Bitcoin entkoppelt sich vom 4-Jahres-Zyklus – Was jetzt kommt, ist größer
Der 4-Jahres-Zyklus ist tot
Die institutionelle Nachfrage nach Bitcoin ist so stark, dass der 4-Jahres-Zyklus tot ist.
– Matt Hougan, Chief Investment Officer bei Bitwise
Mit diesen Worten hat der Bitwise-CIO vor wenigen Tagen eines der prägendsten Narrative im Bitcoin-Sektor erschüttert. Jahrzehntelang galt der sogenannte 4-Jahres-Zyklus als Orientierungspunkt für Anleger: angetrieben durch die Halvings – also die alle vier Jahre halbierte Menge neu geschürfter Bitcoin – folgten regelmäßig explosive Bullenmärkte und ebenso heftige Korrekturen. Doch mit dem Markteintritt institutioneller Investoren, dem Aufstieg von Spot-ETFs und der zunehmenden Reife des Ökosystems verändert sich die Marktlogik grundlegend.
Die Halvings von 2012, 2016 und 2020 wirkten noch wie ein programmierter Angebots-Schock: Sobald die Inflation von Bitcoin halbiert wurde, führte dies meist – zeitverzögert – zu einem massiven Nachfrageüberhang. Dieser Mechanismus prägte wiederum die Spekulationsdynamik, auf die sich viele Analysten und Retail-Investoren verließen.
Doch die Zeiten, in denen das Marktverhalten fast ausschließlich von diesen Angebotsimpulsen bestimmt wurde, scheinen vorbei. Stattdessen dominiert heute eine neue Nachfrageseite – professionell, langfristig, kapitalstark.
Bereits vor einigen Tagen berichteten wir im Rahmen eines anderen Artikels darüber, dass der Bitcoin-Kurs bislang immer dem Halving-Zyklus gefolgt ist: Zwei Jahre nach dem Halving-Jahr gab es immer ein Bärenmarktjahr. Dafür waren das Halving-Jahr, das davor sowie das danach immer positiv für den Kurs.
Laut Matt Hougan, wird es diesmal jedoch anders sein.
Ich bin überzeugt, dass wir auch nächstes Jahr einen Bullenmarkt erleben werden“
– Matt Hougan, Chief Investment Officer bei Bitwise
Neue Marktphase sichtbar im Chartverlauf
Die strukturelle Veränderung lässt sich auch im Kursverlauf beobachten. Die Community diskutiert derzeit ein Chartbild, das Mitchell Askew, ein Manager beim Miningunternehmen Blockware gepostet hat. Er stellt in dem Chart zwei Epochen gegenüber:
In der sogenannten „Pre-Institutional Era“ dominieren starke Ausschläge – parabolische Aufwärtsbewegungen, gefolgt von dramatischen Einbrüchen. Seit dem ETF-Boom hingegen scheint sich ein gleichmäßiger, nachhaltiger Aufwärtstrend zu etablieren – mit deutlich geringerer Volatilität.
Der BTC/USD Chart sieht vor und nach dem ETF aus wie zwei völlig unterschiedliche Vermögenswerte.
Die Zeiten von parabolischen Bullenmärkten und verheerenden Bärenmärkten sind vorbei.
BTC wird in den nächsten 10 Jahren auf 1.000.000 Dollar steigen – durch eine stetige Abfolge von „Pump“ und „Konsolidierung“.
Dabei wird es alle zu Tode langweilen und die [Bitcoin-] Touristen aus ihren Positionen schütteln.
Schnallt euch an!
Mitchell Askew, Manager bei Blockware
BTC/USD looks like two entirely different assets before and after the ETF
— Mitchell Askew ✝️🇺🇸🌞 (@MitchellHODL) July 25, 2025
The days of parabolic bull markets and devastating bear markets are over
BTC is going to $1,000,000 over the next 10 years through a consistent oscillation between “pump” and “consolidate"
It will bore… pic.twitter.com/JlyKpLei65
Nur eine Momentaufnahme?
Ein Blick auf den ISM Manufacturing Purchasing Managers Index – einen bedeutenden Frühindikator für die wirtschaftliche Aktivität in den USA – legt nahe, dass die derzeit geringe Volatilität bei Bitcoin aber auch schlicht Teil eines größeren makroökonomischen Zusammenhangs sein könnte. Immer wenn sich der Index über längere Zeit seitwärts um die 50er-Marke bewegt – also weder klare Expansion noch Rezession signalisiert –, scheinen auch die Finanzmärkte inklusive Bitcoin in eine Art Stillstand zu verfallen.
So war es etwa 2015–2016 der Fall – und erneut seit Anfang 2023. In beiden Perioden war auch der Bitcoin-Kurs von auffällig ruhigem Verlauf geprägt. Geringe Kursschwankungen, enge Handelsspannen und eine gewisse Trägheit in der Marktbewegung deuten darauf hin, dass konjunkturelle Orientierungslosigkeit auch auf die Krypto-Märkte abstrahlen kann.
Nun stellt sich also die Frage: Ist das aktuelle Marktverhalten vielleicht nur eine temporäre Reaktion auf das wirtschaftliche Umfeld oder doch Ausdruck eines tiefergehenden strukturellen Wandels?
Warum es diesmal anders sein könnte
Im Gegensatz zu früheren Seitwärtsphasen sprechen diesmal mehrere Faktoren dafür, dass die geringe Volatilität nicht bloß ein makroökonomischer Nebeneffekt ist – sondern eine Folge fundamentaler Marktveränderungen:
- Regulierte Spot-ETFs haben den Zugang für institutionelle Investoren massiv erleichtert.
- Die Marktstruktur ist liquider, tiefer und professioneller als je zuvor.
- Kapital fließt nicht mehr in plötzlichen Schüben, sondern gleichmäßig, durch strategische Allokationen großer Vermögensverwalter.
Kurz gesagt: Die Ruhe am Markt könnte diesmal kein Vorbote eines kommenden Sturms sein – sondern der neue Normalzustand.
Diese Sichtweise teilt auch der bekannte Experte und Bloomberg-Analyst Eric Balchunas. In einem gestern verfassten Posting bei 𝕏 schrieb er:
„Seit dem BlackRock-Filing ist Bitcoin um 250 % gestiegen – mit viel weniger Volatilität und ohne Brechreiz-verursachende Rücksetzer. Das hat geholfen, noch größere Fische anzulocken und Bitcoin eine echte Chance gegeben, als Währung angenommen zu werden.“
Er spricht damit die neue Risikostruktur des Marktes an: Wer Milliarden in Bitcoin-ETFs investiert, will keine Kursabstürze über Nacht erleben – und bekommt sie offenbar auch nicht mehr, genau wie extreme Preisausschläge nach oben.
„Der Nachteil? Wahrscheinlich keine 'God Candles' mehr. Man kann eben nicht alles haben.“
Für Balchunas steht fest: Auch er glaubt nicht mehr an den klassischen 4-Jahres-Zyklus. Die neue Marktstruktur bringt Berechenbarkeit und weniger Spektakel.
Ein Milliardenverkauf – und der Markt bleibt ruhig
Ein Ereignis, das die veränderte Marktstruktur besonders eindrucksvoll illustriert, fand vor wenigen Tagen statt: Galaxy Digital, einer der größten institutionellen Akteure im Bitcoin-Sektor, bestätigte den Verkauf von über 80.000 BTC im Gesamtwert von rund 9 Milliarden US-Dollar – und das im Auftrag eines einzelnen institutionellen Kunden.
Was früher unweigerlich zu Panik, Kursstürzen und Kettenreaktionen geführt hätte, löste diesmal kaum eine nennenswerte Reaktion am Markt aus. Kein Flash-Crash, kein Angst-Candle, keine Liquidationswelle. Nur drei Tage nach dem Verkauf der Milliardensumme steht der Bitcoin-Kurs bereits wieder bei rund 119.000 US-Dollar und damit auf dem gleichen Niveau wie zuvor.
Jack Mallers, der CEO von Strike, kommentierte das Geschehen mit den Worten:
„Bitcoin ist nicht fragil. Es wird viel mehr als 80.000 BTC brauchen, um diesen Markt zu stoppen.“
Auch für Mallers ist der gelassene Umgang des Marktes mit dieser gigantischen Verkaufsorder also ein klares Zeichen der Reife. Der Bitcoin-Markt ist heute liquider, strukturierter und belastbarer als je zuvor. Großvolumige Transaktionen können in geordneten Bahnen abgewickelt werden – ohne dass dabei der Preis implodiert oder das Vertrauen erschüttert wird.
Fazit: Der Zyklus bricht – vielleicht
Ob der klassische 4-Jahres-Zyklus tatsächlich „tot“ ist, wie Matt Hougan und Eric Balchunas behaupten, lässt sich nicht mit letzter Sicherheit sagen. Bitcoin war in der Vergangenheit immer wieder für Überraschungen gut – und hat sich regelmäßig über gängige Modelle und Prognosen hinweggesetzt. Die Annahme, dass sich der Markt nun dauerhaft in ruhigerem Fahrwasser bewegt, könnte sich demnach als verfrüht erweisen.
Gleichzeitig sprechen aber auch viele Indizien dafür, dass der Bitcoin-Markt nicht mehr derselbe ist wie noch vor wenigen Jahren. Der Einstieg institutioneller Investoren, der ETF-Boom, die zunehmende Liquidität und Professionalität sowie das veränderte Anlegerverhalten deuten, wie gesagt, auf eine neue Marktphase hin – weniger zyklisch, aber dafür stabiler und vorhersehbarer.
Die großen Preissprünge könnten in Zukunft ausbleiben, ebenso wie die spektakulären Abstürze. An ihre Stelle treten womöglich langsame, aber nachhaltige Kursbewegungen, die weniger vom Hype als von Kapitalallokation gesteuert sind.
Ob das neue Bitcoin-Zeitalter wirklich begonnen hat, wird sich erst in den kommenden Jahren zeigen. Doch die Zeichen verdichten sich: Der Markt verändert sich – vielleicht dauerhaft.