Bitcoin fällt unter 90.000 US-Dollar
US-Präsident Donald Trump kündigte am Wochenende zusätzliche Zölle für acht europäische Länder an, mit dem Ziel, einen Deal für die Übernahme Grönlands auszuhandeln. Daraufhin berieten die betroffenen Länder – darunter Deutschland – über Gegenmaßnahmen.
Die Sorgen vor einem Neuaufflammen des Handelskriegs sorgten dafür, dass der Bitcoin-Kurs zum Start des Futures-Handels in der Nacht von Sonntag auf Montag bereits einen „Flash Crash“ von circa 95.500 auf unter 92.000 US-Dollar hinlegte.
Als die Wall Street am Dienstag wieder in den regulären Handel ging – am Montag war „MLK Day“ und damit Börsenfeiertag – setzte sich der Abverkauf weiter fort. Bitcoin rutschte im Tief sogar unter die 88.000-US-Dollar-Marke, womit der Kursrutsch seit dem Hoch vergangener Woche rund 10 % betrug.
Auch der US-amerikanische Aktienindex S&P 500 stand unter Druck und verlor am gestrigen Handelstag mehr als 2 %. Währenddessen schossen die Renditen für langlaufende US-Staatsanleihen in die Höhe, was Analysten dazu veranlasste, vom „Sell America Trade“ zu sprechen.
US-Finanzminister Scott Bessent betonte derweil aber, dass das Chaos an den Märkten nichts mit der Auseinandersetzung um Grönland zu tun haben würde, sondern die Probleme des japanischen Anleihemarkts der Grund seien. Was steckt dahinter und droht ein regelrechter Crash, der BTC weiter nach unten ziehen könnte?
„Sell America Trade“
Als Donald Trump im April 2025, am „Liberation Day“ erstaunlich hohe Zölle für die meisten Länder verhängte, erschütterte er bereits die Märkte. Bitcoin fiel unter 75.000 US-Dollar, konnte sich aber Hand in Hand mit den Aktienmärkten schnell wieder erholen, als einige Deals ausgehandelt wurden.
Jetzt scheint die Situation etwas anders zu sein, da es hinsichtlich Grönland voraussichtlich keine Einigung geben wird. Die USA haben es offenbar ernsthaft auf das Land im Besitz Dänemarks abgesehen, während man sich in Europa einig ist, dass eine Übernahme nicht zur Debatte steht.
Demnach könnte es wirklich dazu kommen, dass Trump die Verbündeten Grönlands ab Februar mit dem 10-%-Zusatzzoll belegt, der ab dem 1. Juni auf 25 % steigen soll. Währenddessen dürfte die EU mit Gegenzöllen reagieren und das im Sommer 2025 geschlossene Handelsabkommen auf Eis gelegt werden.
Bei seiner heutigen Rede auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos, Schweiz, betonte Trump, dass nur die USA in der Lage seien, Grönland zu verteidigen und dass es „dumm“ gewesen sei, das Land nach dem Zweiten Weltkrieg wieder an Dänemark zurückzugeben.
Die momentane Unberechenbarkeit der USA führt schon seit einigen Monaten dazu, dass Anleger ihr Geld aus dem Land abziehen. Der US-amerikanische Aktienmarkt performte im vergangenen Jahr schlechter als der vieler anderer Nationen und dieser Trend setzt sich seit Jahresauftakt weiter fort.
Währenddessen wertet der US-Dollar relativ betrachtet ab. Seit der Amtseinführung Trumps ist der US-Dollar-Index (DXY), der die Entwicklung des „Greenbacks“ gegen einen Korb anderer großer Währungen – darunter Euro und Yen – misst, um circa 10 % gefallen.
Ein schwacher US-Dollar macht zwar Exporte aus den Vereinigten Staaten attraktiver für das Ausland. Doch das große Problem am sogenannten „Sell America Trade“ ist, dass der Verkauf von US-Staatsanleihen die Zinsen in die Höhe treibt und damit den Haushalt der USA unter Druck bringt.
Die Tatsache, dass derzeit eine Ermittlung gegen den Chef der Federal Reserve, Jerome Powell, läuft, untergräbt das Vertrauen in US-Dollar-Anlagen nur noch weiter. Andere Länder setzen seit geraumer Zeit vermehrt auf alternative Reserve-Assets, was sich in Rekordkursen bei Gold widerspiegelt.
Gestern gab es zudem die Meldung, dass ein dänischer Pensionsfonds seine 100 Millionen US-Dollar große Position an US-Staatsanleihen bis Ende des Monats abstoßen wird. Der angeführte Grund: die schlechte finanzielle Situation der USA.
„Die Investitionen Dänemarks in US-Staatsanleihen sind, wie Dänemark selbst, irrelevant“, so US-Finanzminister Scott Bessent in Reaktion am Rande des Weltwirtschaftsforums in Davos. Doch auch ein schwedischer Pensionsfonds machte im Rahmen der Entwicklungen bekannt, seit Trumps Amtseinführung im großen Stil US-Staatsanleihen verkauft zu haben.
Gestern stiegen die Renditen für 10-jährige US-Staatsanleihen über 4,3 % und damit auf das höchste Niveau seit August 2025. Das passiert, obwohl die Federal Reserve in den vergangenen Monaten mehrfach den Leitzins gesenkt hat.
Mit dem Instrument des Leitzinses kontrolliert eine Zentralbank aber nur den Kurzfristzins. Langfristige Zinsen ergeben sich in erster Linie am Markt und Einflussfaktoren sind unter anderem die Inflationserwartung und das Vertrauen in die Zahlungsfähigkeit des Landes.
Mit dem Kauf von langlaufenden Anleihen – auch „Quantitative Easing (QE)“ genannt – kann die Zentralbank zwar auch auf das „lange Ende“ Einfluss nehmen. Momentan vergrößert die Federal Reserve aber nur die Bestände kurzlaufender Staatsanleihen für 40 Milliarden US-Dollar pro Monat.
Steigende Renditen von US-Staatsanleihen bedeuten fallende Kurse der festverzinslichen Wertpapiere. Demnach kann dieser Umstand nicht nur die finanzielle Situation der USA, sondern auch die von Banken unter Druck bringen, wie es bei der Bankenkrise im März 2023 der Fall war.
Die derzeit steigenden Zinsen sind also ein Zeichen für Stress im Markt und könnten – sofern sich die Situation noch verschärft – für weiter fallende Kurse bei Aktien und damit auch Bitcoin sorgen, obwohl BTC als alternatives Reserve-Asset eigentlich vom „Sell America Trade“ profitieren sollte.
Probleme in Japan
Besonders prekär ist die Situation jedoch momentan in Japan. Dort befinden sich die Renditen 10-jähriger Staatsanleihen schon seit mehreren Jahren in einem scharfen Aufwärtstrend, der sich aktuell beschleunigt. Anders als in den USA hebt die Bank of Japan (BOJ) seit geraumer Zeit zeitgleich den Leitzins an.
Gestern allein legte die Rendite 10-jähriger Staatsanleihen um fast 11 Basispunkte respektive 5 % zu, womit sie an der Marke von 2,4 % kratzte. Ein so starker Anstieg ist im Markt für Staatsanleihen durchaus ungewöhnlich und wohl einer der primären Treiber der momentanen Verwerfungen an den Kapitalmärkten.
Laut US-Finanzminister Scott Bessent ist die gestrige Kursschwäche bei Aktien und Co. in erster Linie auf die Probleme am japanischen Anleihemarkt zurückzuführen, die nach Europa und die USA übergeschwappt sein sollen. Die Situation mit Grönland habe, so Bessent, nichts damit zu tun.
Es handelt sich hauptsächlich um den japanischen Anleihemarkt, das hat nichts mit Grönland zu tun.
Scott Bessent
SCOTT BESSENT: Markets are going down because Japan's bond market just suffered a six-standard-deviation move in ten-year bonds over the past two days.
— Bannon’s WarRoom (@Bannons_WarRoom) January 20, 2026
This has nothing to do with Greenland; it's all about the Japanese bond blowout.@SecScottBessent pic.twitter.com/sZqGdsHX3g
„Ich habe Kontakt zu meinen wirtschaftlichen Partnern in Japan aufgenommen und sie aufgefordert, die notwendigen Maßnahmen zur Stabilisierung ihres Anleihemarktes zu ergreifen“, so Bessent weiter. Währenddessen versuchte die japanische Finanzministerin, Satsuki Katayama, die Märkte verbal zu beruhigen.
Japans zweitgrößte Bank, Sumitomo Mitsui Financial Group, verkündete in Reaktion bereits, ihr Portfolio an japanischen Staatsanleihen massiv ausweiten zu wollen – von mehr als 10 Billionen Yen (circa 67 Milliarden US-Dollar) auf das Doppelte in etwa, sobald die Volatilität nachgelassen hat. Kleine Käufe haben bereits begonnen.
Die Märkte sind momentan besorgt, dass die unter der neuen Premierministerin Sanae Takaichi beschlossene Umsatzsteuersenkung auf Lebensmittel nur mit der Aufnahme von weiteren Schulden gegenfinanziert werden kann – und das zu einer Zeit, in der die Zinsen so hoch sind wie seit Jahrzehnten nicht mehr.
Japan ist das Land mit der höchsten Staatsschuldenquote von mehr als 200 %. Die Inflation liegt momentan bei 2,9 % und damit über dem selbstauferlegten Ziel. Marktbeobachter befürchten schon seit vielen Jahren, dass die viertgrößte Volkswirtschaft der Welt in eine Schuldenspirale gerät.
Japans lockere Geldpolitik war in den vergangenen Jahrzehnten wohl ein zentraler Treiber hinter steigenden Kursen. Investoren konnten sich günstig in Yen verschulden und in US-Staatsanleihen, aber vor allem auch US-Aktien und andere Risikowerte investieren.
Das Ausmaß des sogenannten „Yen Carry Trades“ ist unbekannt, weshalb hin und wieder die Panik aufkommt, dass eine Rückabwicklung zu einem großen Crash führen könnte. Diese Angst brachte die Märkte – inklusive Bitcoin – bereits im August 2024 erheblich unter Druck.
Mit jetzt wieder höheren Anleiherenditen, die Investitionen in japanische Staatsanleihen attraktiver machen, könnte zudem Geld wieder nach Japan zurückfließen. Bei einer sich weiter zuspitzenden Situation wäre auch eine Intervention der BoJ vorstellbar, finanziert durch den Verkauf von US-Dollar-Anlagen.
Crash-Gefahr?
Obwohl Bitcoin als Asset ohne Kontrahentenrisiko und Alternative zum US-Dollar von der aktuellen Situation eigentlich profitieren sollte, verhält sich BTC eher wie eine riskante Technologieaktie beziehungsweise als „Risk-Asset“, das bei einem „Risk-Off-Modus“ überproportional leidet.
Momentan scheinen Marktteilnehmer in erster Linie auf Gold und Silber als „sicheren Hafen“ zu setzen, was möglicherweise primär dadurch erklärt werden kann, dass sich die Edelmetalle bereits über Jahrhunderte als stabiler Anker in unsicheren Zeiten bewährt haben.
Ob Trump wieder zurückrudern wird oder jetzt eine weitere Eskalation bevorsteht, kann nicht mit Sicherheit abgesehen werden. Anders als Bessent behauptet, sieht es nämlich eher danach aus, als würde die Unberechenbarkeit der USA die Märkte derzeit am stärksten beeinflussen.
Am heutigen Mittwoch scheint sich die Situation nach Trumps Rede in Davos bereits wieder ein wenig zu beruhigen, womöglich weil Trump die Anwendung von Gewalt im Kontext Grönlands explizit ausschloss. Das Risiko von weiteren Verwerfungen bleibt jedoch bestehen, vor allem wegen Japan, wo die Renditen jedoch heute wieder deutlich zurückgelaufen sind.
Sollten die großen Zentralbanken in Reaktion auf Chaos am Markt wieder langlaufende Anleihen im großen Stil kaufen, so ist davon auszugehen, dass BTC – so wie auch in den Jahren 2020 und 2021 – am stärksten von der Liquiditätsflut profitieren kann.