Während die Edelmetalle Gold und Silber derzeit neue Höchststände markieren, gerät Bitcoin erneut unter Druck und fiel im Laufe des gestrigen Sonntags zeitweise sogar unter 87.000 US-Dollar. Politische Unsicherheiten, steigende Renditen und zunehmende Risikoaversion an den Finanzmärkten deuten darauf hin, dass Bitcoin derzeit eher als Risikoasset wahrgenommen wird und weniger als sicherer Hafen. Was sind die möglichen Gründe für die derzeitige Kursschwäche?

Risk-Off dominiert: Kapital fließt in Gold und Silber

Die jüngste Marktbewegung folgt einem klassischen Risk-Off-Muster. Anleger ziehen Kapital aus riskanteren Anlageklassen ab und parken es verstärkt in traditionellen sicheren Häfen wie Edelmetallen. Gold konnte heute Nacht erstmals die Marke von 5.000 US-Dollar je Feinunze überschreiten, Silber notiert erstmalig über 100 US-Dollar. 

Diese Entwicklung ist insofern bemerkenswert, als dass Bitcoin in der öffentlichen Wahrnehmung bekanntermaßen häufig als „digitales Gold“ positioniert wird. In der aktuellen Marktphase zeigt sich jedoch eher Gegenteiliges. Kurz- und mittelfristig wird Bitcoin von Marktteilnehmern primär nicht als Absicherungsinstrument, sondern als volatiles Risikoasset behandelt.

Erneutes Shutdown-Risiko in den USA belastet Märkte

Ein zentraler Unsicherheitsfaktor ist das erneut drohende Government Shutdown-Szenario in den USA. Die Übergangsfinanzierung des US-Haushalts läuft Ende Januar aus, während sich Republikaner und Demokraten weiterhin über zentrale Budgetfragen – unter anderem die Finanzierung der Einwanderungsbehörde ICE – uneinig sind.

Prognosemärkte taxieren die Wahrscheinlichkeit eines erneuten Shutdowns zuletzt deutlich erhöht, bei fast 80%. Historisch führen solche Phasen politischer Blockaden eigentlich immer zu sinkender Liquidität, höherer Unsicherheit und einer Zurückhaltung institutioneller Marktteilnehmer. Risikoassets reagieren in diesem Umfeld regelmäßig mit Abschlägen und wie sich zeigt, Bitcoin bildet hier keine Ausnahme.

Neue Zolldrohungen erhöhen geopolitische Unsicherheit

Zusätzlichen Druck erzeugen zudem erneute handelspolitische Spannungen. Donald Trump kündigte am Wochenende an, Kanada mit Zöllen in Höhe von 100 % zu belegen, sofern das Land ein Handelsabkommen mit China schließt. Nachdem eine Woche zuvor bereits wegen der angepeilten Übernahme Grönlands durch die USA acht europäischen Ländern mit Zusatzzöllen gedroht wurde, scheint momentan eine erhöhte Nervosität an den Märkten vorzuherrschen.

Sollte Kanada ein Abkommen mit China schließen, würden umgehend Zölle in Höhe von 100 Prozent auf sämtliche kanadischen Waren und Produkte verhängt, die in die USA eingeführt werden.
Donald Trump bei Truth Social

Solche protektionistischen Signale wirken erfahrungsgemäß (wie uns auch die letzten Wochen und Monate gezeigt haben) wie ein Katalysator für Risikoaversion. Lieferketten-Risiken, steigende Kosten und geopolitische Spannungen werden neu eingepreist. Auch hier zeigt sich, dass Bitcoin kurzfristig nicht von der Unsicherheit profitiert, sondern gemeinsam mit Aktien und anderen Risikoanlagen unter Druck gerät.

Japan als zusätzlicher Stressfaktor

Parallel verschärft sich die Lage am japanischen Anleihe- und Devisenmarkt. Steigende Renditen langfristiger japanischer Staatsanleihen, die ohnehin hohe Staatsverschuldung des Landes sowie Unsicherheiten über die Finanzierung fiskalischer Maßnahmen haben zuletzt zu deutlichen Spannungen geführt. Der Yen stand zeitweise massiv unter Abwertungsdruck, was die Sorge vor möglichen Marktinterventionen durch die japanische Notenbank, möglicherweise auch koordiniert mit den USA, erneut verstärkte.

In diesem Umfeld rückt zunehmend ein zentrales Marktphänomen in den Fokus, das in den vergangenen Monaten ebenfalls häufiger im Zentrum medialer Aufmerksamkeit stand, nämlich die sogenannten „Yen Carry Trades“.

Dabei handelt es sich um eine seit Jahren weit verbreitete Finanzierungsstrategie. Investoren leihen sich Geld in Japan, wo die Zinsen traditionell extrem niedrig sind, tauschen ihre Yen anschließend in andere Währungen und investieren das Kapital in höher verzinste oder risikoreichere Anlagen, wie etwa Aktien, Unternehmensanleihen oder auch Bitcoin.

Solange der Yen stabil bleibt und die Zinsen niedrig sind, ist diese Strategie attraktiv. Steigt jedoch das Zinsniveau in Japan oder droht eine Aufwertung des Yen – etwa durch staatliche Eingriffe –, wird diese Form der Finanzierung plötzlich riskanter und teurer. In solchen Fällen beginnen Marktteilnehmer, ihre Positionen zu schließen. Kredite werden zurückgezahlt, Investitionen verkauft und Kapital aus Risikoassets abgezogen.

Kürzlich gab es Hinweise darauf, dass tatsächlich eine staatliche Intervention an den Devisenmärkten vorgenommen wurde, als der Wechselkurs USD/JPY von der vielbeachteten 160er-Marke deutlich abprallte. Da zeitgleich laut Insidern „Rate Checks“ von der New Yorker Federal Reserve durchgeführt wurden sein sollen, liegt die Vermutung nahe, dass die USA und Japan gezielt gegen eine weitere Schwäche des Yen vorgehen. Diese „Rate Checks“ gelten als Vorbote eines zentralen Eingriffs.

Am Freitag rutschte der Yen zunächst in Richtung der Marke von 160 – ein Niveau, bei dem die Märkte ein Eingreifen der Behörden für möglich halten. Anschließend erholte sich die Währung jedoch wieder, nachdem die New Yorker Federal Reserve laut einer mit der Angelegenheit vertrauten Quelle sogenannte Wechselkurs-Abfragen („Rate Checks“) durchgeführt hatte. Einige Marktteilnehmer werteten diese Bewegung als ein Signal für eine steigende Wahrscheinlichkeit einer gemeinsamen Intervention der USA und Japans, um den weiteren Wertverlust der Währung zu stoppen.
Zitat Reuters

Genau dieser Mechanismus wirkt aktuell belastend auf die globalen Finanzmärkte. Die zunehmende Unsicherheit rund um Japan erhöht die Wahrscheinlichkeit einer Rückabwicklung der „Yen Carry Trades“, was zu einem allgemeinen Rückgang der Risikobereitschaft führt. Auch Bitcoin ist davon indirekt betroffen, da Liquidität aus spekulativeren Marktsegmenten abgezogen wird und das eben unabhängig von Bitcoin-spezifischen Fundamentaldaten.

Kurzfristiges Marktverhalten vs. langfristige Einordnung

Die aktuelle Marktphase verdeutlicht ein wiederkehrendes Muster. Bitcoin wird kurzfristig primär als Risikoasset gehandelt, insbesondere in Phasen erhöhter makroökonomischer und geopolitischer Unsicherheit. Bitcoin gilt dann weniger als Absicherungsinstrument, sondern vielmehr als hochliquides Asset, das sich schnell veräußern lässt, ähnlich wie Aktien oder andere risikobehaftete Anlagen.

Dieses kurzfristige Marktverhalten steht allerdings nicht im Widerspruch zu einer langfristig anderen Einordnung. Vielmehr zeigt sich, dass die Wahrnehmung von Bitcoin stark vom jeweiligen Zeithorizont abhängt. Während kurzfristige Preisbewegungen maßgeblich durch Liquidität, Hebelpositionen und makroökonomische Rahmenbedingungen geprägt sind, spielen langfristig andere Faktoren eine Rolle, die in der Vergangenheit auch bereits häufig genannt und diskutiert wurden. Insbesondere die begrenzte Geldmenge, die Unabhängigkeit von staatlicher Geldpolitik sowie die globale, zensurresistente Übertragbarkeit.

Historisch lässt sich beobachten, dass Bitcoin in akuten Stressphasen häufig gemeinsam mit Risikoassets korrigiert, sich jedoch in längeren Zeiträumen wieder von klassischen Märkten entkoppeln kann. Die aktuelle Entwicklung liefert daher weniger eine grundsätzliche Aussage über die langfristige Rolle von Bitcoin, sondern spiegelt vor allem die zyklische Einordnung im gegenwärtigen Marktumfeld wider.

Kurzum: Dass Bitcoin derzeit eher als Risikoasset behandelt wird, ist vor allem Ausdruck der aktuellen makroökonomischen Lage und nicht zwingend eine Aussage über seine strukturellen Eigenschaften oder seine langfristige Funktion im globalen Finanzsystem. Eingefleischte „Bitcoin-Hodler“ werden sich von kurzfristigen Abwärts- oder Seitwärtsphasen ohnehin nicht irritieren lassen. 

René

Über den Autor: René

René ist Blocktrainer-Mitarbeiter der ersten Stunde. Als „Chief Operation Officer“ ist er mittlerweile hauptsächlich mit strategischen und organisatorischen Aufgaben betraut, findet jedoch Freude daran, zeitweise redaktionell tätig zu sein. In den vielen Jahren, in denen er im Bitcoin-Kosmos unterwegs ist, hat er sich ein breit gefächertes Know-how in sämtlichen Bereichen rund um die bedeutendste Kryptowährung angeeignet.

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