Seitdem es möglich ist, Bitcoin direkt gegen Anteile eines Spot-ETFs einzutauschen, nutzen Bitcoin-Wale diese Option wohl im großen Stil. Der Grund: Sie halten ihre BTC lieber in einem börsengehandelten Produkt als in der Selbstverwahrung. Mehr als 3 Milliarden US-Dollar an Gegenwert sollen IBIT, dem Bitcoin-Spot-ETF von BlackRock, so bereits zugeflossen sein. Stirbt die Bitcoin-Selbstverwahrung zugunsten der Wall Street aus?

In-Kind-Methode lässt BTC zu BlackRock fließen

Ende Juli dieses Jahres gab die US-Börsenaufsichtsbehörde SEC bekannt, die sogenannte „In-Kind-Methode“ für die Bitcoin-Spot-ETFs zu erlauben. Das bedeutet, dass BTC auf direktem Wege gegen die Anlageprodukte von BlackRock und Co. eingetauscht werden können. Zuvor war lediglich die „In-Cash-Methode“ zugelassen, bei welcher die Umwandlung von ETF-Anteilen nur über US-Dollar möglich ist.

Anscheinend machen sich viele große Bitcoin-Halter diese Regeländerung jetzt zunutze, indem sie ihre Bitcoin in die Hände eines Vermögensverwalters geben – ohne dass bei diesem Schritt ein Verkauf stattfinden muss, der einen steuerlich relevanten Vorgang auslöst.

Es sprechen mehrere Vorteile dafür, Bitcoin über ein börsengehandeltes Produkt zu halten:

  • Bitcoin-ETFs lassen sich oft noch leichter als Kreditsicherheit respektive Kollateral verwenden als „echte Bitcoin“
  • bei Bitcoin-ETFs ist bei einem Todesfall sichergestellt, dass die Angehörigen auch an die Assets kommen können
  • es ist möglich, das ganze Vermögen an einem Ort beziehungsweise auf einer Plattform zu halten
  • Kriminellen wird die Option genommen, Bitcoin-Wale zu überfallen und so an ihre BTC zu kommen

IBIT habe über diese Umwandlungen bereits mehr als 3 Milliarden US-Dollar an Zuflüssen verzeichnet, so Robbie Mitchnick, Leiter der Abteilung für digitale Assets bei BlackRock.

Dabei handle es sich um Bitcoin-Wale, die nur einen Teil ihrer Coins lieber in einem börsengehandelten Produkt halten, aber auch um Anleger, die ihre Bestände komplett an die Wall Street bringen wollen.

Es gibt eine Untergruppe, die einfach komplett von 100 auf 0 geht und sagt: „Konsolidiert alles auf diese Weise, das ist für mich der einfachste Weg, um fortzufahren.“
Robbie Mitchnick, BlackRock

Große Bitcoin-Besitzer erkennen zunehmend „die Vorteile, die es mit sich bringt, ihr Engagement im Rahmen ihrer bestehenden Beziehungen zu Finanzberatern oder Privatbanken zu halten“, erklärt Mitchnick gegenüber Bloomberg.

Überdies gibt der Vermögensverwalter Bitwise, der die erste „In-Kind-Transaktion“ im August abwickelte, an, dass täglich Anfragen von Anlegern eingehen, die ihre selbstverwalteten Bestände auf Brokerage-Plattformen übertragen möchten.

Stirbt die Selbstverwahrung aus?

Seitdem sich die Wall Street für Bitcoin öffnet beziehungsweise öffnen darf, ist ein gewisser Trend zu beobachten: 

Ein immer größerer Anteil der umlaufenden Bitcoin fließt in die Verwahrung großer Finanzdienstleister. Die US-amerikanischen Bitcoin-Spot-ETFs halten inzwischen mehr als 1,3 Millionen BTC – über 800.000 davon entfallen auf BlackRocks IBIT.

Vor der Zulassung der Anlageprodukte befanden sich lediglich circa 620.000 BTC in dem börsengehandelten Fonds von Grayscale (GBTC), der zu einem Spot-ETF wurde.

Hinzu kommt die Tatsache, dass eine rasant wachsende Anzahl an Aktiengesellschaften Bitcoin hält. Laut Daten von Bitwise befinden sich mittlerweile mehr als 1 Million BTC auf der Bilanz börsennotierter Unternehmen – 176.762 BTC kamen im dritten Quartal dieses Jahres hinzu.

Auch wenn sowohl die Spot-ETFs als auch die Aktien von „Bitcoin Treasury Companies“ wie Strategy zu einem guten Anteil von Privatpersonen gehalten werden, sinken die BTC-Bestände, die Individuen selbst kontrollieren.

Laut einer Analyse des Unternehmens River fließen aus den Wallets von Privatpersonen täglich mehr als 3.000 BTC ab, die in der Kontrolle von Regierungen, ETFs oder Unternehmen landen. Dennoch: Ende 2024 befanden sich noch mehr als 55 % der Bitcoin-Gesamtmenge in Selbstverwahrung, so River.

Bitcoin ermöglicht es den Menschen, ihre eigene Bank zu sein. Aber nur mit der Kontrolle der privaten Schlüssel zu den Coins ist es möglich, Bitcoin als konfiszierungssicheres Asset und zensurresistentes Transaktionsmedium zu nutzen.

Für einige Bitcoin-Halter scheinen diese Vorzüge weniger relevant zu sein als der Komfort, der mit der Abgabe der Verantwortung einhergeht. Dieser Umstand lenkt davon ab, dass Bitcoin eigentlich eine Alternative zum traditionellen Finanzsystem darstellt.

Das Leben ist in der Welt der traditionellen Finanzdienstleistungen einfach einfacher – wir haben ein Jahrhundert damit verbracht, Integration, Zugang und Sicherheit zu perfektionieren. Die Bitcoin-Anhänger erkennen das endlich. […] Die große Ironie dabei ist natürlich, dass Bitcoin geschaffen wurde, um der traditionellen Finanzwelt zu entkommen – und jetzt versuchen seine größten Besitzer, wieder zurückzukehren.
Wes Gray, CEO und Gründer der ETF-Firma Alpha Architect

Der bekannte Bitcoin-Influencer PlanB teilte seinen mehr als 2 Millionen Followern auf der Plattform 𝕏 Anfang dieses Jahres mit, dass er seine Bitcoin gegen ETFs eingetauscht habe. Die Gründe: Komfort und das „beruhigende Gefühl“, sich keine Sorgen um seine privaten Schlüssel machen zu müssen.

⚠️ Hinweis ⚠️

Ich habe meine Bitcoin in ETFs übertragen.

Ja, ich weiß, „not your keys, not your coins“. Aber für mich ist es einfach einfacher, Bitcoins genauso zu verwalten wie Aktien und Anleihen. Außerdem gibt es mir ein beruhigendes Gefühl, mich nicht um Schlüssel kümmern zu müssen. Ich schätze, ich bin kein [Bitcoin-]Maxi mehr.
PlanB

Womöglich kommt noch hinzu, dass PlanB als bekannte Person aus dem Bitcoin-Space ausschließen möchte, dass jemand versucht, ihm seine Coins durch einen Überfall zu entwenden.

Die Art und Weise der Bitcoin-Verwahrung ist letztlich eine individuelle Entscheidung. Unter bestimmten Umständen kann es aus den genannten Gründen durchaus Sinn ergeben, einen Teil oder auch alles einer etablierten Institution anzuvertrauen.

Hierbei sollte man sich aber auch der Nachteile bewusst sein:

  • Dienstleister können gehackt werden oder Gelder veruntreuen, wie der Kollaps der Exchanges FTX und Mt.Gox gezeigt hat
  • ETFs haben prozentuale Verwaltungsgebühren, die sich bei der Selbstverwahrung sparen lassen
  • Bitcoin-Bestände bei Börsen oder ETF-Anteile können konfisziert werden und lassen sich nicht zensurresistent transferieren
  • das eigene Bitcoin-Vermögen wird offen einsehbar für Finanzdienstleister und den Staat

Worauf es wirklich ankommt

Mit der weiteren Verbreitung von Bitcoin war nur absehbar, dass immer mehr Coins in den Händen großer Institutionen landen. Auch wenn diese Entwicklung von einigen Bitcoin-Puristen kritisch beäugt wird, ist sie für die Entwicklung des Assets hin zu einem global anerkannten Wertspeicher unausweichlich.

Bitcoin ist ein Netzwerk, das für jeden offen ist – auch für große Unternehmen oder Vermögensverwalter wie BlackRock und Fidelity. Spot-ETFs erleichtern vielen Marktteilnehmern den Umgang mit dem Asset. Anscheinend so sehr, dass sogar wohlhabende Privatpersonen ihre selbstverwalteten Coins eintauschen.

Für Bitcoin an sich birgt es jedoch keine fundamentalen Risiken, wenn große Entitäten viele Coins kontrollieren. Denn anders als bei Proof-of-Stake-Netzwerken wie ETH schreiben nicht diejenigen, die viele BTC besitzen, die Blockchain weiter. Bei Bitcoin sind dafür die Miner verantwortlich und die für den Prozess notwendige Energie stellt die Dezentralisierung sicher.

Unter dem Strich ist das Wichtigste, dass es bei Bitcoin immer eine Option bleibt, seine eigene Bank zu sein. Solange dies gewährleistet ist, stellt es auch kein Problem dar, wenn immer mehr Individuen Spot-ETFs den Coins auf der eigenen Wallet vorziehen.

Tristan

Über den Autor: Tristan

Tristan ist der Chefredakteur bei Blocktrainer.de. Als studierter Volkswirt sammelte er auch außerhalb des Bitcoin-Space journalistische Erfahrungen. Seit 2020 beschäftigt sich Tristan aktiv mit Bitcoin, in den Jahren zuvor schon mit libertärer Wirtschaftstheorie.

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