Der Kursrutsch von Bitcoin setzt sich weiter fort. Am heutigen Tag kostete ein BTC zeitweise nur noch weniger als 90.000 US-Dollar. Damit beträgt der Kursrückgang seit dem Allzeithoch vom 6. Oktober, als BTC über 126.000 US-Dollar stieg, mehr als 29 %.
Ausmaß der Korrektur
Korrekturen von um die 30 % sind jedoch selbst in Bullenmärkten nichts Außergewöhnliches. So fiel BTC in diesem Zyklus bereits mehrfach um mehr als 30 %:
- Rückgang vom 14.03.2024 bis zum 05.08.2024: ~ 34 % (Panik wegen des „Yen Carry Trade“)
- Rückgang vom 20.01.2025 bis zum 07.04.2025: ~ 32 % (Panik wegen Trumps „Liberation Day“)
Im Jahr 2021, während des vorherigen Bitcoin-Bullenmarktes, gab es sogar eine 56-%-Korrektur, von der sich BTC erholen und anschließend direkt auf ein neues Allzeithoch steigen konnte.
Die alleinige Betrachtung des Kursrückgangs ist also noch kein ausreichendes Argument, um jetzt einen Bitcoin-Bärenmarkt auszurufen.
In der traditionellen Finanzwelt spricht man zwar von einem Bärenmarkt ab einem Kursrutsch von mehr als 20 %, doch Bitcoin würde nach diesem Maßstab in Bullenmärkten immer mehrere kurze Bärenmärkte durchleben.
Bärenmarkt-Indikator
Nichtsdestotrotz ist im Rahmen dieser Korrektur bereits etwas passiert, das ansonsten immer einen Bärenmarkt beziehungsweise eine Korrektur von mehr als 50 % von diesem Niveau aus mit sich gezogen hat: Der Bitcoin-Kurs ist nachhaltig unter den 50-Wochen-Durchschnitt gefallen. Dies geschah bislang nur im Rahmen der Bärenmärkte 2011, 2014/15, 2018, 2022 und während des Covid-Crashs.
Der 50-Wochen-Durchschnitt ist aber nur einer von vielen Indikatoren, die Aufschluss darüber geben könnten, ob es nur eine Korrektur oder der Start eines Bärenmarkts ist. Grundsätzlich gilt, dass Charttechnik mit Vorsicht zu genießen ist und viele Modelle, die bereits herangezogen wurden, um die Kursentwicklung von Bitcoin vorherzusehen, schon gebrochen wurden.
Makroökonomisches Umfeld
In den vergangenen Jahren hat sich gezeigt, dass der Bitcoin-Kurs sehr stark von der Geldpolitik der US-Zentralbank und der allgemeinen Wirtschaftslage abhängt – insbesondere der in den USA.
So brach BTC beispielsweise im März 2020 gemeinsam mit dem Aktienmarkt ein, als in den meisten Ländern Lockdowns aufgrund der Coronapandemie ausgerufen wurden. Als dann die großen Zentralbanken – allen voran die Federal Reserve – in Reaktion darauf die Märkte mit Liquidität fluteten, stieg BTC von wenigen Tausend auf über 60.000 US-Dollar in wenigen Monaten.
Ein Grund für die Kursschwäche von Bitcoin dürfte gerade entsprechend sein, dass die Wahrscheinlichkeit für eine weitere Zinssenkung bei der kommenden Fed-Notenbanktagung am 10. Dezember deutlich zurückgelaufen ist. Im Oktober gingen Marktteilnehmer zu mehr als 90 % von einem Zinsschritt um 25 Basispunkte aus, jetzt sind es nur noch circa 45 %, da zunehmend eingepreist wird, dass die Fed den Leitzins unverändert lässt.
Obwohl sich der kurzfristige Ausblick derzeit eintrübt, dürfte die Liquiditätssituation mittel- bis langfristig deutlich „besser“ werden. Die Fed gab bei der letzten Tagung bekannt, dass der Bilanzabbau, durch den die Zentralbank der Wirtschaft seit Mitte 2022 Liquidität entzieht, im Dezember aufhören wird.
Im Mai 2026 endet zudem die Amtszeit von Fed-Chef Jerome Powell, was US-Präsident Donald Trump die Möglichkeit gibt, einen Notenbankchef zu nominieren, der ihm zuliebe die Geldpolitik lockern wird. Trump installierte bereits den Verbündeten Stephen Miran als Notenbankgouverneur, der sich bei der Zentralbank derzeit schon für stärkere Zinssenkungen einsetzt.
Da die Staatsschulden der USA mittlerweile bei über 38 Billionen US-Dollar stehen – Tendenz steigend –, während die jährlichen Zinszahlungen mehr als 1 Billion US-Dollar betragen, ist nur davon auszugehen, dass eine zunehmend Trump-nahe Federal Reserve dem US-Haushalt mit Anleihekäufen und Zinssenkungen unter die Arme greifen wird.
Trotz dieser Aussichten besteht jedoch immer das Risiko, dass der Bitcoin-Kurs von einer Wirtschaftskrise nach unten gezogen wird. Dass die USA in absehbarer Zeit in eine Rezession abrutschen beziehungsweise es einen größeren Crash an den traditionellen Märkten geben wird, kann niemals ausgeschlossen werden.
Doch selbst wenn dies der Fall sein sollte, zeigt sich in der Geschichte von Bitcoin, dass sich das Asset von diesen Krisensituationen sehr schnell immer wieder erholen konnte. Das liegt nicht zuletzt daran, dass die Reaktion der Notenbanker dann meist eine weitere Öffnung der Geldschleusen ist, wovon BTC in aller Regel überproportional profitiert.
Dass dieser Bitcoin-Zyklus verhältnismäßig schwach ausgefallen ist – trotz eines Kurszuwachses von mehr als 700 % seit dem Bärenmarkttief –, dürfte daran liegen, dass sich die Zinsen die ganze Zeit auf einem verhältnismäßig hohen Niveau befanden haben, während die Fed ihre Bilanz abgebaut hat.
Zyklustheorie
Das wohl beste Argument, das die Bären auf ihrer Seite haben, dürfte jedoch sein, dass jetzt die Zyklustheorie von Bitcoin für mehrere Monate mit fallenden Kursen spricht.
Bislang war es immer so, dass der Bitcoin-Kurs im vierten Quartal im Jahr nach dem Halving, das in den Jahren 2012, 2016, 2020 und 2024 stattfand, das Zyklus-Top erreicht hat.
Demnach wäre es durchaus vorstellbar, dass das Hoch vom 6. Oktober für längere Zeit das Allzeithoch gewesen sein wird. In den vergangenen Zyklen gab es nach dem Hoch Korrekturen von über 75 %:
- Kursrutsch im Bärenmarkt nach Halving 1: ~ 87 %
- Kursrutsch im Bärenmarkt nach Halving 2: ~ 84 %
- Kursrutsch im Bärenmarkt nach Halving 3: ~ 78 %
Eine andere Betrachtungsweise zeigt, dass zwischen dem Tief des Bärenmarkts und dem Hoch des darauffolgenden Bullenmarkts immer 35 Monate vergangen sind (sofern man im Zyklus nach dem ersten Halving das Tief im Januar 2015 und nicht im August 2015 verortet, obwohl es da leicht niedrigere Notierungen gab). Ein Zyklus-Top im Oktober würde entsprechend genau diesem Muster folgen.
Eine mögliche Erklärung dafür, dass diese Zyklen weiterhin Bestand haben werden, ist, dass viele Marktteilnehmer diese auf dem Schirm haben, wodurch es zur „selbsterfüllenden Prophezeiung“ werden könnte. Das würde bedeuten, dass einige Anleger jetzt schon in Antizipation eines Bärenmarkts verkaufen, womit sie den Kurs tatsächlich unter Druck bringen, was wiederum weitere Verkäufer nach sich zieht, die dann ebenfalls mit einer Wiederholung der Zyklen rechnen.
4-Jahres-Zyklen gebrochen?
Obwohl sich die Zyklustheorie bislang als äußerst zuverlässig erwiesen hat, gibt es mehrere Gründe, die dagegen sprechen, dass sie weiterhin gültig sein wird. Bitcoin überstieg in diesem Bullenmarkt beispielsweise zum ersten Mal vor dem Halving den Höchststand des vorherigen Zyklus. Außerdem ist der Bitcoin-Kurs Stand jetzt seit Jahresauftakt im Minus, obwohl bislang immer das Post-Halving-Jahr deutliche Kursgewinne mit sich gebracht hat.
Hunter Horsley, CEO des Vermögensverwalters Bitwise Invest, stellte diesbezüglich die These in den Raum, dass der Kurs womöglich schon das gesamte Jahr aufgrund des antizipierten Bärenmarktes schwächelt.
Ihm zufolge wäre also vorstellbar, dass der Verkaufsdruck auf Basis der Zyklustheorie im Großen und Ganzen schon abgearbeitet wurde und entsprechend kein typischer Bärenmarkt mehr bevorsteht.
Was wäre, wenn — weil alle für 2026 im Rahmen eines 4-Jahres-Zyklus mit einem Bärenmarkt rechnen — diese Erwartung den Bärenmarkt zeitlich nach vorne gezogen hat?
Und wir in Wirklichkeit einen großen Teil dieses Jahres schon im Bärenmarkt waren?
Ich weiß es nicht, aber Verrückteres ist schon passiert. Der Markt verändert sich.
Hunter Horsley, Bitwise-CEO
What if —
— Hunter Horsley (@HHorsley) November 4, 2025
Because everyone worries about a bear market in 2026 as part of a 4 year cycle.
The expectation pulled forward timing of the bear market.
And we’ve actually been in the bear market for much of this year.
Not sure, but crazier things have happened. The market is… https://t.co/HpfpdB8JSR
Die fundamentale Erklärung für die Zyklen ist zudem, dass diese sich um das Halving herum aufbauen, bei dem die Menge der neu hinzukommenden Coins halbiert wird. Die neuen Bitcoin sind in Relation zur Gesamtmenge von 21 Millionen Coins, von denen bereits 95 % im Umlauf sind, aber nur noch ein Tropfen auf dem heißen Stein, weshalb der Halving-Effekt immer stärker abnehmen dürfte – obwohl auch die Bitcoin-Bestände auf Börsen in einem ähnlichen Tempo zurücklaufen.
In Zeiten, in denen institutionelle Marktteilnehmer und sogar Nationalstaaten immer relevanter für die Kursentwicklung werden, ist zudem fraglich, ob sich die Zyklen weiterhin so ausspielen werden. Es ist gut vorstellbar, dass einige Großanleger – die wohl kaum den Bitcoin-Zyklen folgen – noch an der Seitenlinie stehen und sich niedrige Kurse schnell zunutze machen werden, wodurch ein potenzieller Bärenmarkt im Keim erstickt werden könnte.
Michael Saylor, Mitgründer und „Executive Chairman“ von Strategy, argumentiert, dass es jetzt die Handlungen der Großakteure sind, die entscheiden, wie sich der Kurs entwickeln wird – und nicht die fundamental betrachtet kaum noch ausschlaggebenden Halving-Zyklen. In einem Interview am Freitag vergangener Woche zeigte sich Saylor entsprechend zuversichtlich, dass BTC von diesem Niveau aus weiter steigen wird.
Ich denke, dass die Lage derzeit ziemlich stabil ist. Ich meine, der Großteil der Liquidationsverkäufe ist aus dem System heraus. Ich denke, wir werden von hier aus eine Rally hinlegen. […] Ich glaube ohnehin nicht an 4-Jahres-Zyklen. Ich denke, dass sie in den ersten 12 Jahren vielleicht eine gewisse Glaubwürdigkeit hatten, aber der 4-Jahres-Zyklus basiert irgendwie auf der Idee, dass täglich 225 Bitcoin hinzukommen werden nach dem nächsten Halving, was einem Kaufvolumen von 22 oder 20 Millionen US-Dollar entspricht. Glauben Sie mir, 20 Millionen Dollar an Käufen … Am Markt wurde gestern mit 100 Milliarden gehandelt. […] Die Dynamik auf dem Markt wird davon bestimmt, dass Jerome Powell glaubt, er wolle die Zinsen länger hoch halten – es ist Makroökonomie, es ist Politik, es ist strukturell. […] Es sind die Handlungen der Mega-Finanzakteure, die jetzt die Zukunft von Bitcoin bestimmen, und alle Fundamentaldaten sind gut.
Michael Saylor, Strategy-Gründer
Michael @Saylor glaubt nicht an die Zyklustheorie und betont, dass große Finanzakteure über die Entwicklung von $BTC entscheiden. 👀
— Blocktrainer (@blocktrainer) November 18, 2025
„Wenn JPMorgan Kredite in Höhe von 10 oder 100 Milliarden US-Dollar gegen Bitcoin vergibt, wird das den 4-Jahres-Zyklus in den Schatten stellen.“ pic.twitter.com/tWg7zvyV7z
Saylor schloss sein Plädoyer damit ab, zu betonen, dass Bitcoin-Halter einen Zeithorizont von mehreren Jahren mitbringen müssen und nicht versuchen sollten, die Kursentwicklung der nächsten Monate vorherzusehen.
Mein Rat an alle lautet daher: Wenn Sie Entscheidungen mit einem Zeithorizont von 12 Monaten oder weniger treffen, sind Sie ein Trader. […] Sie wissen, dass ich kein Trader bin. Ich bin kein guter Trader. Ich gebe auch nicht vor, einer zu sein. Ich habe keinen Rat für Sie. Wenn Sie hingegen Unternehmer oder Investor sind, sollten Sie einen Zeithorizont von vier Jahren oder mehr haben.
Michael Saylor, Strategy-Gründer
Wenn man von Bitcoin fundamental überzeugt ist, ist es laut Saylor also weniger wichtig, zu einer Einschätzung darüber zu kommen, wie sich der Kurs kurzfristig entwickeln wird beziehungsweise die Halving-Zyklen zu traden, sondern viel mehr in längeren Zeitabständen zu denken.
Denn selbst jemand, der zum Hoch im Jahr 2017 bei 20.000 US-Dollar eingestiegen ist und anschließend einen Kursrückgang von mehr als 80 % aussitzen musste, hat seinen Einsatz Stand jetzt ver-4,5-facht, während der Aktienindex MSCI World seither nur um 150 % gestiegen ist.
Und da der Bitcoin-Kurs bereits fast 30 % unter dem Hoch notiert, während es zuvor keine wirkliche Übertreibung nach oben gab, ist auch davon auszugehen, dass sich das Abwärtspotenzial selbst in dem Fall, dass jetzt ein Bärenmarkt beginnt, in Grenzen hält.
Der Grund für die Kursrückgänge von 75 % oder mehr war in der Vergangenheit wohl in erster Linie die Sorge davor, dass Bitcoin wieder komplett in der Irrelevanz verschwinden wird. Diese Annahme dürfte in Zeiten, in denen mit BlackRock der größte Vermögensverwalter der Welt für Bitcoin wirbt und der Präsident der größten Volkswirtschaft der Welt ein Dekret für eine strategische Bitcoin-Reserve verabschiedet hat, vollends vom Tisch sein.