Warum Deutschland Bitcoin kaufen und nicht verkaufen sollte
Die Bitcoin-Transaktionen der Wallet, die dem Bundeskriminalamt (BKA) zugeordnet wird, sind momentan in aller Munde. Am Freitag vergangener Woche war es vollbracht. Alle 50.000 Einheiten, die im Rahmen des Prozesses gegen die Betreiber der illegalen Filme-Streaming-Plattform „movie2k“ von sächsischen Behörden sichergestellt wurden, sind nun wohl verkauft.
Blocktrainer.de hat über diese Thematik exklusiv mit der fraktionslosen Bundestagsabgeordneten Joana Cotar gesprochen. Die Politikerin ist federführend an der Initiative „Bitcoin im Bundestag“ beteiligt und hat kürzlich mit ihrem Schreiben an Bundeskanzler Olaf Scholz, Finanzminister Christian Lindner und Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer für Aufsehen gesorgt. In diesem bat sie die Bundesregierung und die Sächsische Landesregierung darum, vor einer „vorschnellen Veräußerungen der Bitcoin in staatlichem Besitz abzusehen“. Zudem plädierte Cotar für eine „umfassende Bitcoin-Strategie“.
Sehr geehrte Frau Cotar, die zuständigen Behörden halten sich mit weiteren Informationen zu den Verkäufen bisher zurück, die Erlöse sollen aber dem Bundesland Sachsen zugutekommen. Inwiefern ziehen Sie eine Verbindung der Verkäufe durch den Freistaat Sachsen zu der Einstellung der Bundesregierung gegenüber Bitcoin? Und ist es nicht auch rechtlich verpflichtend, dass konfiszierte Bitcoin veräußert werden müssen?
Die Verbindung zwischen den Verkäufen durch Sachsen und der Einstellung der Bundesregierung zu Bitcoin ist nicht eindeutig. Bundesländer treffen in solchen Angelegenheiten oft eigenständige Entscheidungen, es wäre also durchaus möglich, dass Sachsen aus finanziellen oder praktischen Gründen handelt – unabhängig von der Position der Bundesregierung.
Was die rechtliche Verpflichtung zum Verkauf konfiszierter Bitcoin betrifft, gibt es in Deutschland keine einheitliche Regelung. Die Handhabung kann je nach Bundesland und spezifischem Fall variieren. Üblicherweise werden beschlagnahmte Vermögenswerte aber nur bei der Gefahr eines großen Wertverlusts sehr schnell veräußert. Dieser Fall liegt hier nicht vor. Zudem weiß man auch noch nicht, wer den Erlös bekommt, denn noch gibt es in diesem Verfahren kein Urteil.
Es wäre gut, wenn die offiziellen Stellen der sächsischen Regierung bzw. die entsprechenden Behörden endlich Transparenz walten lassen. Der relativ schnelle Verkauf über die Börsen hinterlässt einen absolut unprofessionellen Eindruck.
Blocktrainer.de: Sie haben im Kontext der Verkäufe gefordert, dass Deutschland Bitcoin als strategische Reservewährung erkennt und die Staatskasse dahingehend diversifiziert. Welche Vorteile könnte dies für die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt haben? Und über welche Mittel und Wege sollte oder könnte Deutschland eigene Bestände aufbauen?
Bitcoin könnte als zusätzliche Anlageklasse dienen, um die Abhängigkeit von traditionellen Reservewährungen wie dem US-Dollar zu verringern und somit die Währungsreserve zu diversifizieren. Auch wird Bitcoin oft als Schutz vor der Inflation betrachtet, der in Zeiten expansiver Geldpolitik attraktiv sein könnte. Falls sich Bitcoin langfristig als Wertaufbewahrungsmittel etabliert, könnte Deutschland von Kurssteigerungen profitieren.
Deutschland könnte sich zudem als innovativer Akteur im Bereich der digitalen Vermögenswerte positionieren und somit eine technologische Vorreiterrolle einnehmen. Ein staatliches Bitcoin-Engagement könnte darüber hinaus auch die Entwicklung der deutschen Bitcoin-Industrie vorantreiben.
Es gibt mehrere Möglichkeiten für Deutschland, Bitcoin-Bestände aufzubauen. Zum einen könnte der Staat „Over-the-Counter (OTC)“ Bitcoin von Minern oder Händlern abkaufen oder direkt an regulierten Krypto-Börsen aktiv werden. Es besteht aber auch die Möglichkeit, Bitcoin für Steuerzahlungen oder staatliche Dienstleistungen zu akzeptieren oder sich als Staat direkt an Mining-Aktivitäten zu beteiligen. Die Akkumulation von Bitcoin wäre jedoch mit Risiken und regulatorischen Herausforderungen verbunden. Dennoch bin ich der Ansicht, dass die Chancen, angesichts der fortschreitenden globalen Bitcoin-Adoption, für Deutschland überwiegen.
Blocktrainer.de: Wie genau stellen Sie sich das mit der von Ihnen im Schreiben geforderten Emission von Bitcoin-Anleihen durch das Finanzministerium vor? Inwiefern könnte der Staatshaushalt davon profitieren?
Welche Bitcoin-Bonds sich konkret für Deutschland eignen würden, müsste man für jeden Anwendungsfall individuell entscheiden. Samson Mow hatte damals für El Salvador einen individuellen Vorschlag unterbreitet, bei dem der Fokus auf einer Risikoreduzierung für Investoren lag. Auch dieses Thema werden wir auf der Veranstaltung „Bitcoin-Strategien für Nationalstaaten – Welche Handlungsoptionen haben politische Entscheidungsträger und Regierungen?“ am 17. Oktober im Bundestag besprechen.
Bitcoin-besicherte Staatsanleihen für Langzeitprojekte könnten folgendermaßen funktionieren: Der Bund oder ein Bundesland gibt Anleihen aus, die teilweise oder vollständig durch Bitcoin besichert sind. Diese Anleihen würden für die Finanzierung von langfristigen Infrastrukturprojekten wie beispielsweise erneuerbare Energien, Stromnetze oder Verkehrsinfrastruktur verwendet werden. Der Staat hinterlegt eine bestimmte Menge Bitcoin als Sicherheit für die Anleihen. Dies könnte durch direkte Bitcoin-Reserven oder durch Partnerschaften mit großen Bitcoin-Besitzern (Walen) geschehen, die ihre Bitcoin als Sicherheit zur Verfügung stellen. Die Anleihen bieten eine Rendite, die sowohl an den Bitcoin-Kurs als auch an den Erfolg der finanzierten Projekte gekoppelt sein könnte. Dies würde Investoren sowohl von steigenden Bitcoin-Kursen als auch von der Wertschöpfung der Infrastrukturprojekte profitieren lassen. Die Laufzeit dieser Anleihen könnte zum Beispiel zehn Jahre sein, um der Natur mittel- bis langfristiger der Infrastrukturprojekte gerecht zu werden. Am Ende der Laufzeit könnte die Rückzahlung entweder in der ursprünglichen Währung oder in Bitcoin erfolgen, je nach Vereinbarung und Marktbedingungen.
Für verschiedene Investorengruppen wären diese Anleihen aus unterschiedlichen Gründen attraktiv. Bitcoin-Wale hätten die Möglichkeit, große Bitcoin-Bestände produktiv einzusetzen, ohne sie verkaufen zu müssen. Sie würden dadurch auch die Bitcoin-Adoption durch Staaten fördern, was langfristig den Bitcoin-Kurs stützen könnte. Zudem könnten sie ihr Portfolio mit realen Vermögenswerten diversifizieren, aber gleichzeitig ein Bitcoin-Exposure beibehalten.
Institutionelle Investoren hätten durch die Bitcoin-Anleihen einen Zugang zu der Anlageklasse, aber mit dem Sicherheitsprofil von Staatsanleihen und dabei die Möglichkeit, in zukunftsträchtige Infrastrukturprojekte zu investieren. Eine Investition in die Anleihen wäre potenziell auch eine Absicherung gegen die Inflation oder Währungsrisiken. Nachhaltigkeitsorientierte Investoren könnten grüne Infrastrukturprojekte finanzieren und eine Bitcoin-Investition mit nachhaltigen Anlagen kombinieren. Staatliche Investoren und Zentralbanken wäre dadurch auch die Möglichkeit eröffnet, indirekt in Bitcoin zu investieren, ohne die Kryptowährung direkt halten zu müssen, und so die Währungsreserven zu diversifizieren.
Für einen westlichen Nationalstaat könnte die Ausgabe solcher Anleihen mehrere Vorteile bieten. Beispielweise könnte das den Zugang zu neuem Kapital durch die Erschließung einer neuen Investorengruppe ermöglichen. Der Staat könnte zudem eine technologische Vorreiterrolle durch die Positionierung als innovativer Finanzplatz einnehmen, die heimischen Bitcoin-Industrie fördern und potenziell den Bitcoin-Kurs durch die erhöhte institutionelle Nachfrage stabilisieren. Auch wäre über die Anleihen die Finanzierung wichtiger Infrastrukturprojekte zu günstigeren Konditionen vorstellbar.
Allerdings gibt hierbei selbstverständlich Herausforderungen und Risiken wie die Volatilität des Bitcoin-Kurses und technische und Sicherheitsherausforderungen bei der Verwaltung großer Bitcoin-Bestände. Insgesamt könnte dieses Konzept aber eine interessante Brücke zwischen der traditionellen Finanzwelt und der Bitcoin-Welt schlagen, wobei eine sorgfältige Abwägung der Chancen und Risiken sowie eine kluge Ausgestaltung der Anleihen entscheidend wären.
Blocktrainer.de: Sind Sie der Meinung, dass der Aufbau einer strategischen Bitcoin-Position Deutschlands nur ein erster Schritt in Richtung einer nationalen, mit Bitcoin gedeckten Währung sein sollte?
Der Aufbau einer strategischen Bitcoin-Position durch Deutschland könnte in der Tat als wegweisender erster Schritt in Richtung einer innovativen, zukunftsorientierten Währungspolitik gesehen werden. Eine mit Bitcoin gedeckte nationale Währung hätte das Potenzial, Deutschland als Vorreiter in der digitalen Finanzwelt zu positionieren.
Mögliche Vorteile dieses Ansatzes könnten eine erhöhte finanzielle Souveränität und eine niedrigere Abhängigkeit von traditionellen Finanzsystemen sein. Eine Bitcoin-Währung könnte auch vor der Inflation schützen, da die maximale Menge an Bitcoin begrenzt ist. Die Attraktivität Deutschlands für internationale Investoren und Tech-Unternehmen könnte steigen und die Innovationen im Fintech-Sektor vorangetrieben werden. Bitcoin könnte zudem potenziell die Kosten bei internationalen Transaktionen reduzieren.
Eine schrittweise Implementierung, beginnend mit dem Aufbau strategischer Bitcoin-Reserven, könnte ein kluger Weg sein, um Erfahrungen zu sammeln und die Infrastruktur vorzubereiten. Dies würde es ermöglichen, potenzielle Risiken zu minimieren und das System schrittweise zu optimieren. Natürlich wäre ein solcher Schritt mit Herausforderungen verbunden, aber er könnte auch als mutige Vision für eine digitale Zukunft des Geldes betrachtet werden.
Blocktrainer.de: In den USA plädieren derzeit hochrangige Politiker wie der Präsidentschaftskandidat Donald Trump dafür, die Bitcoin-Industrie inklusive der Mining-Unternehmen in den Staaten willkommen zu heißen, um sich so einen Vorteil gegenüber China und Russland zu verschaffen. Während die Sparte für digitale Assets von dem renommierten Wirtschaftsmagazin Forbes daraufhin spekuliert, ob die USA künftig Bitcoin als Reserve-Asset implementieren oder gar den US-Dollar mit dem erst 15 Jahre alten Asset stützen, scheint die Bundesregierung – wie Sie auch kritisieren – sich noch gar nicht tiefer mit Bitcoin auseinandergesetzt zu haben. Warum denken Sie, ist das so und könnte es der Fall sein, dass wir hierzulande auch die nächste große Innovation verpassen?
Diese Entwicklungen sind in der Tat hoch interessant und zeigen die unterschiedlichen Herangehensweisen verschiedener Länder an das Thema Bitcoin. Es stimmt, dass einige US-Politiker, darunter Donald Trump, sich für eine stärkere Integration der Bitcoin-Industrie in den USA aussprechen. Dies geschieht wahrscheinlich aus verschiedenen Gründen. Zum einen wäre da die politische Positionierung vor den Präsidentschaftswahlen in den USA. Bitcoiner wachsen immer mehr zu einer relevanten Wählergruppe an (langsam auch in Deutschland) und diese möchte Trump offensichtlich nutzen. Erwähnenswert ist hier, das kürzlich veröffentlichte „2024 Election Manifesto“, in dem weitreichende individuelle Bitcoin-Rechte gefordert und digitales Zentralbankgeld abgelehnt werden.
Dann gibt es den wirtschaftlichen Wettbewerb. Trump möchte wahrscheinlich die USA in eine technologische und finanzielle Führungsposition gegenüber Ländern wie China und Russland setzen. Bitcoin bietet hier heute eine Chance, die mit den frühen Entwicklungen des Internets vergleichbar sind. Die Krypto-Industrie wird als Treiber für Innovation und wirtschaftliches Wachstum gesehen. Und natürlich spielen auch geopolitische Überlegungen eine Rolle. Bitcoin könnte als Instrument zur Stärkung der finanziellen Souveränität betrachtet werden. Was die Spekulationen von Forbes betrifft, so sind diese derzeit noch sehr weitreichend und nicht von offizieller Seite bestätigt.
In Bezug auf Deutschland und die Bundesregierung gibt es mehrere mögliche Gründe für die zurückhaltendere Position. Zum einen wäre da die regulatorische Vorsicht. Deutschland hat traditionell einen eher konservativen Ansatz in Finanzfragen und möchte potenzielle Risiken gründlich abwägen. Man fokussiert sich auf den Euro. Deutschland ist ein wichtiges Mitglied der Eurozone und konzentriert sich entsprechend stark auf die Stabilität der Währung des Euro-Raums.
Auch mangelnde Expertise ist ein potenzieller Faktor. Es könnte sein, dass in Regierungskreisen noch nicht genügend Fachwissen über Bitcoin vorhanden ist. Weniger wahrscheinlich, aber ich will es doch erwähnen: Deutschland wartet erstmal ab und beobachtet die Entwicklungen in anderen Ländern, bevor es eigene Schritte unternimmt. Ob Deutschland dadurch eine große Innovation verpasst, lässt sich schwer vorhersagen, aber die Indikatoren (Preisentwicklung, globale und institutionelle Adoption) deuten meiner Einschätzung darauf hin. Es ist durchaus möglich, dass eine zu zögerliche Haltung dazu führen könnte, dass Deutschland bei der Entwicklung und Nutzung von Bitcoin ins Hintertreffen gerät.
Um das Risiko zu minimieren, eine wichtige Innovation zu verpassen, wäre es für die Bundesregierung ratsam, mehr in Bildung und Forschung von Bitcoin-Technologien und den Dialog mit Experten zu investieren sowie allgemein der Bitcoin-Industrie mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Es ist auch wichtig einen regulatorischen Rahmen zu schaffen, welcher Innovation zulässt, Verbraucherschutz gewährleistet und Pilotprojekte fördert, damit sich Bitcoin-Technologien besser entwickeln können. Es bleibt abzuwarten, wie sich die Positionen und Strategien verschiedener Länder in Bezug auf Bitcoin in Zukunft entwickeln werden.
Blocktrainer.de: Vielen Dank Frau Cotar für Ihre Zeit und die spannenden Antworten.