 2 Zinssenkungen um 25 Basispunkte in diesem Jahr rechnen.
Dies deckt sich mit den Erwartungen der Marktteilnehmer. Am Kapitalmarkt war vor der Notenbanktagung bereits größtenteils eingepreist, dass der Leitzins nach der Notenbanktagung im Dezember in der Spanne von 3,50 bis 3,75 Prozent liegen wird.
Bei dem vorherigen „Dot Plot“ aus Juni dieses Jahres hatten die Zentralbanker lediglich zwei Zinssenkungen in diesem Jahr in Aussicht gestellt – einschließlich der heutigen. Das bedeutet, dass das makroökonomische Umfeld in den Augen der Geldhüter nun eine stärkere geldpolitische Lockerung zulässt.
Reaktion der Märkte
Obwohl die Notenbanktagung grundsätzlich als positiv für die Kapitalmärkte einzuordnen ist, ging es in unmittelbarer Reaktion erst einmal nach unten. Sowohl Bitcoin als auch die Aktienmärkte notierten etwas schwächer.
Die naheliegendste Erklärung dafür ist, dass das meiste zuvor bereits eingepreist war beziehungsweise es keine wirklichen Überraschungen gab, die eine weitere Kursrally gerechtfertigt hätten.
Viel entscheidender dürfte aber sein, ob sich die Lockerung der Geldpolitik in den kommenden Wochen und Monaten in steigenden Kursen an den Märkten widerspiegelt.
Ein Katalysator für Bitcoin?
Generell wirken sich niedrigere Zinsen positiv auf die allgemeine Investitionsfreudigkeit beziehungsweise den Risikoappetit der Anleger aus. Zum einen, weil die Aufnahme von Krediten günstiger wird, und zum anderen, weil bei einem niedrigeren Zinsniveau festverzinsliche Wertpapiere wie Staatsanleihen unattraktiver sind.
Sowohl die Aktienmärkte als auch der Gold- und Bitcoin-Kurs stehen bereits auf Allzeithoch-Niveau. Eine Lockerung der Geldpolitik könnte die Rally in den kommenden Wochen und Monaten entsprechend weiter anheizen.
Die Vergangenheit zeigt jedoch, dass Zinssenkungen nicht immer unmittelbar steigende Preise von Sachwerten mit sich ziehen. Während der Weltfinanzkrise 2008 und der Dotcom-Bubble um die Jahrtausendwende war es beispielsweise so, dass die Aktienmärkte einbrachen, während die Geldpolitik deutlich gelockert wurde.
Diese Beobachtung ist aber in erster Linie darauf zurückzuführen, dass die Zinssenkungen eine Reaktion auf die schwächelnde Wirtschaft waren. Die geldpolitische Lockerung im Rahmen der Coronapandemie hingegen ließ Asset-Preise – insbesondere Bitcoin – unmittelbar nach dem Crash in die Höhe schießen.
Wie sich die Kurse am Aktienmarkt, mit dem BTC meist stark korreliert, mittelfristig weiterentwickeln werden, dürfte in erster Linie also davon abhängen, ob die USA in eine Rezession abrutschen oder nicht. Entsprechend wird das Augenmerk der Marktteilnehmer in den kommenden Monaten vornehmlich auf den Wirtschafts- beziehungsweise Arbeitsmarktdaten der USA liegen.
Eine weitere potenzielle Gefahr, neben einer ausgedehnten Wirtschaftskrise, wäre, dass die US-Inflation wieder an Fahrt aufnimmt und damit den Zinssenkungsplänen der Federal Reserve einen Strich durch die Rechnung macht. Auch an dieser Front dürften die weiteren Entwicklungen spannend zu beobachten sein.
Potenzieller Unabhängigkeitsverlust der Fed
Besonders relevant für Bitcoin dürften aber auch die Implikationen der Neuausrichtung der Federal Reserve werden. Donald Trump versucht zunehmend, Einfluss auf die Zentralbank zu nehmen. Er forderte Jerome Powell in den vergangenen Monaten mehrfach auf, die Zinsen zu senken.
Trump wird einen Nachfolger für Jerome Powell, dessen Amtszeit offiziell im Mai kommenden Jahres enden wird, nominieren. Die generelle Annahme ist, dass der Präsident jemanden auswählen wird, der sich für eine lockerere Geldpolitik einsetzt, sodass die USA weniger Zinsen auf ihren mehr als 37 Billionen US-Dollar schweren Schuldenberg zahlen müssen.
Inzwischen beträgt die jährliche Zinslast der Vereinigten Staaten mehr als 1 Billion US-Dollar – das entspricht circa 20 Prozent der Staatseinnahmen. Die Verabschiedung der „Big Beautiful Bill“, durch die die Schuldengrenze um 5 Billionen US-Dollar angehoben wurde, dürfte die Situation nur noch weiter verschärfen.
Mit Stephen Miran hat Donald Trump bereits einen Verbündeten als Notenbankgouverneur nominiert. Miran wurde am Dienstag dieser Woche vom Senat bestätigt, sodass er an dieser Zinsentscheidung mitwirken durfte. Dabei war er die einzige Person, die für eine Zinssenkung um 50 Basispunkte stimmte. Bis Ende Januar 2026 wird er Adriana Kugler, die Anfang August zurückgetreten ist, ersetzen.
Miran betonte kürzlich, dass die Federal Reserve neben Preisstabilität und Vollbeschäftigung auch für moderate Langfristzinsen sorgen müsse. Marktbeobachter sehen dies als einen Vorboten für mögliche Zinskurvenkontrollen der Notenbank, mit dem Ziel, für niedrige Zinskosten für den Staatshaushalt zu sorgen.
Währenddessen versucht die Trump-Administration, Notenbankgouverneurin Lisa Cook wegen Hypothekenbetrugs zu entlassen. Dadurch würde ein weiterer Platz im Federal Open Market Committee (FOMC), das über die geldpolitischen Schritte der US-Zentralbank entscheidet, freiwerden.
Im Rahmen dieser Entwicklungen kommt zunehmend die Sorge auf, die Federal Reserve würde ihre Unabhängigkeit verlieren. Dies könnte dazu führen, dass der US-Dollar weiter an Vertrauen verliert und sich Marktteilnehmer vermehrt nach Alternativen umsehen – und dabei auf Bitcoin stoßen.
BlackRock-CEO Larry Fink betonte bereits in seinem Aktionärsbrief, dass die USA ihre Rolle der Nation hinter der Reservewährung an digitale Assets wie Bitcoin verlieren könnten, wenn sie ihr Schuldenproblem nicht in den Griff bekommen. Starinvestor Ray Dalio traf ähnliche Töne.
Sollte eine Trump-nahe Federal Reserve die Geldschleusen weit öffnen, um dem US-Haushalt unter die Arme zu greifen, ist mit einer noch stärker voranschreitenden Geldentwertung zu rechnen, vor der sich immer mehr Anleger mit harten Assets wie Bitcoin schützen dürften.
Die umlaufende US-Dollar-Geldmenge (M2) befindet sich trotz der geldpolitischen Straffung der vergangenen Jahre schon wieder auf einem neuen Allzeithoch, was auch die Rekordstände an den Kapitalmärkten erklärt.
Ausblick für Bitcoin
Der Cocktail aus Zinssenkungen, dem Schuldenproblem der USA und einem potenziellen Unabhängigkeitsverlust der Federal Reserve schafft ein äußerst positives Umfeld für Bitcoin in seiner Rolle als Schutz vor der Geldentwertung oder gar als alternatives Finanzsystem.
Selbst wenn der Kurs der Kryptowährung im Falle einer Wirtschaftskrise zeitweise unter Druck geraten könnte, scheint der langfristige Ausblick für das Asset so gut wie nie zuvor zu sein.