Die New York Times will das größte Rätsel der Bitcoin-Geschichte gelöst haben. Adam Back gilt seit Jahren als möglicher Kandidat für den Bitcoin-Erfinder Satoshi Nakamoto. Nun greift die bekannte US-Zeitung diese These erneut auf und untermauert sie mit neuen Analysen. Doch trotz zahlreicher Indizien bleibt der entscheidende Beweis weiterhin aus.

Ein neues Kapitel im wohl größten Rätsel der Finanzgeschichte

Die Identität von Satoshi Nakamoto gehört seit über 15 Jahren zu den hartnäckigsten ungelösten Fragen der digitalen Welt. Zahlreiche Journalisten, Analysten und selbsternannte Ermittler haben sich daran versucht, den Bitcoin-Erfinder zu enttarnen – bislang ohne Erfolg. Nun sorgt eine neue Recherche der New York Times erneut für Aufmerksamkeit. Der bekannte britische Kryptograf und Blockstream-Gründer Adam Back soll mit hoher Wahrscheinlichkeit hinter dem Pseudonym stecken.

Die Untersuchung stützt sich auf eine Vielzahl von Indizien, die aus unterschiedlichen Bereichen zusammengetragen wurden. Dabei geht es nicht nur um technische Zusammenhänge, sondern vor allem um sprachliche Muster, historische Aktivitäten und persönliche Verbindungen innerhalb der Cypherpunk-Bewegung. Doch trotz der detaillierten Analyse bleibt die entscheidende Frage bestehen: Handelt es sich hier um einen tatsächlichen Durchbruch oder lediglich um eine weitere Theorie, die sich in eine lange Reihe unbewiesener Spekulationen einreiht?

Sprachliche Muster als vermeintlicher Schlüssel

Ein zentraler Bestandteil der Argumentation ist die Analyse von Schreibstilen, auch bekannt als Stylometrie. Dabei werden charakteristische Eigenheiten in Texten untersucht, um Rückschlüsse auf deren Urheber zu ziehen. Der Autor der New York Times hat hierfür alte E-Mails, Forenbeiträge und Diskussionsverläufe aus der frühen Cypherpunk-Ära ausgewertet und mit den bekannten Texten von Satoshi Nakamoto verglichen.

Besonders von ihm hervorgehoben werden dabei wiederkehrende sprachliche Eigenheiten, die sowohl bei Adam Back als auch bei Satoshi auftreten sollen. Dazu zählen unter anderem spezifische Schreibweisen wie „proof-of-work“ oder „e-mail“, aber auch ungewöhnliche Formatierungen und eine Mischung aus britischer und amerikanischer Rechtschreibung. Laut der Analyse sollen sich sogar identische Muster bei der Verwendung von Bindestrichen finden lassen, was zumindest als statistisch auffällig interpretiert wird.

Allerdings ist genau dieser Punkt auch einer der umstrittensten. Denn viele dieser sprachlichen Eigenheiten waren nun mal in der damaligen Cypherpunk-Szene weitverbreitet. Wer sich intensiv mit digitalen Währungen, Kryptografie und Privacy beschäftigte, bewegte sich häufig in denselben Diskussionsräumen und übernahm ähnliche Begriffe und Schreibweisen. Die Frage ist daher, ob diese Übereinstimmungen tatsächlich auf eine gemeinsame Identität hindeuten oder lediglich das Resultat eines ähnlichen intellektuellen Umfelds sind.

Hashcash und die Wurzeln von Bitcoin

Neben der sprachlichen Analyse spielt weiterhin auch die technische Nähe eine zentrale Rolle in der Argumentation. Back ist bekanntermaßen der Erfinder von Hashcash, einem bereits 1997 entwickelten Proof-of-Work-System, das ursprünglich zur Bekämpfung von Spam gedacht war. Dieses Konzept wird im Bitcoin-Whitepaper explizit erwähnt und bildet eine der zentralen Grundlagen für Bitcoin und das spätere Mining-Verfahren.

Die Verbindung ist unbestritten und macht Back zweifellos zu einer der einflussreichsten Figuren im Vorfeld von Bitcoin. Doch genau darin liegt auch ein grundlegendes Problem der These. Viele der frühen Bitcoin-Entwicklungen basieren auf Ideen, die innerhalb der Cypherpunk-Bewegung bereits seit Jahren diskutiert wurden. Hashcash war ein wichtiger Baustein, aber lange nicht der einzige.

Die New York Times interpretiert diese Nähe dennoch als starkes Indiz. Die Argumentation folgt dabei der Logik, dass nur wenige Personen sowohl das technische Verständnis als auch die ideologische Motivation besaßen, ein System wie Bitcoin zu entwickeln. Adam Back erfüllt diese Kriterien zweifellos. Doch auch hier gilt, wie schon in früheren Satoshi-Theorien: Die Tatsache, dass jemand in der Lage gewesen wäre, Bitcoin zu erschaffen, bedeutet nicht zwangsläufig, dass er es auch wirklich getan hat.

Ein weiterer Aspekt der Recherche betrifft zeitliche Zusammenhänge zwischen den Aktivitäten von Adam Back und Satoshi Nakamoto. Während der aktiven Phase von Satoshi zwischen 2008 und 2011 war Back vergleichsweise zurückhaltend, zumindest was öffentliche Beiträge zu digitalen Währungen betrifft. Nach dem Verschwinden von Satoshi hingegen trat er wieder verstärkt in Erscheinung und äußerte sich erstmals öffentlich zu Bitcoin.

Auch solche Beobachtungen wirken auf den ersten Blick natürlich plausibel, sind aber ebenfalls schwer eindeutig zu interpretieren. Einen Beweis liefern sie definitiv nicht.

Adam Back weist die Vorwürfe zurück

Adam Back selbst hat die Vorwürfe klar und mehrfach zurückgewiesen. In einer neuen öffentlichen Stellungnahme bei 𝕏 betont er abermals, dass er nicht Satoshi Nakamoto sei und auch keine Kenntnis darüber habe, wer tatsächlich hinter dem Pseudonym steckt. Die aufgeführten Ähnlichkeiten erklärt er mit den gemeinsamen Interessen und dem engen Austausch innerhalb der Cypherpunk-Community.

Ich bin nicht Satoshi, aber ich habe schon früh meinen klaren Fokus auf die positiven gesellschaftlichen Auswirkungen von Kryptografie, Online-Privatsphäre und digitalem Geld gerichtet. Deshalb beschäftige ich mich seit etwa 1992 aktiv mit angewandter Forschung zu E-Cash und Datenschutztechnologien in der Cypherpunks-Mailingliste, was schließlich zu Hashcash und anderen Ideen führte.
Adam Back

Auch gab er eine Einschätzung zur Bedeutung der Satoshi-Identität. Wie viele andere vor ihm, erklärte auch Back erneute, dass es für Bitcoin sogar vorteilhaft war, dass die Person hinter dem Projekt unbekannt geblieben ist und noch immer bleibt. Dadurch könne Bitcoin als das wahrgenommen werden, was es im Kern ist: ein neutrales, dezentrales System, das nicht von einer einzelnen Persönlichkeit abhängig ist.

Diese Sichtweise teilen bekanntlich viele Leute innerhalb der Bitcoin-Community. Die Anonymität von Satoshi wird somit nicht als „ungelöstes Problem“ betrachtet, sondern als Teil der Stärke des Systems.

Kein Beweis, nur Indizien

Die aktuelle Recherche der New York Times zeigt eindrucksvoll, wie groß das Interesse an der Identität von Satoshi Nakamoto nach wie vor ist. Sie liefert immerhin eine detaillierte und methodisch aufbereitete Argumentation, die Adam Back als einen der plausibelsten Kandidaten darstellt.

Im Vergleich zu zahlreichen früheren Versuchen, Satoshi zu identifizieren, wirkt die Untersuchung dabei auch ehrlich gesagt in weiten Teilen deutlich strukturierter und fundierter. Insbesondere im Gegensatz zu der im vergangenen Jahr veröffentlichten HBO-Dokumentation, die den bekannten Entwickler Peter Todd als möglichen Satoshi präsentierte, fällt die aktuelle Analyse wesentlich umfangreicher und nachvollziehbarer aus. Während bei HBO teils wild-spekulative Verknüpfungen im Vordergrund standen, versucht die New York Times immerhin, verschiedene Indizien systematisch miteinander zu verknüpfen und zu untermauern.

Doch trotz der umfangreichen Recherche bleibt ein entscheidender Punkt unverändert. Es gibt keinen endgültigen Beweis für die Identität von Satoshi Nakamoto. Die Argumentation der New York Times basiert vollständig auf Indizien, die zwar in ihrer Gesamtheit ein bestimmtes Bild zeichnen, aber dennoch keine eindeutige Schlussfolgerung zulassen.

Ein tatsächlicher Beweis wäre ohnehin nur durch kryptografische Mittel möglich, etwa durch die Signierung einer Nachricht mit einem der bekannten privaten Schlüssel aus den frühen Bitcoin-Blöcken. Solange ein solcher Nachweis fehlt, bleibt jede Theorie, unabhängig von ihrer Detailtiefe, letztlich immer Spekulation.

Für Bitcoin selbst hat diese Debatte ohnehin nur begrenzte Relevanz. Das Netzwerk funktioniert unabhängig von seinem Erfinder, und genau darin liegt eine der zentralen Eigenschaften. Ob Satoshi jemals identifiziert wird oder nicht, ändert nichts an der Funktionsweise oder dem Fundament von Bitcoin.

Und genau das ist auch der entscheidende Punkt: Dass es am Ende gar nicht darauf ankommt, wer Bitcoin erschaffen hat.

René

Über den Autor: René

René ist Blocktrainer-Mitarbeiter der ersten Stunde. Als „Chief Operation Officer“ ist er mittlerweile hauptsächlich mit strategischen und organisatorischen Aufgaben betraut, findet jedoch Freude daran, zeitweise redaktionell tätig zu sein. In den vielen Jahren, in denen er im Bitcoin-Kosmos unterwegs ist, hat er sich ein breit gefächertes Know-how in sämtlichen Bereichen rund um die bedeutendste Kryptowährung angeeignet.

Artikel des Autors

Kommentare aus unserem Forum