Bitcoin entkoppelt sich in der Krise
Die Frage, ob Bitcoin lediglich als „Risk-On-Asset“ oder doch als „sicherer Hafen“ einzuordnen ist, wird an den Kapitalmärkten schon seit Jahren rege diskutiert. Im Regelfall leidet der Kurs in Krisenzeiten nämlich kurzfristig überproportional. Die Erholung hingegen gestaltet sich dann aber meist stärker als bei anderen Anlageklassen.
Im Rahmen des am Samstag ausgebrochenen Krieges im Iran ist entsprechend spannend zu beobachten, wie sich BTC in diesen Zeiten der Unsicherheit schlagen kann. Überraschenderweise fällt Bitcoin seither mit einer besonders positiven Performance auf, die sogar das „Krisenmetall“ Gold in den Schatten stellt.
Bitcoin glänzt durch relative Stärke
Bitcoin war das einzige relevante Asset, das Marktteilnehmer direkt an dem Wochenende mit einer hohen Liquidität handeln konnten. Der Kurs brach in unmittelbarer Reaktion auf den Angriff der USA und Israels auf den Iran zwar um mehr als 4 % ein; alle Verluste konnten aber schnell wieder wettgemacht werden.
Als am Montag dann die Börsen wieder geöffnet hatten, ging es bei der größten Kryptowährung sogar um circa 5 % bergauf, während die Aktienmärkte schwächelten und Gold nur bescheiden zulegen konnte. Am darauffolgenden Dienstag stand dann so ziemlich alles unter großem Abgabedruck. Doch auch hier fiel BTC durch relative Stärke auf.
Diese Outperformance setzt sich in den Mittwoch hinein weiter fort. Am heutigen Tag nimmt BTC wieder die Marke von 72.000 US-Dollar ins Visier und handelt damit auf dem höchsten Niveau seit dem 8. Februar 2026. Anders als Gold und Aktien befindet sich BTC zudem deutlich über dem Niveau der vergangenen Woche, woraus sich ableiten lässt, dass der Kurs von der Kriegssituation zu profitieren scheint.
Bitcoin schlägt Aktien und Gold seit Kriegsbeginn
Vom Börsenschluss am Freitag aus gemessen, stellt Bitcoin unter dem Strich nicht nur die breiten Aktienmärkte, sondern auch Gold in den Schatten – und das auch am Mittwoch im vorbörslichen Handel.
| Bitcoin (IBIT) | Gold | MSCI World | MSCI Emerging Markets | |
| Montag | + 5,39 % | + 1,32 % | – 0,35 % | – 1,73 % |
| Dienstag | – 1,26 % | – 4,44 % | – 1,56 % | – 5,01 % |
| Mittwoch (vorbörslich; Stand 14:18 Uhr) | + 4,55 % | + 1,91 % | + 0,42 % | + 0,41 % |
Um Bitcoin mit anderen Anlageklassen zu vergleichen, bietet es sich an, aufgrund der gleichen Handelszeiten mit Aktien und Co. einen Bitcoin-Spot-ETF heranzuziehen. So ist die Performance eines Montags auch vom Schlusskurs des Freitags aus gemessen. Würde man den normalen Bitcoin-Kurs hingegen an einem Montag mit Aktien vergleichen, dann bliebe die Kursentwicklung des Wochenendes unberücksichtigt, was zu großen Verzerrungen führen kann.
Bitcoin fiel gegen Ende der vergangenen Woche zwar schon in Antizipation, als eine Eskalation im Nahen Osten zunehmend eingepreist wurde. Doch da die Aktienmärkte zum Wochenbeginn merkbar unter Druck gerieten, lässt sich nicht behaupten, dass die Krisensituation von den Märkten bereits vorweggenommen wurde.
Außerdem notiert BTC – anders als Gold und die großen Aktienindizes – deutlich über den Höchstständen der vorherigen Woche.
Starke ETF-Zuflüsse
Die bemerkenswerte Outperformance von Bitcoin ist in dieser Woche bislang von starken Zuflüssen in die US-amerikanischen Bitcoin-Spot-ETFs begleitet.
Am Montag und Dienstag saugten die Anlageprodukte zusammengenommen mehr als 680 Millionen US-Dollar auf.
Das zeigt: An der Wall Street scheint große Nachfrage nach Bitcoin in dieser Krisenzeit zu bestehen.
Nichtsdestotrotz befinden sich die kumulierten Zuflüsse seit der Zulassung aktuell „nur noch“ bei circa 55,5 Milliarden US-Dollar – also ein gutes Stück unter dem bisherigen Höchststand von knapp 63 Milliarden US-Dollar, der im Oktober 2025 erreicht wurde.
Ist Bitcoin doch ein Krisenschutz?
Es gibt mehrere Gründe, die die aktuelle Kursstärke von Bitcoin erklären könnten. Zum einen ist der Kurs der Kryptowährung in den vergangenen Monaten so stark gefallen, dass eine Gegenbewegung ohnehin wohl überfällig war. Bitcoin verzeichnete nämlich fünf rote Monate in Folge. Einschließlich der vergangenen Woche gab es auch sechs Wochen hintereinander mit Kursverlusten.
Zu Kursen zwischen 60.000 und 70.000 US-Dollar, also rund 50 % unter dem im Oktober gesetzten Allzeithoch, scheinen letztlich nicht mehr allzu viele Marktteilnehmer zum Verkauf bereit zu sein. Anders sieht es wohl bei Gold und Aktien aus, wo sich die Notierungen noch nahe der Höchststände befinden.
Zum anderen könnte die Krisensituation aber auch wieder vielen ins Gedächtnis rufen, dass Bitcoin es den Menschen ermöglicht, ihr Kapital leicht mit sich zu nehmen. Goldbarren über Grenzen zu bewegen, kann zu Problemen führen, während Immobilien immer und überall dem Standortrisiko ausgesetzt sind. Umsätze und Gewinne von Unternehmen können derweil – je nach Branche – von Kriegen stark in Mitleidenschaft gezogen werden.
Die wohl bullischste Begründung wäre aber, dass das große Geld nun zunehmend erkennt, dass Bitcoin aufgrund der fundamentalen Eigenschaften eigentlich sogar den perfekten „sicheren Hafen“ darstellt. Bitcoin hat nämlich kein Kontrahentenrisiko, das Netzwerk ist aufgrund der Dezentralität stabil genug für Chaos aufgestellt und die Gesamtmenge kann – anders als bei Fiatwährungen – nicht manipuliert werden, um Geld für Kriege bereitzustellen.
Ob sich Bitcoin nun als „Krisenschutz“ etablieren kann, wird aber unter dem Strich noch die Zukunft zeigen müssen. Wenige Tage der „Entkopplung“ bei einem Kriegsausbruch reichen nämlich noch nicht aus. Aber: Viele Marktteilnehmer dürften die aktuelle Outperformance genau beobachten, wodurch sie sich in einem weiteren Schritt dazu entscheiden könnten, doch eine Position aufzubauen. Viele Großanleger blicken nämlich noch skeptisch auf BTC, da das Asset oftmals eine hohe Korrelation mit spekulativen Technologieaktien aufweist.
Eine solche positive „Entkopplung“, während große Unsicherheiten vorherrschen, hat demnach das Potenzial, das Bitcoin-Narrativ ein für alle Male zu verändern – allein schon durch den Mechanismus der selbsterfüllenden Prophezeiung. Die Zeit dafür könnte jetzt gekommen sein.