Am Dienstag dieser Woche ereignete sich eine Bitcoin-Transaktion, die besonders viel Aufsehen erregt hat. 500 Bitcoin, die einem verurteilten Drogen-Dealer namens Clifton Collins gehört haben, wurden nach 10 Jahren Inaktivität plötzlich wieder bewegt. Das Brisante an dem Fall: Die privaten Schlüssel sind damals abhandengekommen. Wie es jetzt scheint, konnte sich die irische Polizei in Kooperation mit Europol aber dennoch den Zugriff verschaffen. Was steckt dahinter?

Clifton Collins und sein verlorener Bitcoin-Schatz

Clifton Collins ist ein Ire, der als Imker arbeitete. Im Jahr 2005 begann er mit dem Anbau und dem Verkauf von Cannabis. 

Die Erlöse aus seinem kriminellen Geschäft investierte er Ende 2011 und Anfang 2012 in Bitcoin

Da ein BTC damals nur wenige US-Dollar kostete, kam mit seiner Investitionssumme von circa 30.000 US-Dollar eine große Bitcoin-Menge zusammen.

Insgesamt besaß Collins zuletzt 6.000 BTC, die aktuell einen Gegenwert von mehr als 400 Millionen US-Dollar haben. Diese Coins verteilte er auf 12 unterschiedliche Adressen à 500 BTC. Doch der eigentlich reiche Drogen-Dealer verlor die privaten Schlüssel zu seinen Coins.

Verschwundene Private Keys

Im Jahr 2017 wurde Collins festgenommen und zu 5 Jahren Haft verurteilt. Die privaten Schlüssel zu seinem Bitcoin-Vermögen soll der heute 55-Jährige vorher auf Papier gedruckt und in einem Angelrutenkoffer versteckt haben. 

Das Problem: Während seines Gefängnisaufenthalts wurde der Angelrutenkoffer aus seiner Mietwohnung im County Galway, Irland, entfernt. Der Vermieter ließ seine Sachen auf einer Mülldeponie entsorgen. Dadurch war die breite Annahme, dass seine 6.000 BTC für immer „verloren“ seien und nie wieder bewegt werden könnten.

Die Blockchain-Analysefirma Arkham Intelligence widmete Collins sogar eine Identität auf der eigenen Plattform und nannte die Adressen „Clifton Collins: Lost Keys“. Nach 10 Jahren Inaktivität der Coins gab es gestern schließlich eine überraschende Bewegung:

Eine Adresse mit 500 BTC im Gegenwert von circa 35 Millionen US-Dollar wurde leergeräumt. Da ein Teil der Coins – über Zwischenschritte – seinen Weg zum Dienstleister Coinbase Prime fand, war direkt klar, dass der Drogen-Dealer wohl nicht dahintersteckt.

Denn wenn er den Zugriff doch noch haben und seine Bitcoin unbemerkt versilbern wollen würde, wäre es nicht schlau, diese zu einer Börse mit Verifizierungspflicht zu schicken.

Demnach lag die Vermutung nahe, dass Behörden dahinterstecken. Und tatsächlich gab es fast zeitgleich auch eine Pressemitteilung der irischen Polizei, in der es hieß, dass sich der Zugriff zu einer Krypto-Wallet mit 500 Bitcoin verschafft wurde.

Das Criminal Assets Bureau hat in Zusammenarbeit mit Europol Zugriff auf eine Krypto-Wallet mit 500 Bitcoin erlangt und diese beschlagnahmt; dabei handelt es sich um Erträge aus Straftaten.
Aus der Pressemitteilung der irischen Polizei

Obwohl die Behörde nicht explizit von Clifton Collins sprach, ist mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, dass es sich um seine „verlorenen“ Coins handelt. Die sich aufdrängende Frage an dieser Stelle lautet: Wie konnte die Wallet überhaupt reaktiviert werden?

Wie konnte der Zugriff gelingen?

Wie genau das „Criminal Assets Bureau“ in Kooperation mit dem „European Cybercrime Centre“ von Europol an die Coins kommen konnte, ist unklar. Dazu gibt es in der Pressemitteilung keine näheren Informationen. Auch die Anfrage des Krypto-Mediums The Block blieb dahingehend unbeantwortet.

Rechtlich gesehen wurden die gesamten Coins von Collins schon im Jahr 2020 beschlagnahmt. Bei Bitcoin ist dies aber irrelevant, da das Netzwerk blind für Gesetze außerhalb ist und nur mit dem privaten Schlüssel auf Coins zugegriffen werden kann.

Die kryptografische Sicherheit von Bitcoin macht es praktisch unmöglich, einen privaten Schlüssel durch reines Ausprobieren zu erraten – sofern ein guter Zufallsmechanismus der Erstellung der „Seed Phrase“ (12 oder 24 Wörter, aus denen der private Schlüssel abgeleitet wird) zugrunde liegt.

Wäre es möglich, auf Bitcoin-Adressen einfach so zugreifen zu können, dann wären beispielsweise die von Bitcoin-Erfinder Satoshi Nakamoto in den Jahren 2009 und 2010 geschürften mehr als 1 Million BTC längst wieder im Umlauf. Grundsätzlich wäre Bitcoin dann auch überhaupt nicht funktionsfähig.

Aber auch das Dokument mit den privaten Schlüsseln scheinen die Behörden nicht aufgetrieben zu haben. Denn dann wären wohl sofort alle 12 Wallets leergeräumt worden. Überdies heißt es in der Pressemitteilung, dass „hochkomplexes technisches Fachwissen und Entschlüsselungsressourcen“ von Europol zur Verfügung gestellt wurden.

Europol veranstaltete operative Sitzungen in seinem Hauptquartier in Den Haag, Niederlande, und leistete den Ermittlern und Analytikern des Büros entscheidende Unterstützung, indem es hochkomplexes technisches Fachwissen und Entschlüsselungsressourcen zur Verfügung stellte, die für den Erfolg der Operation von entscheidender Bedeutung waren.
Aus der Pressemitteilung der irischen Polizei

Wenn Collins die privaten Schlüssel nicht noch woanders gespeichert hatte – etwa in einer verschlüsselten Datei auf einer Festplatte –, lautet die wohl einzige plausible Erklärung, dass er einen rekonstruierbaren Mechanismus zur Generierung seiner privaten Schlüssel verwendet hat. Das würde bedeuten: Hätte er mal besser eine gute Hardware-Wallet genutzt, die für maximale Zufälligkeit gesorgt hätte.

Info

Je nachdem, wie die „Seed Phrase“ generiert wurde, kann es möglich sein, eine Wallet mithilfe von Anhaltspunkten und technischem Fachwissen wiederherzustellen. Darauf hat sich der Blocktrainer-Partner ReWallet spezialisiert. ReWallet hilft Bitcoinern, ihre „verlorenen“ Coins zurückzubekommen. Mehr dazu im YouTube-Interview mit Bruno, dem Geschäftsführer und Gründer von ReWallet.

Die Wallets von Collins scheinen also angreifbar zu sein, was im Umkehrschluss bedeutet, dass die restlichen 5.500 BTC ebenfalls noch „recovert“ werden könnten. 

Und wie bei Beschlagnahmungen üblich, ist davon auszugehen, dass diese Coins früher oder später vom Staat verkauft werden – außer in den USA, die seit Donald Trumps Dekret zur strategischen Bitcoin-Reserve den Ansatz verfolgen, alle beschlagnahmten BTC weiterzuhalten.

Unter dem Strich verdeutlicht der Fall von Collins aber nicht nur, wie wichtig es ist, bei der Selbstverwahrung auf maximale Sicherheit zu setzen, sondern auch, wie rentabel es sein kann, Bitcoin langfristig zu halten.

Tristan

Über den Autor: Tristan

Tristan ist der Chefredakteur bei Blocktrainer.de. Als studierter Volkswirt sammelte er auch außerhalb des Bitcoin-Space journalistische Erfahrungen. Seit 2020 beschäftigt sich Tristan aktiv mit Bitcoin, in den Jahren zuvor schon mit libertärer Wirtschaftstheorie.

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