Jane Street wegen Insider-Handel verklagt
Der Terra-Luna-Kollaps
Terraform kam unter die Räder, als im Mai 2022 schließlich der hauseigene, algorithmische Stablecoin UST den Peg, also die Bindung an den US-Dollar, verlor. Dies führte in einer Kettenreaktion dazu, dass auch der Terra-Token Luna kollabierte. Do Kwon, der Kopf hinter dem Projekt, wurde im Dezember 2025 schließlich zu 15 Jahren Haft verurteilt. Terraform reichte im Januar 2024 den Insolvenzantrag ein.
Der Zusammenbruch des Konstrukts gilt als zentraler Treiber des Bitcoin- beziehungsweise Krypto-Bärenmarkts 2022. Luna war nämlich zeitweise mit einer Marktkapitalisierung von mehr als 40 Milliarden US-Dollar in den Top 10 der größten Coins, während zu Höchstzeiten UST im Wert von fast 20 Milliarden US-Dollar im Umlauf waren. Bei dem algorithmischen Stablecoin wurden Investoren zeitweise mit Renditen von um die 20 % gelockt.
Die eng mit Terraform verflochtene Luna-Foundation hatte vor dem Kollaps auch eine große Bitcoin-Reserve in Höhe von mehr als 80.000 BTC aufgebaut. Diese Bitcoin wurden schließlich verkauft, um das eigene Ökosystem zu stützen – letztlich aber vergeblich. Die Veräußerung der Bitcoin-Bestände setzte damals den gesamten Markt unter Druck. Hinzu kam die Tatsache, dass der Zusammenbruch solch großer Coins wie Luna viele Marktteilnehmer ganz grundsätzlich abgeschreckt hat.
Doch nicht nur die vielen Kleinanleger, die Luna oder UST gehalten hatten, gehörten zu den Geschädigten. Auch das Krypto-Trading-Unternehmen Three Arrows Capital (3AC) musste wenig später aufgrund der durch den Terra-Luna-Kollaps erlittenen Verluste die Pforten schließen.
Dies gipfelte schließlich sogar in dem Kollaps der damals großen Krypto-Börse FTX. Denn die mit FTX verflochtene Trading-Firma Alameda Research versuchte, die Löcher im Krypto-Markt, die Terraform und 3AC hinterlassen haben, zu stopfen. Daraufhin veruntreute FTX Kundengelder, um wiederum Alameda Research unter die Arme zu greifen, was letztlich dazu führte, dass die Krypto-Börse im November 2022 keine Auszahlungsanfragen mehr bedienen konnte und Konkurs anmelden musste.
Klage gegen Jane Street
Der vom Gericht eingesetzte Abwicklungsadministrator von Terraform, der Firma hinter UST und Luna, erhebt nun schwere Vorwürfe gegen Jane Street. Laut ihm soll sich die Wall-Street-Trading-Firma nicht-öffentlicher Informationen bedient haben, um „Frontrunning zu betreiben, mit dem der Zusammenbruch von Terraform beschleunigt wurde“.
Während eines der folgenreichsten Ereignisse in der Geschichte der Kryptowährungen hat Jane Street Marktbeziehungen missbraucht, um den Markt zu seinen Gunsten zu manipulieren.
Abwicklungsadministrator von Terraform gegenüber dem Wall Street Journal
Jane Street soll einen ehemaligen Praktikanten von Terraform namens Bryce Pratt dafür eingesetzt haben, direkte Kommunikationskanäle zu dem Krypto-Projekt aufzubauen. Konkret habe Pratt eine E-Mail-Kette gestartet, um den Leiter der Geschäftsentwicklung von Terraform mit den „DeFi“-Führungskräften von Jane Street in Kontakt zu bringen.
Überdies soll es einen privaten Gruppenchat mit dem Namen „Bryce's Secret“ gegeben haben, bei dem ein Softwareentwickler sowie der Leiter der Geschäftsentwicklung von Terraform mit von der Partie waren. Dieser Chat sei laut der Zivilklage dafür genutzt worden, dass Jane Street Insider-Informationen erhält.
Ursprünglich sei eine direkte Investition von Jane Street in Terraform geplant gewesen, über die via E-Mail diskutiert wurde. Ende 2018 schlossen Jane Street und Terraform auch schon einen Vertrag über den direkten Handel mit den Kryptowährungen. Später sollen, so die Klage, diese Kommunikationskanäle aber als Hintertür genutzt worden sein, um selbst zu profitieren.
Konkrete Vorwürfe
Am 7. Mai 2022, kurz vor dem Kollaps, zog Terraform 150 Millionen UST aus einem Liquiditätspool ab, über den Stablecoins untereinander getauscht wurden. Weniger als zehn Minuten später, lange bevor diese Entnahme der Öffentlichkeit bekannt war, habe eine Krypto-Wallet, die laut Analysten mit Jane Street in Verbindung steht, 85 Millionen UST aus demselben Pool abgezogen, heißt es in der zu großen Teilen geschwärzten Klageschrift.
Do Kwon erklärte erst am nächsten Tag, dass die 150 Millionen UST entnommen wurden, um sie in einen anderen Pool zu überführen. Durch den Missbrauch der Informationen konnte Jane Street, so der Vorwurf, „potenzielles Exposure in Höhe von mehreren hundert Millionen US-Dollar genau zum richtigen Zeitpunkt, nur wenige Stunden vor dem Zusammenbruch des Terraform-Ökosystems, abwickeln“.
Als sich UST am 9. Mai 2022 schon vom US-Dollar entkoppelte, aber noch nicht kollabiert war, soll Jane Street überdies Interesse daran bekundet haben, Bitcoin oder Luna-Token direkt von Terraform abzukaufen. Dies soll über einen weiteren Gruppenchat von Pratt, in den auch Do Kwon selbst involviert war, geschehen sein.
In diesem Chat soll es außerdem um einen Deal mit dem Unternehmen Jump Trading gegangen sein, mit dem Terraform eine geheime Vereinbarung getroffen habe, um UST vor dem Zusammenbruch zu retten. Vor zwei Monaten wurde auch Jump Trading vom Abwicklungsadministrator verklagt, da die Firma aus der Sache mit Milliardengewinnen herausgegangen ist.
Jane Street soll über den Gruppenchat von dem Deal mit Jump Trading gewusst haben. Informationen dieser Art seien laut der Klage vom Wall-Street-Giganten später auch für Short-Trades genutzt worden, um mit der sich anbahnenden Todesspirale Geld zu verdienen.
Ab dem 8. Mai stützten sich die Trader von Jane Street auf wesentliche nicht-öffentliche Informationen, darunter Informationen über die Gesundheit und Stabilität von UST und die Fundraising-Bemühungen von Luna, um Luna und UST zu shorten.
Aus der Klage
Das sowie die frühzeitige Liquidierung der UST‑Bestände sollen den Kollaps beschleunigt und auf Kosten der Gläubiger von Terraform geschehen sein – und das unrechtmäßig, so die Klage. Der Abwicklungsadministrator beabsichtigt, über diesen Weg Geld für die Geschädigten aufzutreiben.
Im Namen der Geschädigten werden wir alle Möglichkeiten ausschöpfen, die durch die Fakten und das Gesetz gestützt werden, um gegen diejenigen vorzugehen, die ihre Position ausgenutzt und auf Kosten der Gläubiger von Terraform Labs erhebliche Gewinne erzielt haben.
Abwicklungsadministrator von Terraform
Jane Street weist die Vorwürfe als „öffentlichen Versuch, Geld zu erpressen“ zurück. Der Grund für die Verluste sei einzig und allein das Management von Terraform, das einen milliardenschweren Betrug begangen habe. Do Kwon bekannte sich im August 2025 wegen „Verschwörung zur Täuschung“ (conspiracy to defraud) sowie wegen „Überweisungsbetrugs“ (wire fraud) schuldig.
Diese verzweifelte Klage ist ein offensichtlicher Versuch, Geld zu erpressen, obwohl längst feststeht, dass die Verluste der Terra- und Luna-Inhaber das Ergebnis eines milliardenschweren Betrugs durch das Management von Terraform Labs waren. Wir werden uns energisch gegen diese unbegründeten, opportunistischen Behauptungen verteidigen.
Sprecher von Jane Street
Marktmanipulation als Crash-Auslöser?
Selbst wenn Jane Street den Terra-Luna-Kollaps begünstigt haben soll, ändert dies nichts an der Tatsache, dass das Krypto-Konstrukt ohnehin fragil war. UST war nicht mit US-Dollar gedeckt, sondern basierte lediglich auf dem algorithmischen Handel zwischen UST und Luna. Das heißt: In einer Marktbereinigung wären die Coins wohl auch ohne die vermeintlichen Insider-Trades von Jane Street in sich zusammengefallen. Solange der Wall-Street-Gigant nicht verurteilt ist, gilt natürlich die Unschuldsvermutung – auch wenn die Indizienlage erdrückend zu sein scheint.
Grundsätzlich wird in der Krypto-Community sehr schnell von Marktmanipulation gesprochen, wenn der Kurs in die entgegengesetzte Richtung läuft. Durch die Klage fühlen sich viele nun in ihrer Annahme bestätigt, dass „Big Player“ den Markt in den Händen haben. Letztlich zeigt sich aber, dass Bitcoin aus jeder Stressphase bislang wieder gestärkt hervorgehen konnte. Denn weniger als zwei Jahre nach dem Terra-Luna-Kollaps erreichte BTC bereits wieder ein neues Allzeithoch.
Das kürzlich eingereichte 13F-Filing von Jane Street zeigt, dass die Trading-Firma große Bitcoin-Spot-ETF-Positionen hält.
Laut Daten von Bloomberg betrug das Bitcoin-Exposure zum 31. Dezember 2025 umgerechnet 17.497 Bitcoin – ein Anstieg gegenüber dem vorherigen Quartal um 4.342 BTC.
Demnach ist die Annahme, dass es der Wall-Street-Gigant grundsätzlich auf Bitcoin abgesehen hat, wohl kaum haltbar.
13F-Filings sind bei institutionellen Investoren, die ausgeklügeltere Strategien verfolgen, dennoch nur bedingt aussagekräftig, da unter anderem Short-Positionen nicht aufgeführt werden.
Der Bitcoin-Kurs befindet sich momentan wieder in einem Bärenmarkt, der an das Jahr 2022 erinnert. Da jetzt jedoch etabliertere Institutionen den Markt dominieren, ist die grundsätzliche Annahme, dass ähnliche Kaskadenreaktionen wie damals nicht mehr drohen. Damals standen nämlich betrügerische Praktiken von einflussreichen, intransparenten Krypto-Unternehmen im Mittelpunkt. Jetzt sind die entscheidenden Player im Markt vielmehr regulierte Aktiengesellschaften wie Strategy, deren Bilanz einen noch deutlich weiter fallenden Bitcoin-Kurs überstehen könnte.
Der Kollaps von Terraform, FTX, 3AC und Co. dient unter dem Strich als Blaupause dafür, wie gefährlich Spielereien mit Krypto-Projekten sind. Diejenigen, die lediglich Bitcoin durch alle Höhen und Tiefen durchgehalten und dabei ihre Coins keiner Offshore-Börse anvertraut haben, konnten diese Phasen leicht überstehen und hohe Investitionsgewinne einfahren.