Das Ende der Haltefrist? Bundesregierung plant neue Besteuerung für Bitcoin & Kryptowährungen
Seit Jahren gilt die steuerfreie Veräußerung von Bitcoin nach einer Haltedauer von zwölf Monaten als einer der zentralen Standortvorteile für Anleger in Deutschland. Doch dieses Privileg steht zunehmend unter politischem Druck. Nun verdichten sich die Hinweise, dass die Bundesregierung die Haltefrist tatsächlich abschaffen möchte. Unter anderem der Spiegel berichtete bereits von den neuen Plänen der Regierung.
Ein Damoklesschwert über Bitcoin-Haltern
Die sogenannte einjährige Haltefrist ist für viele Bitcoin-Nutzer in Deutschland mehr als nur eine steuerliche Regelung, sondern sie ist ein zentraler Bestandteil der langfristigen Investmentstrategie. Wer Bitcoin oder andere Kryptowährungen länger als zwölf Monate hält, kann als Privatperson Gewinne bislang steuerfrei realisieren.
Doch genau dieses Prinzip steht schon seit längerer Zeit zur Debatte. Immer wieder gab es politische Vorstöße, die steuerliche Sonderbehandlung von Krypto-Werten zu überprüfen. Es wird demnach bereits seit Jahren davon gesprochen, dass die Abschaffung der Haltefrist wie ein „Damoklesschwert“ über deutschen Bitcoin-Haltern schwebt, und viele Leute in der Community waren sich stets einig, dass es eines Tages wohl passieren wird.
Was bislang jedoch vor allem theoretische Diskussion war, scheint nun konkrete Formen anzunehmen.
Bundesregierung plant neue Abgaben und Steuererhöhungen
Ein heute Nachmittag erschienener Spiegel-Bericht zu den Haushaltsplänen der Bundesregierung für das Jahr 2027 zeigt deutlich, in welche Richtung die Reise gehen dürfte. Demnach sucht Finanzminister Lars Klingbeil aktiv nach neuen Einnahmequellen, um die geplanten, Staatsausgaben sowie neue Schulden „gegenzufinanzieren“.
Neben Abgaben auf Zucker und Plastik sowie höheren Steuern auf Alkohol und Tabak wird dabei explizit auch eine „veränderte Besteuerung von Kryptowährungen“ genannt.
Die Einordnung ist dabei aber entscheidend. Bitcoin und Kryptowährungen werden hier nicht isoliert betrachtet, sondern als Teil eines breiteren Maßnahmenpakets zur Haushaltskonsolidierung. Es geht also weniger um Regulierung, sondern primär um zusätzliche Staatseinnahmen, was ein Durchwinken des Vorhabens leider auch wahrscheinlicher macht.
Einigung bereits getroffen?
Besonders brisant ist dabei, dass es sich offenbar nicht mehr nur um lose Überlegungen handelt. Nach Informationen, die Blocktrainer.de aus einer Quelle mit direktem Draht in den Bundestag erhalten hat, sollen die entscheidenden Weichen bereits gestellt worden sein.
Demnach haben sich Bundeskanzler Friedrich Merz und Finanzminister Lars Klingbeil grundsätzlich auf eine Reform der Besteuerung von Krypto-Werten verständigt. Auch wenn bislang keine konkreten Papiere öffentlich vorliegen, deutet vieles darauf hin, dass die Abschaffung der Haltefrist ein zentraler Bestandteil dieser Reform sein wird.
Table.Media berichtet zudem, dass die Einigung bei der Koalitionsklausur am 12. April erzielt worden sei – und dabei wird sich neben der neuen Plastik- und Zuckerabgabe und der Erhöhung der Alkohol- sowie Tabaksteuer explizit auch auf die Steueränderung bei Kryptowährungen bezogen. Über diese Themen soll bis zur Aufstellung des Haushalts für 2027 am 6. Juli wohl noch heftig gestritten werden.
Laut Spiegel sollen der sogenannte Eckwertebeschluss sowie die Gesundheitsreform, im Rahmen dessen auch von der besagten Steueränderung für Kryptowährungen die Rede ist, am Mittwoch bereits vom Bundeskabinett abgesegnet werden. Das heißt: Morgen könnte es schon die Details zu dem Vorhaben geben.
Die Hintergründe dieser Entwicklung liegen dabei offensichtlich weniger in einem grundlegenden Wandel der Haltung gegenüber Bitcoin & Co., sondern vielmehr in den fiskalischen Zwängen der aktuellen Haushaltsplanung. Die Bundesregierung steht vor erheblichen finanziellen (allerdings zu großen Teilen selbst verschuldeten) Herausforderungen und ist wohl gezwungen, neue Einnahmequellen zu erschließen, denn an anderen Enden sparen will man offensichtlich nicht.
Rund 20 Milliarden Euro sollen durch die höheren Steuern und neuen Abgaben zusätzlich eingenommen werden. Klingbeil plane zudem mit weiteren 111 Milliarden Euro an Schulden, heißt es im Spiegel-Artikel.
Bricht die Kanzlerpartei ihr Wort?
Schon im Rahmen der Koalitionsverhandlungen versuchte die SPD, die Haltefrist abzuschaffen. Dies scheiterte jedoch an der CDU/CSU. Danach gab es weitere Bemühungen, vor allem von der Partei Die Linke und Bündnis 90/Die Grünen, die Steuerregelung zu kippen. Die beiden Parteien reichten im Rahmen der Umsetzung der DAC-8-Richtlinie jeweils Entschließungsanträge mit entsprechender Forderung ein. Währenddessen setzte sich auch der SPD-Flügel Seeheimer Kreis in einem Strategiepapier für eine höhere Besteuerung von Krypto-Gewinnen ein.
Vonseiten der CDU/CSU hieß es derweil noch, dass sich die Partei für die Beibehaltung der Haltefrist einsetzen würde. Dies betonte beispielsweise der Bundestagsabgeordnete Lukas Krieger in der Debatte zum Bitcoin-Antrag der AfD.
Wir brauchen aber Rechtssicherheit für Anleger und Unternehmen, und wir setzen [uns] als CDU/CSU hier beispielsweise weiterhin klar für die Beibehaltung der Einjahresfrist für steuerfreie Gewinne ein.
Lukas Krieger (CDU/CSU)
Laut Lukas Krieger setzt sich die CDU/CSU für die Beibehaltung der steuerfreien Haltefrist bei Bitcoin- und Krypto-Gewinnen ein. 🇩🇪👏 pic.twitter.com/5hNVlGlobf
— Blocktrainer (@blocktrainer) December 5, 2025
Und als das Thema im vergangenen Monat wieder einmal rege in der Community diskutiert wurde, erklärte dann auch noch Olav Gutting, der zuständige Berichterstatter der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, dass es keinen „überzeugenden steuerpolitischen Grund“ geben würde, an der derzeit geltenden Regelung zu rütteln.
Die Abschaffung der einjährigen Haltefrist auf Veräußerungsgewinne aus Kryptowährungen ist im Koalitionsvertrag nicht vereinbart. Aus Sicht der CDU/CSU-Bundestagsfraktion besteht kein Anlass, an der bewährten Regelung etwas zu ändern.
Olav Gutting (CDU/CSU)
Und auch Bundeskanzler Friedrich Merz behauptete mehrfach im allgemeineren Kontext, dass es keine Steuererhöhungen geben werde.
Wir haben einen Koalitionsvertrag und wir haben uns in diesem Koalitionsvertrag darauf verständigt, dass die Steuern nicht erhöht werden. Und dieser Koalitionsvertrag gilt.
Friedrich Merz
Demnach ist die Enttäuschung groß, dass sich die Kanzlerpartei anscheinend nun doch von der SPD dazu drängen gelassen hat.
Österreich als warnendes Beispiel
Ein Blick ins Ausland zeigt jedoch, dass Deutschland mit dieser Diskussion keineswegs Neuland betreten würde. Österreich hat diesen Schritt bereits vor wenigen Jahren vollzogen. Mit der Steuerreform 2022 wurde die Haltefrist abgeschafft und Gewinne aus Krypto-Werten werden seitdem unabhängig von der Haltedauer pauschal besteuert.
Was politisch als „Modernisierung“ und Gleichstellung mit klassischen Kapitalanlagen verkauft wurde, zeigt in der Praxis jedoch erhebliche Nebenwirkungen.
Besonders deutlich wird die Kritik ausgerechnet aus der Branche selbst. Der Bitpanda-Mitgründer Eric Demuth bezeichnete die Abschaffung der Haltefrist rückblickend als „extrem dumme Entscheidung“.
Seine Begründung war auch recht simpel: mehr Bürokratie, deutlich höhere Komplexität für Nutzer und kaum zusätzlicher Nutzen für den Staat.
Die politische Botschaft daraus ist klar. Deutschland droht, einen Weg einzuschlagen, dessen praktische Konsequenzen bereits sichtbar sind und der selbst von zentralen Akteuren der Branche inzwischen kritisch bewertet wird.
Darin, aus den Fehlern anderer zu lernen, sind Politiker und insbesondere die hiesigen, aber leider grundsätzlich nicht gut.
Was würde die Abschaffung konkret bedeuten?
Sollte die Haltefrist tatsächlich abgeschafft werden, würde sich die steuerliche Behandlung von Bitcoin in Deutschland grundlegend verändern. Der bislang entscheidende Vorteil für langfristige Halter würde entfallen, da Gewinne unabhängig von der Haltedauer steuerpflichtig wären.
Damit würde Bitcoin stärker in Richtung klassischer Kapitalanlagen gerückt, ohne jedoch zwingend deren etablierte Rahmenbedingungen vollständig zu übernehmen. Gleichzeitig würde Deutschland einen Standortvorteil verlieren, der bislang viele Investoren dazu bewegt hat, ihre Aktivitäten hierzulande zu bündeln.
Für Nutzer hätte dies vor allem praktische Konsequenzen. Die Dokumentation von Transaktionen würde komplexer, die steuerliche Planung schwieriger und der langfristige Anlagehorizont weniger attraktiv.
Konkret würde das also bedeuten:
1. Gewinne wären unabhängig von der Haltedauer steuerpflichtig
Das bisherige Prinzip – steuerfrei nach einem Jahr – würde entfallen.
2. Gleichstellung mit klassischen Kapitalanlagen
Bitcoin würde steuerlich stärker wie Aktien behandelt – allerdings ohne zwingend identische Rahmenbedingungen.
3. Wegfall eines zentralen Standortvorteils
Deutschland gehört aktuell zu den wenigen Ländern mit dieser Regelung – ein Wettbewerbsvorteil, der verloren gehen könnte.
Kritik wächst
Dass die aktuellen Pläne nicht nur innerhalb der Bitcoin-Community kritisch gesehen werden, zeigt sich im Übrigen auch bereits in der klassischen Wirtschaftspresse. So äußerte sich Martin Greive, Leiter des Hauptstadtstudios des Handelsblatts, ungewöhnlich deutlich zu den aktuellen Haushaltsplänen der Bundesregierung.
In einer Reihe von Beiträgen auf 𝕏 kritisiert er insbesondere die aus seiner Sicht mangelnden echten Einsparungen und spricht von „Luftbuchungen“ sowie „Globalpositionen“, mit denen Haushaltslücken kaschiert würden. Vor diesem Hintergrund ordnet er auch die geplanten Steuererhöhungen ein, darunter explizit auch die eben beschriebenen Maßnahmen im Bereich Bitcoin und andere Kryptowährungen.
Auch seine Analyse legt nahe, dass es sich bei der stärkeren Besteuerung von Bitcoin weniger um eine gezielte Regulierung handelt, sondern vielmehr um den Versuch, kurzfristig zusätzliche Einnahmen zu generieren.
Ich berichte seit 13 Jahren über Finanzpolitik und @BMF_Bund: So eine schlechte Haushaltsaufstellung wie diesen habe ich nicht erlebt. Union und SPD sparen bislang nirgends, sondern operieren mit lauter Luftbuchungen. Es ist einfach nur erschütternd. Ein Thread.
— Martin Greive (@MartinGreive) April 28, 2026
Noch viele offene Fragen
Trotz der zunehmenden Klarheit über die politische Stoßrichtung bleiben zahlreiche Details offen. Unklar ist bislang, wie die neue Regelung aussehen würde, ob die Haltefrist tatsächlich fällt oder die Steuern nur anderweitig „verändert“ werden. Auch ab wann eine neue Regelung greifen könnte, ob es Übergangsfristen geben soll und wie mit bestehenden Beständen umgegangen werden würde, ist noch nicht näher bekannt.
Gerade diese Punkte dürften eine zentrale Rolle spielen, da sie maßgeblich darüber entscheiden, wie stark die tatsächlichen Auswirkungen für Bitcoin-Halter sein werden.
Gleichzeitig drängt sich die Frage auf, ob andere „Wirtschaftsgüter“ wie Edelmetalle, Oldtimer, Uhren etc., die bislang von Privatpersonen ebenfalls nach einem Jahr steuerfrei veräußert werden dürfen, dann auch anders besteuert werden sollen, oder ob die geplante Änderung nur Kryptowährungen betrifft.
Da es noch keine offizielle Bestätigung gibt, bleibt unter dem Strich aber noch ein Funken Hoffnung.
Update: Lars Klingbeil hat sich geäußert
Inzwischen hat Vizekanzler und Finanzminister Lars Klingbeil auf der Bundespressekonferenz das Vorhaben bestätigt. Alle Details dazu gibt es in unserem neuen Artikel.